So sind wir

"Wir sind danach wochenlang in Hochstimmung"

Das Pfingstzeltlager bildet das jährliche "Highlight" in Großheubach. Das beweist nicht nur die große Nachfrage. Für die Kolpingjugend heißt es: Freunde treffen, und zwar echte!

175 Freunde. Die sind schnell zu haben. Vorausgesetzt, man ist bei Facebook. Dass Freundschaft ein Prozess ist, dass Freundschaft sich entwickeln und entfalten muss, das hat Facebook abgeschafft. Bei Facebook muss sich niemand lange abmühen. Dort genügt ein Klick, mit dem man Freunde "hinzufügen" kann. Man könnte sagen, das ist eben der Zeitgeist. Aber stimmt denn das? Sind virtuelle Freunde das, was Menschen, vor allem die Jungen, die die sozialen Netzwerke häufig nutzen, wirklich wollen? 175 Freunde. Franziska Stock hat sie nicht im Internet, sondern in der Kolpingsfamilie Großheubach gefunden. "Es ist viel schöner, reale Kontakte zu haben", sagt die 18-Jährige. Auch Mareike Stapf, 24 Jahre alt, sieht das so. Sich mit Menschen im Netz auszutauschen sei etwas ganz anderes als Zeit mit denen zu verbringen, die man mag. "Wir sind hier am Ort eine richtig gute Gemeinschaft, und wir leben das", erzählt sie.

Das echte Leben hat also, allen Unkenrufen zum Trotz, bei Jugendlichen noch eine Chance. Auch wenn das echte Leben bedeuten kann, von einer Mücke gebissen oder von Regen durchnässt zu werden – eben erst ist die Kolpingjugend vom Pfingstzeltlager zurückgekehrt und hat einige Erfahrungen gemacht, die beim Zelten üblich sind. Die Veranstaltung hat längst einen festen Platz im Kalender: Seit 1969 werden in Großheubach von der Kolpingsfamilie Zeltlager für Kinder und Jugendliche veranstaltet. Jedes Jahr in der ersten Pfingstferienwoche. Inzwischen übernimmt die Jugend die gesamte Organisation und Betreuung. Teilnehmen können Mädchen und Jungen ab der 3. bis zur 9. Klasse, es gibt knapp 50 Plätze. Dieses Mal ging es zu einem Zeltplatz unterhalb der Burg Breuberg, in eine "Welt mit Rittern, Hexen und Drachen", wie es in der Ankündigung hieß. "Die gemeinsame Zeit tut uns allen gut, wir sind danach noch wochenlang in Hochstimmung", berichtet Mareike. Für viele bleibe es nicht bei einem Mal, die meisten Kinder und Betreuer könnten kaum erwarten, wieder mit dabei zu sein: "Das ist einfach unser Highlight". Trotz großer Begeisterung ist die Nachfrage nicht mehr ganz so stark wie noch vor fünf, sechs Jahren. Früher hätten, wie Mareike sagt, Eltern mit ihren Kindern vor ihrer Haustür Schlange gestanden, um sich anzumelden, inzwischen müsste deutlich mehr Werbung gemacht werden. Sorgen, dass irgendwann einmal kein Interesse da sein sollte, macht sich die Kolpingjugend aber nicht.

Gernot Winter, seit 2007 Vorstand der Kolpingsfamilie Großheubach, 47 Jahre alt, erinnert sich noch gut, wie das damals war, als Jugendlicher im Pfingstzeltlager. Auch er fieberte dem Ereignis schon Wochen vorher entgegen. "Das war immer etwas ganz Besonderes", sagt er. Denkt er an seine Jugend, haben auch seine anderen Erinnerungen immer irgendwie mit Kolping zu tun. "Das war für mich die Säule", erzählt er. Alle seine Freunde seien in der Kolpingsfamilie gewesen, es sind Freunde, zu denen er heute noch Kontakt habe, auch wenn manche hunderte von Kilometern entfernt wohnen würden. Wenn Gernot über seine Jugend spricht, dann so, wie es viele Erwachsene tun, mit einem leisen Bedauern, weil die angeblich guten, alten Zeiten unwiederbringlich verloren sind. Doch mögen die Zeiten auch vorbei sein, wie gut waren sie tatsächlich? Wird Vergangenheit rückblickend zu sehr verklärt? Gernot überlegt. Dass früher alles besser war, vielleicht ja, vielleicht nein, auf jeden Fall sei es anders gewesen. Weil sich die Kolpingjugend sonntags immer in der Kirche getroffen habe, weil man vier Mal im Jahr Jugendgottesdienste gestaltet und Früh- und Spätschichten gemacht habe. "Das alles machen die heute kaum mehr", sagt Gernot. Ihm ist anzuhören, dass er sich wünschte, es wäre anders. Er spricht von religiöser Identität. Was, wenn sie verloren gehe. Ein Seufzer. Ein Stirnrunzeln.

Mareike kennt die alten Geschichten. Die nicht nur Gernot erzählt. Sondern auch andere aus seiner Generation. Und aus der Generation davor. Mareike weiß auch, dass manche die Jugend wieder öfter in der Kirche sehen wollen. Doch vielen ihrer Altersgenossen ergehe es ähnlich wie ihr, sie müsste sich zum sonntäglichen Gottesdienst regelrecht zwingen. "Der gibt mir nichts«, sagt sie. Gott, ja, Gott sei ihr wichtig, sehr wichtig sogar, sie habe einen Glauben, aber sie lebe ihn eben anders aus. In der Gemeinschaft. Im Miteinander. Praktisches Christentum, die Orientierung an Jesus Christus, das sei der Weg, den sie gehen würde, und viele andere Jugendliche auch. "Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen", heißt es im Matthäusevangelium. Mareike sagt, der Satz gefalle ihr. Drücke er doch aus, dass es keine Kirche brauche, um mit Gott zu sein. Und wenn Gottesdienst, dann würden es die Jugendlichen auf ihre Weise tun – der Wortgottesdienst im Zeltlager sei nach wie vor fester Bestandteil.

Die machen gute Arbeit

Die Zeiten ändern sich eben. Gernot sagt, er wolle den Jugendlichen keine Vorwürfe machen. "Die machen richtig gute Arbeit", sagt er anerkennend. Und das habe sich bis weit über Großheubach hinaus herumgesprochen. Trifft Gernot auf andere Kolpingsfamilien aus dem Diözesanverband, dann hört er oft, dass sie auch gerne so eine aktive Jugend hätten. Oder überhaupt Jugendliche.

Dass es um den Nachwuchs schlecht bestellt ist, darüber klagen viele – und das deutschlandweit. Im Vergleich dazu, müsste man sich in Großheubach weniger Sorgen machen, oder doch? "Ich mag das Wort 'aber' nicht, aber man muss damit rechnen, dass es auch bei uns knapp werden kann«", sagt Gernot. Man müsse deshalb an den Kindern und Jugendlichen dranbleiben, ihnen etwas anbieten, was sie sonst nicht geboten kriegen. "Nur was, wenn sie nichts vermissen?", fragt Gernot. Für die heutige Jugend werde viel geboten, vielleicht zuviel. Und immer müsse es "noch großartiger" sein. "Damals waren wir froh, wenn wir überhaupt auf einen Ausflug mit der Kolpingsfamilie durften", so Gernot. Die Zeichen der Zeit zu erkennen, dazu rief Adolph Kolping auf. Wie aber die Zeichen der Zeit deuten? Und wie darauf reagieren? Die Jüngeren haben weniger Bedenken. "Bei uns läuft es richtig gut", befindet Franziska. "Wir arbeiten Hand in Hand". Klar, es gäbe manchmal schwierige Situationen. Aber dann rede man eben darüber. "Wir finden immer eine Lösung.

Die Kolpingjugend in Großheubach zählt um die 40 Mitglieder, fast alle haben eine Gruppenleiterausbildung, zu den wöchentlichen Gruppenstunden kommen etwa 20 Kinder, weitere Gruppen befinden sich im Aufbau. Während eines Jahres steht einiges an, das gestemmt werden muss, unter anderem gibt es nach der Christmette einen Glühweinausschank und nach Weihnachten werden Christbäume eingesammelt. Wo nötig, unterstützen sich die Älteren und die Jüngeren gegenseitig. Wird bei einer Familienfreizeit Kinderbetreuung gesucht, übernehmen das die Jugendlichen, muss bei einer Aktion der Jugend ein LKW gefahren werden, gibt es Hilfe von denen, die einen entsprechenden Führerschein haben. Auch jüngst, bei der Vermietung einer mobilen Bungee-Trampolin-Anlage, taten sich die Generationen zusammen. Die Anlage gehört dem Kolpingwerk im Bistum Würzburg, eine Pfarrscheune in Großheubach ist zeitweiser Standort. Die Formalitäten des Ausleihens werden über den Diözesanverband geregelt, um die Instandhaltung kümmern sich einige Männer aus der Kolpingsfamilie Großheubach, und auch die Jugend packt mit an. Mitte Juni, anlässlich eines Sommerfestes, wurde die Trampolin-Anlage an die Richard-Galmbacher-Schule im benachbarten Elsenfeld verliehen, einer Schule für Kinder mit geistiger Behinderung. Zwölf Jugendliche aus der Kolpingjugend bauten die Anlage auf und blieben während des mehrstündigen Festes vor Ort. Statt der sonst üblichen vier Euro wurden nur 1,50 Euro pro Hüpf-Einheit berechnet. Die Einnahmen sollten an die Kolpingjugendkasse gehen. Doch die Jugendlichen entschieden sich spontan, die rund 100 Euro an die Schule zu spenden. "Die Schulleiterin hat sich sehr gefreut und war beeindruckt, weil wir das alles ehrenamtlich gemacht haben", erzählt Mareike. Für die Jugend sei es eine schöne Erfahrung gewesen, den Kindern das Trampolin-Springen zu ermöglichen. "Die hatten richtig viel Spaß." Zudem sei es eine weitere Aktion der Kolpingjugend gewesen, bei der sie gespürt hätten: Wir sind eine richtig starke Gemeinschaft.

Die Kolpingsfamilie Großheubach hat 175 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Würzburg. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 104 Kolpingsfamilien an, in denen es 8.563 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Großheubach


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.