So sind wir

"Wir gehen auf die Menschen zu"

Ihre Gemeinschaft ist kein zufälliges Miteinander, sondern zeichnet sich durch eine besondere Qualität der Beziehungen untereinander aus. Das hat sich die Kolpingsfamilie Hochheim vorgenommen. Offenbar mit Erfolg: 688 Mitglieder zählen dazu. Auch, wenn die Herausforderungen nie aufhören.

Gemeinschaft, wie fühlt sich das eigentlich an? Was für ein Mensch sind wir, wenn wir zusammen sind mit anderen, wie verändern wir uns da? Und was geschieht mit uns, wenn wir nur auf uns zurückgeworfen sind? Wie lange halten wir es alleine aus und ab wann fühlen wir uns einsam? Ohne Gemeinschaft dürfte wohl kaum ein Mensch leben wollen. Wir wollen uns zugehörig fühlen zu einer oder mehreren Gruppen. Weil wir eine soziale Spezies sind, begründen Biologen. In Gemeinschaft zu sein, erfülle unser Urbedürfnis nach Nähe, Austausch und Geborgenheit. Auch der große antike Philosoph Aristoteles hat viel über Gemeinschaft nachgedacht und kam in einer seiner Schriften zu dem Schluss: "So weit Gemeinschaft besteht, soweit besteht die Freundschaft." Wenn wir weiterdenken, was nun wiederum Freundschaft bedeutet, landen wir unter anderem bei dem französischen Existentialisten Albert Camus, der das freundschaftliche Ideal so beschrieb: "Gehe nicht hinter mir, vielleicht führe ich nicht. Geh nicht vor mir, vielleicht folge ich nicht. Geh einfach neben mir und sei mein Freund."

Jeder ist eingebunden

Um die 20 Menschen sitzen im ausgebauten Keller des katholischen Vereinshauses an der Wilhelmstraße in Hochheim am Main. Ein gemütlicher Keller aus Backsteinen, der nur deshalb so einladend aussieht, weil die, die ihn nutzen, selbst Hand angelegt haben. Über Gemeinschaft und Freundschaft wird im Gespräch viel die Rede sein. Denn die, die sich hier versammelt haben, leben Gemeinschaft innerhalb ihrer Kolpingsfamilie. Es ist eine große, eine lebendige Gemeinschaft. Mit momentan 688 Mitgliedern ist die Kolpingsfamilie Hochheim sogar die größte ihrer Art im Bistum Limburg. "Es macht Spaß, weil es so viele Leute sind", sagt Hannah, sie ist vier Jahre alt und gehört zu den Jüngsten – um die 120 Mitglieder sind unter 30 Jahre alt, knapp 180 Mitglieder sind über 60 Jahre alt, der Rest ist dazwischen, der Altersdurchschnitt liegt bei knapp 50 Jahren.

"Es gibt sicher genug Gründe, sich nicht in einem Verein zu engagieren, aber für uns zählen nur die Gründe, warum es sich lohnt, dabei zu sein", sagt Alois Hofmann vom Leitungsteam, dem auch Nadine Cyranka und Peter Moravek angehören. Das sahen die Kolpinger bereits in den 80er-Jahren so, schon damals war die Zahl der Mitglieder beachtlich hoch. Und auch wenn nicht jeder jeden kenne, so Alois weiter, so komme doch nie das Gefühl auf, in einer anonymen Masse verloren zu gehen: "Wir kümmern uns darum, dass sich jeder eingebunden fühlt." Es sei selbstverständlich, die anderen als Schwestern und Brüder zu betrachten.

Dass sie so viele mit ihrer Lust an Gemeinschaft anstecken können, begründet der ehemalige Vorsitzende Heinz Schlosser schlicht so: "Wir gehen auf die Menschen zu." Wer in das Programm schaut, stellt fest, es ist für jeden etwas dabei. Die Jungen dürfen sich ebenso angesprochen fühlen wie die Älteren. Über 100 Veranstaltungen gibt es inzwischen im Jahr. Alleine an den Bildungsangeboten wie den Museumsbesuchen, Betriebsbesichtigungen und Vorträgen nehmen jährlich mindestens 1.300 Besucher teil. Das klingt nach Publikumsströmen, doch Martina Friedrich weist darauf hin: "Auch wir greifen mal daneben und sind dann überrascht, warum wir nur mit vier Hanseln dasitzen." Das sei beispielsweise an einem Abend so gewesen, an dem ein Gefängnisseelsorger über seine Arbeit berichtet habe. "Ich fand's hochinteressant und war fest davon ausgegangen, dass es genug anderen auch so geht."

Der größte Fastnachtsverein

Ob's immer am Interesse liegt, sei freilich dahingestellt. Trotz Nähe zu Frankfurt am Main, sollte man sich Hochheim nicht als Stadt vorstellen, die im Dornröschenschlaf liegt. Es ist viel los, nicht nur bei Kolping. Im Juli findet in Hochheim beispielsweise das größte Weinfest im Rheingau statt. Und auch zur närrischen Zeit geht es hoch her. Wobei da auch die Kolpingsfamilie kräftig mitmischt: Sechs Mal im Jahr ist das katholische Vereinshaus, das oft auch "Kolpinghaus" genannt wird, und der beliebte Keller voll von begeisterten Karnevalisten. "Wir sind seit vielen Jahren schon der größte Fastnachtsverein der Stadt", sagt Martina. Die Kolpinger sind außerdem am Hochheimer Markt und auf dem Weihnachtsmarkt mit eigenen Ständen dabei. Und würde man weiter auflisten, wo sonst noch, wäre man minutenlang nur mit Auflisten beschäftigt. "Wer hier wohnt, kommt an uns ganz bestimmt nicht vorbei", fügt Martina lachend hinzu.

Die Idee Kolping braucht Verbündete, doch nicht alle "klopfen" von selbst an, man muss auch nach ihnen suchen. Heinz gehört zu den Unermüdlichen. Spürt er Interesse und Begeisterung bei denen, die zu den Veranstaltungen kommen, lässt er auch mal einen lockeren Spruch fallen wie: "Ihr kommt immer nur zum Feiern, das geht so nicht, hier ist der Anmeldebogen, den brauch ich wieder ausgefüllt zurück." Andere Kolpingsfamilien, und es werden bundesweit immer mehr, tun sich schwer, neue Mitglieder zu gewinnen. Viele können nur davon träumen, mehrere hundert zu sein. Könnten sich die Hochheimer da nicht gelassen zurücklehnen? Ja, sagt Heinz, das würden sie oft hören, was wollt ihr denn, ihr habt es gut, ihr müsst euch keine Sorgen machen. Doch allen, die vielleicht manchmal auch neidisch nach Hochheim blicken würden, könne er nur sagen: "Auch wir müssen hart dafür arbeiten." In der knapp 17.000-Einwohner Stadt mangelt es nicht gerade an Vereinen und die, die am Ort sind, haben regen Zulauf. "Alleine unsere beiden Sportvereine am Ort sind sehr stark, da müssen wir schon schauen, dass wir nicht untergehen."

Vom Untergang noch weit entfernt, sprudeln die Ideen indes nur so weiter und halten sozusagen das Schiff im Wasser. "Durch die Vielzahl der Kontakte und Verbindungen gibt es immer wieder neue Denkanstöße", erläutert Alois. Dem Pool dieser Ideen entspringt das "Faire Frühstück", das die Kolpingsfamilie zwei Mal im Jahr veranstaltet, wo man sich über fairen Handel informieren und faire Produkte erwerben kann. "Weil das Thema fairer Handel immer mehr Menschen beschäftigt, haben wir überlegt, was lässt sich dazu machen, was spricht die Leute an." Sich mit Ideen einzubringen, ist keine Frage des Alters. Heinz kennt es selbst aus Jugendtagen: "Wir wussten, wer was auf die Beine stellen will, der kann das tun und muss nicht lange Überzeugungsarbeit beim Vorstand leisten." Und so probieren sich auch heute die Jugendlichen weiter aus. Viktoria Wolf, 20 Jahre alt, ist seit vier Jahren Mitglied. Weil alle ihre Freunde dabei gewesen seien, habe sie sich gedacht, ach, dann trete ich eben auch ein. In der Kolpingjugend gehört Viktoria inzwischen zum Vorstand. Jahr für Jahr stemmen die jungen Kolpinger einen Wochenendaufenthalt im Kolping-Feriendorf Herbstein, um die 60 Kinder sind in der Regel dabei. "Kaum kommen wir zurück, fragen die Kinder schon, wann wir wieder fahren", erzählt Viktoria. "Dass das jedes Mal so gut klappt wie es klappt, macht uns schon ein bisschen stolz." Denn bei den Vorbereitungen laufe es keineswegs immer wie am Schnürchen.

Noch zwölf Mitglieder, dann wäre die 700-Mitglieder-Marke geknackt. Doch was wäre eine Gemeinschaft, die nur im Blick hat, mehr und mehrere zu werden? Die versessen ist auf ein Wettrennen um weitere Mitglieder? Wenn nur viele zählen, was zählt dann der Einzelne? Es geht ihnen nicht darum, und das machen die Hochheimer klar, dass möglichst viele dabei sind. Sondern es geht um das Wie. In ihrer 1997 erschienen Festschrift zum 75-jährigen Bestehen träumten die Kolpinger, wie es in ihrer Gemeinschaft im Jahr 2010 aussehen kann: "Sie, die da zusammen waren, verstanden es, offen und sachlich miteinander zu diskutieren. Sie sagten das, was sie meinten und hatten keine Angst, sich den Mund zu verbrennen, wenn es notwendig war. Ihr 'Streit' war fair und frei von Rechthaberei. Jede und Jeder wurde gehört und ernst genommen. Der Wille zum partnerschaftlichen Miteinander bestimmte den Umgangston und bewahrte alle vor Ausgrenzung und Verunglimpfung." Diese Gemeinschaft sei keine, in der es darum gehe, nach Macht und Ansehen zu streben, und auch nicht nach Leistung und Erfolg – ihr erklärtes Ziel war die Vermenschlichung von Kirche und Gesellschaft. "Diese Gemeinschaft ist kein zufälliges Miteinander, sondern zeichnet sich durch eine besondere Qualität der Beziehungen untereinander aus." Nur ein Traum? Wer die Kolpingsfamilie Hochheim erlebt hat, kennt die Antwort.

Die Kolpingsfamilie Hochheim hat 688 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Limburg. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 60 Kolpingsfamilien an, in denen es 5.340 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Hochheim


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.