Germeinsame Aktivitäten werden stets abwechslungsreich gestaltet: Bei einem Geschicklichkeitsspiel geht es beispielsweise darum, ein Problem gemeinsam in der Gruppe zu lösen – jede Hand wird gebraucht.

Beim Grillen gibt es zwei verschiedene Schlangen – eine für Schweinefleisch und eine für Hühnchen.

Bei der Arbeit an der Nähmaschine hatten die Frauen eine gern genutzte Möglichkeit zum gemeinsamen Austausch.

Das Zuckerfest wurde in Hünfeld mit Menschen aller Konfessionen gefeiert. Solche Begegnungen tragen zum gegenseitigen Verständnis bei:

An Fasching ging es bunt zu: Gemeinsam übte man den Hünfelder Faschingsruf „Gaalbern hinein“ und verbrachte schunkelnd gemeinsame Stunden.

Kolpingmagazin So sind wir Netzwerk für Geflüchtete

Alle lernen dazu

Die Kolpingsfamilie Hünfeld begleitet Geflüchtete, feiert zusammen mit ihnen, tauscht sich über Brauchtümer aus und möchte so zur Integration beitragen.

Nicht ein Grill ist aufgestellt, es sind zwei. Auf dem einen liegen Fleischstücke vom Schwein, auf dem anderen Fleischstücke vom Huhn – da das Kotelett, dort die Keule. „Das haben wir auch erst lernen müssen“, sagt Dieter. Dass viele Muslime kein Schweinefleisch essen, das sei klar. Aber dass einige Muslime das Fleisch, das sie essen dürfen, dann nicht essen, wenn es auf einem Rost lag, auf dem auch Schweinefleisch gegrillt wurde, das habe man nicht gewusst. Auch Ismat hat vieles erst lernen müssen. Über ein Land, das ihm vor zwei Jahren noch völlig fremd war. Und jetzt ein bisschen weniger fremd. Manches aber ist ihm immer noch ein Rätsel. „Müll trennen, wie geht, habe keine Plan“, sagt er. Und zuckt mit den Schultern. Ismat kommt aus Afghanistan. Momentan lebt er im Jägerhof in Hünfeld. Die ehemalige Gaststätte mit Hotel hat ihren Betrieb vor einigen Jahren eingestellt. Nun finden dort 70 Geflüchtete und Asylbewerber zeitweise Unterkunft.

Ein Samstagnachmittag im Juni. 100, vielleicht 120 Leute sitzen an Biertischen, die vor dem Jägerhof aufgestellt wurden. Die Teller sind voll, sehr voll, der Hunger ist groß. Man reicht sich Brot, es riecht nach Gegrilltem. Mädchen in rosa Tüllröcken spielen lachend Fangen, einige Frauen haben ihre Hände mit Henna bemalt, ein kleiner Junge, der noch nicht sicher gehen kann, trägt Weste und Fliege. Über das Geplauder legen sich orientalische Klänge. Ismat tanzt. Heute wird gefeiert. Das Ende des Fastenmonats Ramadan. Über Smartphones verschicken Muslime Glückwünsche zum „Eid“, zum sogenannten Zuckerfest. Neben und um Ismat herum bewegen sich andere junge Männer. Die, die nicht tanzen, klatschen laut. Die muslimischen Frauen halten sich im Hintergrund, manche schauen zu, andere essen, unterhalten sich. Die Frauen tanzen in dem Moment nicht mit. Männer und Frauen, so hält sich in vielen muslimischen Ländern die Tradition, tanzen nicht zusammen, sie tanzen getrennt und Frauen selten in der Öffentlichkeit. 

Gegenseitiges Verständnis ist das A und O für erfolgreiche Integration

„Man kommt sich fast vor wie im Deutschland der 50er-Jahre“, kommentiert Dieter, der an der Grillstation steht und nach Senf sucht. Er klingt nicht verärgert, eher enttäuscht. Das seien eben so Momente, in denen ihm, das müsse er zugeben, die andere Kultur fremd bleibe. Dieter will niemanden verbiegen. Aber er will auch nicht alles hinnehmen. „Man müsste sagen, bei uns gibt es das nicht, Frauen stehen bei uns nicht in der zweiten Reihe, wir haben Gleichberechtigung“, sagt Dieter. Er wolle an diesem Thema Gleichberechtigung dranbleiben, er kennt viele Geflüchtete, er sucht den Dialog, auch darüber. „Je mehr man voneinander versteht, desto besser“, erklärt er. Deshalb würde er schließlich auch beim Zuckerfest mithelfen. Denn: „Das Zuckerfest ist ein Begegnungsfest.“ Das sieht nicht nur er so. So ähnlich ist es auch in der Einladung der Kolpingsfamilie Hünfeld formuliert, die die Feier mit ausrichtet und jeden dazu einlädt, der Lust hat und Zeit: „Gerne lernen wir dabei mehr über die verschiedenen Kulturen.“

Dieter Hohmann ist mit Irene Gutberlet und Stephan Witzel im Leitungsteam der Kolpingsfamilie Hünfeld, die derzeit um die 160 Mitglieder fasst. Als im Jahr 2015 die ersten Geflüchteten ankamen, momentan leben um die 200 am Ort, überlegten die Kolpinger nicht lange. Sie hätten schnell gewusst: „Wir müssen da aktiv werden, das ist unsere ureigenste Aufgabe.“ Doch wo anpacken, was anpacken? Brauchen die Geflüchteten das, von dem wir denken, dass sie es benötigen oder etwas ganz anderes? Was bedeutet es, fremd in einem Land zu sein? Bald war man sich einig, damit die Geflüchteten sich hier wohlfühlen, müssen sie Hünfeld, müssen sie Deutschland verstehen. Mit seinen Regeln, Gesetzen, Brauchtümern. „Verpassen wir es, die Geflüchteten zu integrieren, dann entstehen Parallelgesellschaften“, ist Ingrid Pappert überzeugt, ehemals Vorsitzende der Kolpingsfamilie Hünfeld. 

Eine Veranstaltungsreihe erklärt die wichtigsten Brauchtümer der Region

Die Adventszeit beispielsweise. „Wir haben uns überlegt, wie Geflüchtete sich wohl fühlen, wenn sie über den Weihnachtsmarkt gehen. Verstehen sie den ganzen Rummel, verstehen sie die Hintergründe?“, erzählt Ingrid. Und wie sieht es dann im weiteren Jahresverlauf aus, wie zu Karneval, wie zu Ostern? Um das, was es dazu generell zu wissen gibt, den Geflüchteten näher zu bringen, entwickelte die Kolpingsfamilie Hünfeld schließlich eine Reihe mit Veranstaltungen zum Thema Brauchtum.

Bereits die erste Veranstaltung zu den Themen Advent, Weihnachten und Silvester war sehr gut besucht, es kamen um die 60 Interessierte. „Das zeigte uns, dass der Bedarf da ist“, so Ingrid. Zur Präsentation gehören viele Bilder und Musikbeiträge. Die Texte werden auf Deutsch und Englisch vorgetragen und von Geflüchteten für andere Geflüchtete in Dari und Syrisch übersetzt. Dass die Veranstaltungen Hemmschwellen genommen haben, dass man sich nun weniger scheut, aufeinander zuzugehen, zeigt Ingrid allein der Gang durch die Stadt: „Die Geflüchteten sagen Hallo, bleiben kurz stehen, haben Fragen, wollen etwas erzählen.“

Brauchtumsveranstaltung, das klingt behäbig, fast wie aus dem Behördenjargon. Als ginge es ernst, nüchtern und sachlich zu. Doch das Gesellige kommt nicht zu kurz. Zu Fasching übten beispielsweise alle gemeinsam den Hünfelder Faschingsruf „Gaalbern hinein“. Man machte eine Polonaise, sang und schunkelte zusammen. Schunkeln aber zunächst mit Anleitung: „Wir haben erklärt, dass das Einhaken keine weitere Bedeutung hat“, erzählt Ingrid. So lustig es auch zugehen kann, so deutlich sprechen die Kolpinger auch aus, wenn ihnen etwas nicht behagt. Öffentlich diskutierte Vorfälle veranlassten sie am nächsten Vortragsabend zu verdeutlichen und darüber gemeinsam ins Gespräch zu kommen: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich; Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das heißt: Männer haben nicht über Frauen zu bestimmen. Jede Frau kann und muss für sich selbst entscheiden, was sie möchte oder nicht.“

Mit der Veranstaltungsreihe sollte es jedoch nicht getan sein. Eine nächste Idee wurde im Mai 2017 umgesetzt. Weil sie den Frauen aus den inzwischen drei Unterkünften eine Einführung in die Nähmaschine geben wollten, organisierten die Kolpinger über Privatspenden mehrere Nähmaschinen, einen Raum im Pfarrheim Sankt Ulrich und freiwillige Helfer, wie den Schneidermeister Bernhard Wiegand, dessen Frau Gisela und Gerda Mattern. Schnell aber wurde klar, dass die Frauen gar keine Anfängerinnen waren. Hier zeigt sich, dass es bei jedem Engagement auch wichtig ist, zu fragen, was die  Personen bereits können, was sie gerne machen und wo ein echter Bedarf besteht. „Ich staunte nur so, wie die Frauen ganz freihändig Blusen und Kinderkleider zuschnitten, sich danach an die Maschine setzen und das fertige Stück noch am selben Tag mit nach Hause nehmen konnten“, erzählt Bernhard Wiegand. „Wann treffen wir uns wieder?“, fragten sie dann immer noch, bevor sie sich nach der gemeinsamen Nähstunde voneinander verabschiedeten.

"Für die Frauen war es eine gute Möglichkeit, mal alleine irgendwo hinzugehen. Die Männer wussten, dass die Frauen zum Nähen gehen, und das durften sie“, sagt Ingrid. Was als Anfängerkurs gedacht war, entwickelte sich dann zu wöchentlichen Treffen; manchmal kamen sechs Frauen, manchmal sogar zehn. „Und wenn sie gingen, strahlten sie über das ganze Gesicht, weil wir immer eine richtig gute Zeit miteinander hatten“, berichtet Gisela Wiegand. 

Über die Monate ist Vertrauen und Wertschätzung entstanden 

Sie würden sich wohl auch heute immer noch treffen, doch fast alle Frauen mussten in andere, entferntere Unterkünfte umziehen, und auch der Raum konnte nach einiger Zeit nicht mehr gestellt werden. Bernhard Wiegand trauert der Zeit hinterher. „Ich war der einzige Mann im Kurs. Die Frauen blieben lange auf Abstand, aber irgendwann schmolz das Eis und sie haben mich herzlich umarmt und gedrückt – wie einen Bruder“, erzählt der Schneidermeister. „Ja, das hat dir gefallen“, sagt Ehefrau Gisela lächelnd. „Klar hat es das“, sagt Bernhard. Und lächelt zurück. 

Die Frauen in den Nähkursen haben viel erzählt. Viele ihrer Geschichten sind traurige Geschichten. Auch in Hünfeld leben Menschen, die wissen, was Not bedeutet, was Angst, was Krankheit, was Armut. Die Betroffenen leben oft so, dass niemand merkt, wie schlecht es ihnen eigentlich geht. Und wenn es doch jemand merkt, ist der oft ratlos, wie er helfen soll. „Die Hünfelder können sich deshalb an uns wenden, wenn sie wissen, dass jemand dringend Hilfe braucht“, erzählt Kolpingsbruder Burkhard Melzer. Mit einem im Jahr 2009 eingerichteten Familienfonds, in den Spenden von Privatleuten und Firmen fließen, unterstützt die Kolpingsfamilie Hünfeld Familien, die keine staatliche Unterstützung beziehen und Gelder für besondere Anschaffungen benötigen. In den ersten neun Jahren wurde bereits mit mehr als 20.000 Euro geholfen. „Ob es Geflüchtete sind oder Menschen, die nebenan wohnen, wenn wir gebraucht werden, sind wir da“, fasst Ingrid zusammen. Man müsse sich nur fragen, was hätte Adolph Kolping gemacht und dann wisse man, was zu tun sei. „Eigentlich ganz einfach“, sagt sie.  

Text: Sylvie-Sophie Schindler


Auch Ihr engagiert Euch für Geflüchtete? Ihr wollt etwas zum Thema Integration beitragen? Ihr möchtet Euch engagieren, aber wisst noch nicht genau, wie? Dann bucht die Kolping Roadshow Integration oder eine kostenlose Schulung beim Kolping-Netzwerk für Geflüchtete.     
Desirée Rudolf
Telefon: +49 (0)221/20701–143
E-Mail: desiree.rudolf[at]kolping.de