So sind wir

Wir sind doch offen. Aber offen genug?

200 Angebote pro Jahr bietet alleine die Kolpingsfamilie Neunkirchen am Brand an. Kolping und Kirche sind für viele Menschen hier eins. Trotzdem stellt sich immer wieder die Frage: Sind wir offen genug für Neue?

Der Taxifahrer sagt, dass man sich nicht täuschen lassen solle, in Neunkirchen gäbe es keine neun Kirchen. Er lacht. Er sagt, er sei noch nicht lange hier, vier Jahre oder so, und als er hierher kam, habe er selbst nach den neun Kirchen gesucht. Warum Neunkirchen so heißt, wie es heißt, habe er nie herausgefunden. Die Fahrt geht durch einen Wald, über Hügel, vorbei an einer großen Fabrikanlage. Es heißt, hier, in Oberfranken, an der Grenze zur Fränkischen Schweiz, befinde sich eines der größten Kirschanbaugebiete Europas. Zu spät aber für das Blütenmeer, die Zeit der Kirschblüte ist vorbei. Das Taxi hält an. Soundsoviel Euro bitte, danke, noch einen schönen Tag. Der Tag ist bereits schön, er ist sonnig. Auf dem Gelände, auf dem die Kirche Sankt Michael steht, ist ein Schild angebracht, die Stadtgeschichte in wenigen Worten. Es gibt die Antwort, die der Taxifahrer nicht gefunden hat. Die Gründung, irgendwann zwischen 1050 und 1100, habe von Seiten des Bistums Bamberg stattgefunden. Man habe den Wald gerodet und ausgebrann tund Bauern an dem Wasserlauf, dem Brandbach, angesiedelt. In diesem Zuge entstand eine neue Kirche, die dem Ort den Namen gab: zur neuen Kirche auf dem Brande.

Wir zeigen uns

Eine weitere Kirche, die Pfarrkirche Sankt Michael, wurde im gotischen Stil erbaut. Sie wirkt wie eine kleine Festung, hat altertümlichen Charme. Einst Klosterkirche ist sie heute Zentrum der katholischen Pfarrgemeinde. Kirchenpfleger ist Rainer Obermeier. Er trägt Schnauzbart und Brille und schaut so, als würde er immer lächeln.
Guten Tag, Herr Obermeier.
Guten Tag, wir sind gleich da, nur ein paar Schritte um die Kirche herum.
Es geht über einen Kieselweg und über Steinplatten.
Sehen Sie, unser Gemeindehaus, sagt Rainer Obermeier. Er ist seit neun Jahren Vorsitzender der Kolpingsfamilie Sankt Josef in Neunkirchen am Brand. Das Pfarrzentrum, das den Namen Adolph Kolping trägt, um zu zeigen, wie eng Kolping und Kirche an diesem Ort zusammenwirken, wurde um das Jahr 2001 neu gebaut. Es hat eine breite Fensterfront, wirkt licht und hell. Hier sind wir zuhause, sagt Rainer Obermaier.
An manchen Tagen seien alle Räume belegt, auch von anderen Gruppen. Vorträge, Diskussionen, Kurse, Feste. Etwa 200 Angebote pro Jahr biete alleine die Kolpingsfamilie an, es gäbe auch eine eigene Theatergruppe, die sich regelmäßig treffe. Rainer Obermeier öffnet die Tür, die Kirchenglocken schlagen zur vollen Stunde.

Was ist Kirche, was ist Kolping, die meisten am Ort würden da keinen Unterschied machen. Für Außenstehende sei das eins, sagt Rainer Obermeier. Was auch daran liege, dass die Kolpingsfamilie sehr stark in die Pfarrei eingebunden sei. Über viele Jahre habe es kaum Pfarrgemeinderatsmitglieder gegeben, die nicht bei Kolping gewesen seien. Bei allen kirchlichen Festen, wie neulich bei der Fronleichnamsprozession, wirke man sowieso mit. Wir sind präsent, wir zeigen uns, sagt Rainer Obermeier, und wir leben unseren Glauben ganz offen. Mit knapp 500 Mitgliedern ist die Kolpingsfamilie Sankt Josef die größte im Diözesanverband Bamberg. Die Mitglieder kommen nicht nur aus dem 8.000 Einwohner großen Neunkirchen, sondern auch aus elf umliegenden Gemeinden, in denen es keine eigenen Kolpingsfamilien gibt.

Emotionale Geborgenheit

Anni Werwein sagt, wenn ich durch den Ort gehe, gehe ich als Kolpingerin durch den Ort. Anni Werwein ist seit dem Jahr 1975 dabei, damals wurden die ersten Frauen aufgenommen, da habe sie, wie sie erzählt, gleich losgelegt. 1992 habe sie sich zur Vorsitzenden wählen lassen, nicht, weil sie es unbedingt gewollt hätte, sondern weil kein passender Mann gefunden worden sei. Auch das sei damals neu gewesen, eine Frau als Vorsitzende. Aber Anni, sagt Sylvia Brill, die mit in der Runde sitzt, die sich im ersten Stock des Pfarrgemeindehauses versammelt hat. Anni, sagt sie, du weißt doch auch, dass wir Kolpinger am Ort von einigen als hochnäsig und arrogant angesehen werden. Das stimmt aber nicht, das sind wir nicht, sagt Anni. Die Außenwirkung sei aber manchmal noch so, dann heiße es, wir seien ein elitärer Verein, sagt Sylvia.

Als du neu zu uns gekommen bist, hast du das dann auch gedacht, fragt Anni. – Ich weiß noch, wie ich anfangs zu einer Veranstaltung kam und als ich fragte, ist der Platz da noch frei, hieß es nein, da sitzt schon jemand, sagt Sylvia. – Manchmal hält man den Platz eben für eine Freundin frei, sagt Anni. – Es hat sich trotzdem nicht gut angefühlt, sagt Sylvia. – Aber du bist doch gerne bei uns, sagt Anni. – Bin ich, sagt Sylvia.

Bereits in ihrer Jugend, die sie im Allgäu verbrachte, kam Sylvia Prell zu Kolping. Dann, als junge Mutter, der Umzug nach Neunkirchen am Brand. Mit Ehemann und Kind, aber ohne Freunde, ohne Familienrückhalt. Sie habe sich erstmal alleine gefühlt, alleine auf weiter Flur. Aber weil sie Kolpingerin  "durch und durch" sei, habe sie sich bald entschlossen, sich der Kolpingsfamilie am Ort anzuschließen. Das erste gegenseitige Fremdeln hätte sich schnell verflüchtigt, schon bald habe sie sich von der Gruppe angenommen, ja adoptiert gefühlt. Ihr habt mir Halt gegeben, sagt Sylvia.

Heute ist Sylvia Prell im zweiten Vorstand, der Mann, ihre beiden Kinder, sie alle sind bei Kolping. Der Sohn, erzählt sie, habe ein Handicap.

Die Kolpingsfamilie trägt ihn mit, er ist überall dabei, sagt Sylvia.

Wir sind eine Familie, sagt Anni.

Wenn Anni Familie sagt, dann ist zu spüren, dass Familie etwas sein kann, was sich warm anfühlt und vertraut. Familie kann auch ganz anders sein. Aber gerade in Zeiten von Orientierungslosigkeit, von Zukunftsangst und politisch-ökonomischer Verunsicherung schimmert der Begriff Familie wie eine Hoffnung auf. Möge sie der letzte Hort emotionaler Geborgenheit sein, nach dem sich viele sehnen. Über die Kolpinger könnte man sagen, sie haben sich die Geborgenheit gleich im Doppelpack in ihr Leben geholt, weil sie nicht nur die eigene Familie haben, sondern eben auch eingebunden sind in die Kolpingsfamilie.

Schade nur, dass so wenige junge Familien den Weg zu uns finden, sagt Sylvia.
Als wir damals angefangen haben, gab es viele junge Familien, das ist aber nicht weitergegangen, und wir sind alle älter geworden, sagt Anni.
Letztes Jahr wollten wir was aufbauen, es gab ein paar Treffen, dann haben die Frauen gesagt, das muss doch nicht über Kolping laufen, wir wollen uns einfach so treffen, sagt Sylvia.
Wir erreichen die nicht, sagt Anni.
Wir müssen uns mehr öffnen, sagt Sylvia.
Die Glocken läuten. Sie läuten laut, weil ein Fenster geöffnet ist, und die Kirche so nahe.
Wir sind doch offen, sagt Anni.
Aber nicht offen genug, sagt Sylvia.
Findest du, fragt Anni.
Ja, sagt Sylvia.

Die Kolpingsfamilie Neunkirchen am Brand hat 479 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Bamberg. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 38 Kolpingsfamilien an, in denen es 4.705 Mitglieder gibt. 

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Neunkirchen am Brand


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.