So sind wir

"Wir sind die jungen Familien von Kolping"

Ein Kreis ist geschlossen, auch ein Familienkreis. Aber geschlossen sein wollen die jungen Familien in Rheda nicht. "Bei uns ist für jeden Platz, auch für Alleinerziehende, wir sind keine eingeschworene Clique." Alle Familienmitglieder können gemeinsam etwas mit anderen machen. Das ist die Hauptsache!

Treffen sich zwei Mütter. Sagt die eine: "Hast du das auch gelesen, da hing so ein Plakat im Kindergarten, von Kolping." Sagt die andere: "Ja, die machen ein Feuer, ich glaube, Herbstfeuer heißt das, oder so ähnlich, geht ihr da hin?" Antwortet die eine: "Weiß nicht, geht ihr?" Antwortet die andere: "Wenn ihr mitkommt, gehen wir vielleicht auch." Meint die eine: "Okay, dann gehen wir zusammen hin." Meint die andere: "Ja, okay." Erstmal schauen, erstmal rantasten, was machen die da eigentlich bei Kolping. Vielleicht gefällt es mir, vielleicht fühle ich mich wohl. Könnte ja sein. Bei Birgit Kersting und Julia Witte ist es so in etwa abgelaufen. Beide sind Mütter, beide haben Anschluss gesucht an andere Familien. Nicht nur unter sich bleiben, auch mal rausgehen. Schauen, wie ist das bei anderen, wie leben die, wie sind die so drauf? Im Jahr 2011 sind sie, nach anfänglichem Reinschnuppern, in die heute 220 Mitglieder starke Kolpingsfamilie Rheda eingetreten, samt Mann und Kindern. Zum festen Stamm gehören inzwischen 15 junge Familien.

"Ich wollte was mit einem kirchlichen Hintergrund, das war mir wichtig, aber ich wollte nicht erst einen Rosenkranz beten müssen, bevor ich mit den anderen ein Bier trinken kann", sagt Birgit. Und? Birgit lacht: "Das mit dem Bier hat geklappt." Wie vertraut sie inzwischen mit den anderen ist, wie sehr sie sich aufgehoben fühlt, das könne sie nur schwer beschreiben. Sie sitzt vor dem Pfarrzentrum Sankt Clemens, ein Güterzug rauscht durch den nahen Bahnhof, sie denkt nach. "Ich würde mal so sagen, würde unser Haus abbrennen, dann wüsste ich, dass wir nachts nicht draußen schlafen müssten", sagt sie schließlich. "Da bin ich mir auch ganz sicher, dass wir dann auf die Kolpinger zählen könnten", sagt Julia. Und fügt nachdenklich an: "Es muss ja nicht gleich das Haus in Flammen stehen, ich weiß auch so, dass die anderen für mich da sind."

Lange sei es noch nicht her, sagt sie, da sei ein guter Freund gestorben, ein junger Familienvater, das habe sie sehr mitgenommen. Julia muss ein paar Mal schlucken, als Tränen in ihren Augen aufsteigen. Sie blinzelt sie weg, dann erzählt sie weiter: "Ich war mir hundertprozentig sicher, wenn ich in ein Loch falle, dann ist jemand aus der Kolpingsfamilie für mich da, und so war es dann auch, alle hatten ein nettes Wort für mich, haben mich umarmt, das hat richtig gut getan."

Menschenfänger

Ob es ohne Michael Hofmann überhaupt soweit gekommen wäre, ob es ohne ihn diesen Kreis junger Familien in der Kolpingsfamilie Rheda geben würde, das, so sagt er, wüsste er nicht. Auch er sitzt in der Abendsonne, in einem aufgestellten Stuhlkreis auf der Wiese vor dem Pfarrzentrum, was von Ferne vielleicht so aussieht, als hätte man sich getroffen, um zusammen zu singen. Neben ihm Julias Mann Christoph, der Michael auf die Schulter klopft. "Ach, was, klar wäre ohne Michael nichts gelaufen, Michael ist ein echter Menschenfänger", sagt Christoph lachend. Und ergänzt: "Ich weiß, wovon ich spreche." Die anderen, die mit im Kreis sitzen, insgesamt neun Kolpinger, nicken. "Stimmt, Michael ist ein Menschenfänger." Alle lachen. Auch Michael. Heute im Vorstand, war Michael vor gut zehn Jahren, mit Anfang zwanzig, bereits bei Kolping – und damals erst vor kurzem Familienvater geworden. "Bei uns gab es weit und breit keine anderen jungen Familien, da war eine Lücke, und ich dachte mir, es muss etwas passieren." Auch, um für die älter gewordenen Jugendlichen bei Kolping eine Gruppe zu schaffen, in die sie weiter hineinwachsen können.

Die ersten Treffen, die Michael initiierte, waren zwanglos, unregelmäßig. Die Erwachsenen tranken Kaffee, aßen Kuchen, die Kinder spielten. Manche, die kamen, blieben; bei Kolping traten nach ein paar Monaten zwei Familien ein. "Man hätte sagen können, schade, nur zwei, aber ich habe mich gefreut, denn jeder zählt", berichtet Michael. Man müsse sowieso einen langen Atem haben. Und darauf vertrauen, dass die Gruppe größer werde. Irgendwann sei die Idee entstanden, zu einem Herbstfeuer einzuladen. Wenig später wurden die ersten Fahrradtouren veranstaltet. Nach und nach wurde es mehr: Familienandachten, Brotbacken, Adventskränze binden. Nicht jede Aktion aber kam gleich gut an. "Auch da muss man durch", so Michael. Man könne vorher kaum abschätzen, was gefällt und was nicht, man müsse es eben ausprobieren. Entscheidend sei gewesen, mit jeder Aktion die ganze Familie anzusprechen. "Was wir nicht wollten, dass wir sagen, das oder das ist nur für Kinder, denn dann geben die Eltern die Kleinen ab und gehen wieder."

Alle aus der Familie sollen dabei sein: nicht nur die Mütter, nicht nur die Väter, nicht nur die Kinder – genau das hat auch Silvia Galetzka angesprochen. Denn wie oft gibt es dazu schon Gelegenheit. Oft ist es doch so: Der Sohn ist im Fußballverein, die Tochter macht Ballett, der Vater arbeitet viel, die Mutter hat einen Halbtagsjob und schmeißt außerdem den Haushalt. Hat der Sohn am Wochenende ein Fußballspiel, geht der Papa mit, bei der Ballettaufführung der Tochter richtet die Mama das Tutu, und wenn noch Zeit ist, gehen vielleicht alle zusammen mal zum Schwimmen. "Ich hatte Sehnsucht, mehr mit meiner Familie und anderen Familien gemeinsam etwas zu machen", sagt Silvia. Da sie früher in der katholischen Jugendarbeit aktiv gewesen sei, habe sie ohnehin den Kontakt zur Kirche gesucht. Ihre Kinder sollten auch erleben, was Gemeinschaft im Glauben bedeutet. Die vielen guten Erfahrungen, die sie selbst gemacht hatte, wollte Silvia ihren Kindern ebenfalls ermöglichen. Vor einigen Jahren, noch neu hinzugezogen, versuchte sie es zunächst im Kirchenchor, aber es machte irgendwie nicht "klick". Überhaupt sei es eine Sache "nur für mich alleine" gewesen, also eigentlich nicht das, was ihr vorgeschwebt habe. Silvia hatte da längst von der Kolpingsfamilie gehört, jemand lud sie ein, sagte, komm doch einfach mal mit. Und: Es passte sofort. "Meine Familie und ich fühlten uns vom ersten Tag an willkommen", sagt Silvia.

Niedrige Preise sind gut

Matthias, neun Jahre alt, gehört zu den jüngeren Kolpingmitgliedern. Er lag noch im Kinderwagen, als seine Eltern, Julia und Christoph, in die Kolpingsfamilie Rheda eintraten. Damals mussten nur die ersten Klänge des Kolpingliedes erklingen, schon schlief Matthias ein. Inzwischen hilft er anderen Kindern, wenn sie Hilfe brauchen. Die Kleinsten, die zum Herbstfeuer kommen, wollen natürlich auch ihr Stockbrot in die Glut halten, tun sich aber schwer, das Brot um den Stock zu wickeln – also hilft Matthias. "Ich finde das alles gut bei Kolping", sagt er. Was besonders? Er grinst. "Wenn ich Fahnenträger bin." Er grinst noch mehr. "Auch wenn er mal nicht mit will, wenn ich sage, du kannst die Fahne tragen, dann lässt er alles stehen und liegen", erzählt Christoph, der selbst kaum zu bremsen ist, wenn es um die Sache geht, für die er sich besonders begeistern kann: Karneval. Vielleicht wäre Christoph nicht bei Kolping, hätten die nicht eine Karnevalsveranstaltung ausgerichtet. "Ehrlich gesagt, wir sind damals hingegangen, weil es keinen Eintritt gekostet hat, und dachten, klasse, dass die nichts verlangen, das kannten wir nicht, sonst wird doch überall abkassiert", berichtet er weiter. Familien kennen das, alleine der Besuch auf einem Rummel kostet ruckzuck einen Batzen Geld. "Noch heute sagen uns Familien, dass sie es sehr schätzen, dass wir bei Festen keinen Eintritt nehmen und auch sonst niedrige Preise haben."

Doch auch wenn es gut läuft, Grund, um sich darauf auszuruhen, ist das nicht. Gemeinschaft will gepflegt sein. Neue Gesichtern sind immer gerne gesehen. Weil WhatsApp besser funktioniert als E-Mail, haben die Rhedaer inzwischen alleine für "ihre" Familien drei WhatsApp-Gruppen gegründet. Die Informationen kommen so schneller an, die Resonanz ist wesentlich größer. Weiterhin wichtig aber sei, so Kolpingschwester Elke Käuper, "dass wir Gesicht zeigen". Unter anderem besuchen einige den ersten Kennenlernabend der Kommunionkinder, stellen sich vor, laden ein. "Dann können die Kinder uns zuordnen, wenn sie uns später wieder über den Weg laufen, das fühlt sich dann gleich viel vertrauter an", so Elke. Wenn sie sagen, komm doch zu uns, dann sagen sie nicht, komm zu uns in den Familienkreis. "Uns gefällt das mit dem Kreis nicht, weil ein Kreis in sich geschlossen ist und das ist genau das Gegenteil von dem, was wir vermitteln wollen", sagt Michael. "Bei uns ist für jeden Platz, auch für Alleinerziehende, wir sind keine eingeschworene Clique." Wenn nicht Kreis, welches Wort dann? "Wir sind die jungen Familien von Kolping", antwortet Michael. Das sage alles. Das genüge.

Die Kolpingsfamilie Rheda hat 214 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Paderborn. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 253 Kolpingsfamilien an, in denen es 27.371 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Rheda


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.