So sind wir

"Wagner! Verdi! Kolping!"

Anton lädt sich beim Singen seelisch auf. Antje spielt auf der Bühne Rollen, die sie sonst nicht auslebt. Und Simone Koch betreibt einen Wechsel bei den Aufführungen: Menschen wollen unterhalten werden, aber Kulturpflege sei auch ein Auftrag, betont sie. Sie alle sind in der Kolpingsfamilie Oedheim tätig.

Es gibt T-Shirts mit dem Spruch "Ich brauche keine Therapie, ich singe im Chor". Eigentlich müsste Anton Gurt solch ein T-Shirt tragen. Für ihn, so sagt er, stimme dieser Spruch. Weil der, der singe, täte sich etwas Gutes, täte anderen etwas Gutes, allein das spräche für ein recht geglücktes Leben. Von Studien, die das bestätigen, hätte sicher jeder schon mal gehört. Also singt Anton. Er ist 71 Jahre alt, an Zeiten, in denen er nicht gesungen hat, wenn es die überhaupt einmal gab, kann er sich nicht erinnern. Über den Wolken. Mein Vater war ein Wandersmann. Danket dem Herrn, denn er ist gut. Anton sagt, dass er sich beim Singen seelisch auflädt. Er singt allein, und wenn er mit anderen singt, dann im Kolpingchor seiner Heimatgemeinde Oedheim im Landkreis Heilbronn. Den Chor gibt es seit 38 Jahren, momentan sind 38 Männer dabei, der Jüngste ist 50 Jahre alt. Winter in Kanada. Die Gedanken sind frei. Abschied vom Walde. Beim gemeinsamen Singen erlebe man Dinge, die man sonst in Gemeinschaft nicht erlebt. Sagt Anton. Was er damit meine, das könne er nicht so richtig beschreiben.

Vielleicht könnte man auch über die Schauspielerei sagen, sie sei so etwas wie Therapie. Antje Götz, 49 Jahre alt, die anfangs drei Sätze auf der Bühne aufsagte und heute in Hauptrollen spielt, sagt, dass jede Rolle ein Teil von ihr sei, den sie sonst nicht auslebe. Das lässt durchaus an Sigmund Freud denken und an die Tiefenpsychologie, die von unbewussten seelischen Vorgängen und Zuständen ausgeht, die in der Tiefe des Menschen ruhen. Vielleicht ist es so, dass Antje daran rührt, wenn sie in eine Rolle schlüpft und das in ihr Schlummernde dadurch zum Vorschein bringt. In ihrer letzten Rolle spielte sie die biedere Sprechstundenhilfe Stephanie, die heimlich in ihren Chef, den Zahnarzt Julian, verliebt ist, dem aber wiederum von einer anderen Frau heftig der Kopf verdreht wurde. Der Boulevardkomödienklassiker "Die Kaktusblüte" endet nach vielen Irrungen und Wirrungen mit einem Happy End für Stephanie und Julian – und wurde im Januar 2018 von den Akteuren des Kolpingtheaters Oedheim gezeigt. Die elf Vorstellungen waren ausverkauft, gut 2.500 Menschen schauten zu. Die Begeisterung, solch ein Theater am Ort zu haben, ist groß. Dass die Kolpinger mehr machen würden als "nur Laientheater", hört Antje oft, und dass sie sich nicht vor den Profis verstecken müssten. Die Oedheimer hätten so nicht das Gefühl, erst in die große Stadt fahren zu müssen, um "richtiges Theater" erleben zu können.

Kultur und Brauchtum will gepflegt sein. Das findet auch die Kolpingsfamilie Oedheim. Und weil sie nicht nur im stillen Kämmerchen vor sich "hinwurschteln", sondern auch nach draußen gehen, hin zu den Leuten, gibt es kaum einen in Oedheim und Umgebung, der noch nie etwas von Kolping gehört hätte. "Durch Theater und Chor zeigen wir uns", sagt Simone Koch, die seit vielen Jahren beim Kolpingtheater die Spielleitung übernimmt. "Uns ist gut gelungen den Verein nach außen zu öffnen." An die Anfänge kann sie sich selbst nicht erinnern, dafür ist sie zu jung, aber von ihrem Opa weiß sie, wie es losging. Simones Großvater gehört zu den Gründungsmitgliedern der Kolpingsfamilie Oedheim. Noch vor der Gründung im Dezember 1947 entstand die Theatergruppe, im Mai 1945, bereits sieben Monate später, am ersten Januar, hatte das erste Stück mit dem Titel "Das Vaterunser" Premiere. "Der Januar ist bis heute unser Theatermonat geblieben, jeder weiß, dass wir da unsere Stücke zeigen", sagt Simone. Im jährlichen Wechsel werden Komödien und ernste Stücke zur Aufführung gebracht. Die Resonanz ist unterschiedlich. "Die Menschen wollen lieber leicht unterhalten werden", berichtet Simone. Dennoch, für die Kunst wolle man auch immer wieder etwas riskieren. "Wir muten unserem Publikum durchaus auch Stücke wie Shakespeares Macbeth zu, auch wenn das kritisch gesehen wird, aber wir glauben auch, dass das zu unserem kulturellen Auftrag gehört."

Das ist ein Ausnahmezustand

Wenn im September die Proben beginnen, zwei Mal die Woche, je drei Stunden, macht Antje, wie sie sagt, Urlaub von ihrem Alltagsleben. Das solle sich nun bloß nicht so anhören als würde sie aus ihrem Leben flüchten wollen. Sie habe ein schönes Leben, Mann, Kinder, aber das Theaterspielen gebe ihr eben etwas, was sie sonst nicht habe. Auch sie weiß nicht richtig, wie sie das beschreiben soll. Sie spricht von einem "Ausnahmezustand" und dass sie dann wie "auf einer Welle schwimme". Und wenn sie schließlich vor Publikum stehe und mit den anderen das Stück "wuppe", das sei schon "ganz, ganz groß". Auch weil die Gruppe dabei nicht nur selbst Freude habe, und auch nicht nur die Zuschauer, sondern weil die Eintrittsgelder der Premierenvorstellung an soziale Projekte gehen, dieses Mal je zur Hälfte an Missionsprojekte der Franziskanerinnen von Reute und an das Kindersolbad in Bad Friedrichshall. Das nächste Mal wird Antje jedoch eine Pause einlegen. Weil auch Antjes Mann nicht mehr aufs Theaterspielen verzichten will, denn auch er gehört zur Truppe, wechseln sie sich Jahr um Jahr ab. Für Antje bedeutet das, dass sie erst im September 2019 wieder dran ist. Irgendwer müsse ja bei den Kindern bleiben. Das sei dann ihr anderes Leben. Und sie lebe es gern.

Auch Anton freut sich, wenn er auf der Bühne steht, aber um zu singen braucht er sie nicht. Ihm mache es nichts aus, zuhause vor sich hinzusingen, das mache den Tag doch gleich viel heiterer. Aber immer nur alleine, das reicht dann eben doch nicht, irgendwann sucht man doch die anderen, um sich zusammenzutun. Anton machte sich darüber so seine Gedanken. Sicher, so überlegte er, gibt es einige in Oedheim, die sagen, ich will mit anderen singen, die aber auch sagen, ich will nicht gleich in einen Chor eintreten. Deshalb hat Anton das "Offene Singen" ins Leben gerufen. Der Name sagt es schon, man trifft sich, ganz zwanglos, man singt. In der Regel montags von 18 bis 19 Uhr. Um die 20 Leute sind meistens da. Vorgaben gibt es nicht. Mal werden Schlager oder Popsongs gesungen, mal Volkslieder, mal religiöse Lieder. Anton sagt, die Mischung macht’s. Und mit dem Singen kämen oft auch die Erinnerungen, das Weißt-Du-Noch, das Schwelgen, die Nostalgie.

Vier Chöre

"Unsere Chöre werden positiv wahrgenommen", sagt Manfred Leitz, der zusammen mit Josef Herold und Werner Ruck den Vorstand stellt. Neben dem Kolpingchor, dem reinen Männerchor, gibt es noch zwei weitere Chöre, seit 1997 den Frauenchor, der hauptsächlich Songs aus Musicals interpretiert und seit 1989 den Chorus Linus mit Frauen und Männern zwischen 20 und 50 Jahren, der über sich selber sagt, er singe "den besten Mix vergangener Jahrzehnte". Einmal im Jahr tun sich die drei Chöre in Oedheim für ein gemeinsames Chorkonzert zusammen. Manchmal schallt es auch über die Stadtgrenzen hinaus. Vor fünf Jahren traten der Kolping- und der Frauenchor vor 750 Besuchern im Mozartsaal in Stuttgart auf, unter anderem mit "Habarena" aus dem ersten Akt der George-Bizet-Oper "Carmen". Auch der Kolpingchor Stuttgart hatte Werke einstudiert, unter anderem von Giuseppe Verdi und Richard Wagner, weshalb das Motto des Abends hieß: "Wagner! Verdi! Kolping!"

Traditionen werden bewahrt

"Mit unseren kulturellen Säulen führen wir eine lange Tradition fort", sagt Josef Herold. Eine Tradition, die aus Oedheim nicht mehr wegzudenken sei. "Kolping bewahrt, was sonst vielleicht verloren ginge." Verloren gegangen scheint in diesen Zeiten ohnehin vieles schon, vielerorts wird der Verlust von Traditionen beklagt. Vielerorts stellen Brauchtumsforscher und Soziologen aber auch fest, dass alte Traditionen wieder neu entdeckt und weiterentwickelt werden. Die Welt ist größer geworden, das Zusammengehörigkeitsgefühl weniger, vielleicht deshalb. Den 250 Kolpingern in Oedheim ist das Gefühl für Gemeinschaft hingegen nie abhanden gekommen. "Wir halten zusammen, wir helfen zusammen, ob jung, ob alt", sagt Josef. Man sei achtsam miteinander, wertschätzend im Umgang, man vertraut sich untereinander, hilft sich gegenseitig. Kolpingmitglieder betreuen außerdem in Oedheim eine Fahrrad-Werkstatt, in der Geflüchtete angeleitet werden, Fahrräder in verkehrssicherem Zustand zu halten. In einem Übergangsheim für Geflüchtete bietet die Kolpingsfamilie Nachhilfe in deutscher Sprache an. "Auch das sind Werte, für die wir stehen wollen." Letztlich, auch das zeigen sie in Oedheim, könnte es ganz einfach sein.

Die Kolpingsfamilie Oedheim hat 244 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 144 Kolpingsfamilien an, in denen es 12.739 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Oedheim


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.