So sind wir

Wie Nomaden unterwegs

Bei der Planung für das neue Jahresprogramm muss die Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade tüfteln und manchmal auch betteln. Sie hat für ihre Aktivitäten keine feste Heimat. Das ist aber keineswegs neu, sondern schon oft so gewesen. Fazit: "Wir machen einfach weiter."

Es gibt viele Fragen. Aber wenig Antworten. Mit dieser Ungewissheit muss die Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade in diesen Tagen und Wochen zurechtkommen. "Uns bleibt ja nichts anderes übrig", sagt Marlies Wagner, die Vorsitzende, und sie sagt es ohne Ärger. Ihrer Stimme ist anzuhören, dass die Kolpingsfamilie immer wieder mal unsichere Zeiten durchzustehen hatte. Man weiß mit Schwierigkeiten umzugehen. Auch andernorts in Nordrhein-Westfalen ist die Entwicklung ähnlich wie in Oberhausen-Sterkrade: Immer mehr Kirchen müssen schließen. Manche werden verkauft, andere abgerissen. "Bei uns gibt es viele Gerüchte, mal heißt es so, dann mal so", erzählt Marlies. Dass im nächsten Jahr viele Veränderungen kommen werden, daran sei nicht mehr zu rütteln. Aber welche der sieben Pfarreien geschlossen werden, welcher Pfarrer bleibt und welcher nicht, das wisse niemand so genau. Was aber schon abzusehen sei: "Wir werden keinen Präses mehr haben." Ob es auch zu Abrissen kommen werde? "Keine Ahnung", sagt Marlies.

Schon im Jahr 2011 rollten Bagger auf einem Oberhausener Kirchenareal an. Das 1961 erbaute Gotteshaus der Gemeinde Sankt Pius wurde aus Kostengründen abgerissen und auf dem Grundstück stattdessen Eigentumswohnungen errichtet. Das Bistum Essen hatte kein Geld mehr für den Unterhalt, die Gemeinde sah sich nicht in der Lage, die Finanzen alleine zu stemmen. Die ersten Kürzungen erfolgten bereits im Jahr 2005. Die 27 katholischen Kirchen in Oberhausen wurden vom Bistum zu vier Großpfarreien zusammengelegt, sieben Gebäude aus dem Budgetplan gestrichen. Immerhin gelang es drei Gemeinden andere Konzepte zu erstellen, die wirtschaftlich aufgingen. So wurde eine Kirche beispielsweise zum Tagungsort umgestaltet. Ein anderes Kirchengebäude konnte dank einer gastronomischen Idee erhalten bleiben. Unter dem Motto "Himmlischer Genuss in der Sankt Bernhardus-Kapelle" bietet der Sterkrader Koch Tobias Fleckner Kulinarisches an. Sowohl Firmen wie Familien können hier feiern, ein Teil der Kapelle ist weiterhin für kirchliche Veranstaltungen wie Hochzeiten und Trauerfeiern geöffnet. Weitere Konzepte wurden bereits ausgearbeitet, um die von einer Auflösung betroffenen Kirchen und Gemeindezentren erhalten zu können. Unter anderem soll ein Musik- und ein Kulturzentrum entstehen.

Keine feste Heimat zu haben, nicht den einen Ort, daran hat sich die Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade längst gewöhnt. Sie ist überpfarrlich organisiert. Und seit längerem schon wie Nomaden unterwegs. Mal ist in dieser Pfarrei ein Raum frei, mal in jener, und manchmal wissen sie nicht, wohin. "Das feste Zuhause fehlt uns", sagt Helga Dickhoff, Vorstandsmitglied. "Ist eine Kolpingsfamilie einer Pfarrei eindeutig zugeordnet, hat sie eine ganz andere Daseinsberechtigung", ergänzt Marlies. "Wer nur ab und zu mal auftaucht, wird ganz anders wahrgenommen." Ob die überpfarreiliche Organisation auch Vorteile habe? "Da sehe ich keine", sagt Marlies. Nicht nur sie selbst wollen sich gut untergebracht wissen, da ist auch noch das viele, viele Material, das sich in all den Jahren angesammelt hat. Fallen Räume, die sie bisher nutzen konnten, weg, würde auch Lagerraum fehlen. Bereits jetzt seien Banner und Unterlagen teilweise in den privaten Kellern der Mitglieder untergebracht. Dass sich viel angehäuft hat seit der Gründung im Jahr 1885, darunter auch zig alte Dokumente, erklärt sich von selbst. Seit 2005 steht ihnen im Klostergebäude Liebfrauen ein eigenes Zimmer zur Verfügung, das als Geschäftszimmer dient. "Wenn wir das verlieren würden, wüssten wir nicht, wohin mit all unseren Unterlagen", sagt Marlies. Helga schüttelt den Kopf. "Ich mag gar nicht dran denken", sagt sie.

Guten Tag Frau Kolping

Ein Blick in die Chronik zeigt, wie Umzüge die Geschichte der Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade bisher prägten:

  • 1898 Tagungslokal Sankt Clemens-Vereinshaus
  • 1900 Tagungsort wird der Rheinische Hof gegenüber der Clemenskirche
  • 1907 Kauf des Grundstücks an der jetzigen Kolpingstraße zum Bau eines eigenen Hauses
  • 1910 Einzug in das neue Haus
  • 1978 Verkauf des Kolpinghauses, die Veranstaltungen finden in Sterkrader Gaststätten statt
  • 1982 Das neue Kolpinghaus an der Steinbrinkstraße gibt dem Verein ein neues Zuhause
  • 1989 Das neue Kolpinghaus muss aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben werden, neuer Eigentümer wird das Sankt Clemens Hospital
  • 1991 Die Veranstaltungen finden im Jugendheim Liebfrauen an der Pilgerstraße statt
  • 1999 Die Veranstaltungen finden im Kloster-Café Liebfrauen statt
  • 2005 Neues Geschäftszimmer im Klostergebäude Liebfrauen

Der Ort, an dem sich einige Mitglieder der Kolpingsfamilie zum Gespräch treffen, ist die Wohnung von Marlies Wagner. Hier, rund um den Esstisch sitzend, tagen die Kolpinger um die zwei Mal im Jahr. "Darauf ist wenigstens Verlass", sagt Helga. Um andere Räume für Vorträge oder Angebote wie Heilfasten muss hingegen mitunter regelrecht gerungen werden. "Manchmal kommen wir uns wie Bittsteller vor." Dass in einer überpfarreilichen Organisation das jeweilige Pfarrheim nicht nur von der eigenen Gemeinde genutzt werden kann, gehe in viele Köpfe einfach nicht rein. "Man bleibt gerne unter sich." Auch sonst gehe der Blick selten raus. "Natürlich ist es gut, dass sich viele in ihrer eigenen Gemeinde so stark engagieren, aber es bleiben dann keine Kapazitäten, um in anderen Gruppen mitzuwirken",erläutert Marlies. Kolping würden viele kaum oder gar nicht kennen und sei manchmal sogar Geistlichen kein Begriff mehr. "Neulich hat mich eine Bekannte einem Pfarrer vorgestellt und gesagt, das ist Marlies, von Kolping, und der Pfarrer antwortete, guten Tag, Frau Kolping", erzählt sie.

Umbrüche gestalten

Um die Termine für 2019 planen zu können, sollte man freilich wissen, was wo stattfinden kann. "Doch wir müssen uns damit abfinden, dass wir mit den wenigsten Veranstaltungsorten fest rechnen können", sagt Marlies. "Dann müssen wir eben neu tüfteln", sagt Helga. "Umbrüche gestalten und Übergänge leben",hieß das Thema einer Veranstaltung, die die Kolpingsfamilie vor einiger Zeit angeboten hatte. In diesem Sinne wollen sich die Kolpingsschwestern und -brüder möglichst gelassen auf die kommenden Veränderungen einstellen. "Bei uns ist die Stimmung sehr gut, und das soll auch so bleiben", sagt Vorstandsmitglied Wolfgang Weinem. Man halte zusammen, egal was komme. "Die meisten von uns kennen sich seit über 40 Jahren, da weiß jeder, wie der andere tickt, da macht keiner mehr dem anderen was vor." Um neue Mitglieder müsse man sich nicht sorgen. "Wer näher mit uns in Kontakt kommt, fühlt sich so wohl, dass er weiter dabei bleiben will", berichtet Wolfgang. Einmal im Jahr fahren die Kolpinger, vier, fünf Tage weg, vergangenes Jahr in die Fränkische Schweiz. Dabei mitmachen kann jeder, der mag. "Die Fahrten haben viel Zulauf und bringen uns regelmäßig neue Mitglieder." Allerdings keine aus der jüngeren Generation. Die momentan 91 Mitglieder sind zwischen 60 und 85 Jahren alt. "Das ist eben so", sagt Wolfgang. Man müsse nicht auf Biegen und Brechen junge Menschen anwerben. "Wir wissen auch nicht, woher wir die nehmen sollen." Und auch wenn die Zukunft in vielerlei Hinsicht ungewiss sei: "Wir machen einfach weiter."

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Barbara Bechtloff, Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade 

Die Kolpingsfamilie Oberhausen-Sterkrade hat 91 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Essen. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 93 Kolpingsfamilien an, in denen es 7.610 Mitglieder gibt. 


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.