An der Kolping-Akademie für Gesundheits- und Sozialwesen in Gütersloh lernen die Azubis praxisnah.

Dennis Lohmann: Der 20-Jährige macht gerade eine Ausbildung zum Altenpfleger in Gütersloh.

Mona Flachmann: Die 21-Jährige besucht mit Dennis dieselbe Klasse am Altenpflegeseminar in Gütersloh. Von den älteren Menschen hat sie schon viel gelernt.

Kira Sass: Kira hat mit 18 Jahren ein FSJ im Krankenhaus gemacht. Am Ende hat sie sich dann doch für einen anderen Ausbildungsberuf entschieden.

Johannes Stahl: Um eine gute Entscheidung zu treffen hat der 20-Jährige vorab eine Vorausbildung zum Altenpfleger gemacht.

Kolpingmagazin

Zwischen Beruf und Berufung

In Deutschland herrscht Pflegenotstand. Sowohl in der Kranken- als auch in der Altenpflege fehlen tausende Fachkräfte. Und das, obwohl kaum ein anderer Beruf als so erfüllend beschrieben wird.

Knapp drei Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Egal ob krank oder alt, sie alle sind auf die Hilfe von ausgebildetem Fachpersonal angewiesen, das ihnen einen würdigen Alltag ermöglicht. Doch genau diese Fachkräfte sind zunehmend Mangelware. Obwohl unsere Bevölkerung statistisch gesehen immer älter wird, erlernen immer weniger Jugendliche Ausbildungsberufe im Pflegebereich. Kaum einer fragt: Wer kümmert sich eigentlich um mich, wenn ich einmal hilfsbedürftig oder alt bin?

Jemand, der sich diese Frage gestellt hat, ist Johannes Stahl aus Aichach in der Nähe von Augsburg. Der 20-Jährige absolviert eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger und startet demnächst ins dritte und letzte Lehrjahr. Da auch er zunächst Zweifel hatte, ob er nicht doch lieber Polizist werden solle, machte Johannes erstmal eine einjährige Vorausbildung zum Krankenpflegehelfer. „Das war eine gute Basis, um die Entscheidung zu treffen. Dazu kann ich jedem raten, der sich unsicher ist.“

Dass Krankenpflege für Johannes mehr Berufung als Beruf ist, war ihm während des selbstverordneten Probelaufs schnell klar geworden: „Ich wollte einen Job, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Und anders als viele glauben, geht es in meinem Beruf eben nicht nur um die sogenannte Grundpflege, sondern vielmehr um seelische Fürsorge und die individuellen Bedürfnisse der Menschen.“ Gerade unter jungen Pflegenden beobachtet Johannes dieses Selbstverständnis. Umso problematischer findet er es, dass aufgrund des Fachkräftemangels immer weniger Zeit zur Betreuung einzelner Patienten bleibt: „Ich hoffe, dass ich meine Ideale angesichts des hektischen Berufsalltags nicht verliere.“

Ähnliches hat Kira Saß erlebt, als sie nach dem Abitur mit damals 18 Jahren beschloss, ein FSJ im Krankenhaus zu machen. Anders als Johannes empfand die gebürtige Hamburgerin die physische und seelische Belastung jedoch als zu hoch und entschied sich stattdessen für eine kaufmännische Ausbildung sowie für ein anschließendes Studium. Weil Kira die vielen positiven Aspekte einer Tätigkeit im Pflegebereich jedoch sehr zu schätzen gelernt hat, packt die 25-Jährige nicht nur im Hörsaal, sondern nebenher auch als Aushilfskraft auf einer Kinderstation mit an. „Neben einer klassischen Ausbildung gibt es eben noch viele andere Möglichkeiten, sich in der Pflege einzubringen.“

Kiras größte Motivation ist die spürbare Dankbarkeit der Menschen: „Während meiner Ausbildung im Reisebüro hat sich selten jemand bedankt. Auf der Kinderstation schaue ich dagegen häufig in strahlende Gesichter und bekomme viele positive Rückmeldungen.“ Dass man in der Krankenpflege auch mit weniger schönen Dingen zu tun hat – beispielsweise mit Wunden oder Urin – stört Kira dabei kaum. „Im Fernsehen kann ich auch kein Blut sehen, aber in der Realität ist es dann doch ganz anders. Das muss jeder für sich selbst ausprobieren.“ Sowieso spreche man viel zu häufig über die vermeintlich schlechten Seiten des Berufs.

Das findet auch Andrea Künzel, Leiterin der Kolping-Akademie für Gesundheits- und Sozialwesen in Gütersloh, zu der auch eine Altenpflegeschule gehört. „Vor allem die Medien sollten viel mehr über die zigfach ausgeführte liebevolle Pflege sprechen“, fordert sie angesichts der vielen Negativbeispiele. Dass die Öffentlichkeit überhaupt über Pflege diskutiert, ist dabei auch der kritischen Nachfrage eines jungen Pflegers im Kanzlerduell zu verdanken, mit der er Angela Merkel in Bedrängnis brachte. „Das haben wir in der Pflegebranche dringend gebraucht. Nun hoffe ich sehr, dass die Diskussion nicht wieder im Alltagsgeschäft versandet“, so Andrea Künzel.

Denn auch die im Koalitionspapier festgehaltenen Maßnahmen werden für eine Bekämpfung des Pflegenotstands kaum ausreichen. Von den darin vorgesehenen neuen Stellen entfällt umgerechnet nur ungefähr eine halbe auf jede einzelne Pflegeeinrichtung. „Die Initiativen sind da, aber der große Wurf ist es noch nicht.“ Deshalb sei es umso wichtiger, etwas für das Image der Pflegebranche insgesamt zu tun. „Die Öffentlichkeit nimmt kaum wahr, wie komplex der Pflegeprozess eigentlich ist. Gerade in der Altenpflege gestalten wir das Leben älterer Menschen häufig über viele Jahre hinweg und unter immer neuen Situationen.“

Dass daraus oft sehr enge und vertrauensvolle Beziehungen entstehen, berichten Dennis Lohmann (20) und Mona Flachmann (21). Beide besuchen dieselbe Klasse am Altenpflegeseminar in Gütersloh. „Gerade alte Menschen haben viel aus ihrem Leben zu erzählen. Da gibt es sowohl ernste Gespräche als auch Späße zwischendurch“, erklärt Dennis. Dem kann Mona absolut zustimmen: „Man kann viel von ihnen lernen. Ich nehme jeden Tag etwas Neues mit.“ So haben sich beide nach diversen Praktika und persönlichen Berührungspunkten – zum Beispiel bei der Pflege der Großeltern – ganz bewusst für die Altenpflege entschieden. „Anders als in der Krankenpflege betreut man Menschen über einen längeren Zeitraum hinweg. Da steht das Soziale ganz klar im Vordergrund“, so Dennis.

Die engen Bindungen bergen jedoch auch Herausforderungen. „Wenn ein Praktikum im Rahmen der Ausbildung zu Ende geht und der Moment des Abschieds kommt, werden schon ein paar Tränchen verdrückt“, erklärt Mona. So seien ihr die Bewohner der Pflegeeinrichtungen über die Zeit doch sehr ans Herz gewachsen. Das Gleiche gilt natürlich auch für den letzten Abschied. Denn wer in der Altenpflege arbeitet, ist zwangsweise auch mit dem Tod konfrontiert. „Nach einem langen Leidensweg ist der Tod aber auch oft eine Erleichterung. Ich empfinde es als große Bereicherung, dass ich die Menschen am Lebensende so gut wie möglich begleiten kann. Mit dem Rest lernt man umzugehen“, versichert Dennis.

Ein anerkennendes „Ich könnte das nicht!“ bekommen Mona und Dennis im privaten Umfeld besonders oft zuhören. Doch die beiden finden, dass die sicherlich gut gemeinte Aussage zu kurz greift. „Wo würden wir hinkommen, wenn es sich jeder so einfach machen würde?! Wenn es mehr verpflichtende Praktika im Sozialbereich gäbe, würden sich sicherlich auch mehr Jugendliche für einen entsprechenden Beruf begeistern“, schlägt Mona vor. Ärgerlich ist für Dennis auch der unterschwellige Vorwurf, mit dem abgeschlossenen Abitur keinen anderen Beruf erlernt zu haben. „In der Altenpflege gibt es super Aufstiegschancen und Weiterbildungsmöglichkeiten. Wer weiß, vielleicht mache ich sogar einen eigenen Betrieb auf!“ Auch Mona findet ein anschließendes Studium sinnvoll – irgendwann selbst an einer Altenpflegeschule zu unterrichten, kann sie sich sehr gut vorstellen. Sich ganz aus der Pflegepraxis herauszuhalten, ist für die beiden derweil jedoch keine Option: „Dafür macht die alltägliche Arbeit zu viel Spaß!“

Auch Johannes empfindet seinen Beruf durch und durch als erfüllend. „Die Krankenpflege stellt mich jeden Tag vor neue Herausforderungen. Kein Tag ist wie der andere – im positiven Sinne.“ Neben den Ärzten Verantwortung für das langfristige Wohlergehender Patienten zu tragen, ist für ihn eine schöne Aufgabe: „Natürlich ist es anspruchsvoll, aber mit der nötigen Portion Ehrgeiz klappt es.“ Nicht zuletzt lerne man aufgrund der alltäglichen Arbeit auch die eigene Gesundheit stärker zu schätzen. Gerade weil die Pflegebranche aktuell vor großen Herausforderungen steht, glaubt Johannes fest daran, dass Gott ihn dahin geschickt hat, wo er am meisten gebraucht wird.

Wenn es um die Zukunft der Pflegeberufe geht, hat auch Kira Verbesserungsvorschläge. „Ein attraktiverer Lohn würde die Lage definitiv verbessern. Schließlich tragen Pflegerinnen und Pfleger eine hohe Verantwortung und treffen wichtige Entscheidungen zur Gesundheit der Menschen.“ Die althergebrachte Bezeichnung „Pflegeberuf“ findet Kira deshalb nicht mehr ganz zutreffend. „Die teils sehr medizinischen Aufgaben gehen eben weit über das gesellschaftliche Verständnis von Pflege hinaus.“

Von mangelndem Interesse an einer Tätigkeit in der Altenpflege ist in Gütersloh und Enger derweil glücklicherweise kaum etwas zu spüren. „Wir sind rappelvoll“, sagt Andrea Künzel über die verschiedenen Ausbildungsangebote der beiden Fachseminare. Neben Jugendlichen und jungen Erwachsenen gebe es auch viele ältere Quereinsteiger, die ihre Zukunft in der Altenpflege sehen. Dabei handeln sie nach dem Empfinden Andrea Künzels voll und ganz im Geiste Adolph Kolpings: „Er hat Antworten auf die Probleme seiner Zeit gefunden. So ist es in der alternden Gesellschaft von heute auch die Aufgabe von uns Kolpingern, allen Menschen Teilhabe zu ermöglichen – egal wie alt oder eingeschränkt sie sind.“

Für diese wichtige Aufgabe sollte man laut Mona und Dennis folgende Fähigkeiten mitbringen: „Vor allem Empathie, Teamfähigkeit und Verlässlichkeit sind super wichtig!“ Daneben schade auch ein gewisses Maß an körperlicher Fitness nicht – schließlich muss man ordentlich zupacken können. Für Menschen, die diese Eigenschaften mitbringen, kann es laut Dennis keinen besseren Job geben: „Was man jeden Tag an persönlicher Erfüllung mitnimmt, ist mit nichts aufzuwiegen.“„Außerdem hat wohl kaum ein anderer Job eine sicherere Zukunft“, fügt Mona augenzwinkernd hinzu. 


Text: Franziska Völlinger
Fotos: Barbara Bechtloff, Fernandes Fotografia