Passt, schließt, ist sicher: Klemens Joosten ist Sicherheitstechniker in Goch und kümmert sich u.a. um Schließsysteme.

Klemens Joosten (r.) mit seinem Chef und Betriebsinhaber Klemens Erkes bei der Analyse des Stangenschlosses „FOS 550“ von Abus für Fenster und Terrassentüren.

Von Hand werden die Zylinder und Module auf den Schlüssel gefertigt.

Filigrane Arbeit mit Kleinstteilen gehört dazu und ist eine interessante Arbeit, findet Klemens Joosten.

Marina Burgardt engagiert sich in der Handwerkskammer (HWK) Düsseldorf.

Experten-Handwerk-Ehrenamt-Runde bei der Fachtagung in Köln (v.l.): Bernd Münzenhofer (Vorstand der HWK Düsseldorf), Kathrin Zellner (Vizepräsidentin der HWK Niederbayern-Oberpfalz), Alexander Hengst (Vizepräsident in der HWK zu Köln), Hans Peter Wollseifer (Präsident des Zentralverbandes des Handwerks und der HWK zu Köln), Thomas Dörflinger (Bundesvorsitzender des Kolpingwerkes Deutschland) und Reinhard Ockel (Bundesvorstand und Vorsitzender Kommission Handwerk).

Broschüre

"Was haben Handwerk und christlicher Glaube gemeinsam?" Buch von Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte.

Handwerk Kolpingmagazin

Unsere Wurzeln, unsere Kultur

Historisch gesehen gehören Kolping und das Handwerk zusammen. Ist das auch heute noch so? Der Verband verändert sich ebenso wie die Gesellschaft. Dabei fußt die Selbstverwaltung des Handwerks auf ehrenamtlich Engagierten, Kolpinger sind da nicht wegzudenken. Oder?

Das hektische Geräusch klingt wie die filmische Begleitmusik einer Ufo-Landung: Extraterrestrisch,extrem unangenehm und tonuntypisch in Mark und Bein fahrend; der Sinn und Zweck jeder Alarmanlage: Einbrechende verstören und die Aufmerksamkeit der Umgebung erregen! Neben dieser Art Sicherheitstechnik gibt es in dem Gocher Fachgeschäft Safetyline Erkes GmbH auch noch zahlreiche Tür- und Fensterschlösser, Schlüssel, Tresore und Videoüberwachungssysteme zu bewundern. Für Klemens Joosten sind all diese Elemente Lebenselixier. Der 53-Jährige arbeitet als Sicherheitstechniker für Safetyline und präsentiert bei Bedarf Kunden im Geschäft des inhabergeführten Betriebes Modelle zur Steigerung der heimischen Sicherheit. „Zu 90 Prozent meiner Arbeitszeit bin ich aber unterwegs zu den Kunden. Wir sind nur zu dritt im Betrieb, meine Chefin, mein Chef und ich. Langeweile kennen wir nicht. Vor anderthalb Jahren hatten wir hier eine große Einbruchsserie, mehrere Banden trieben ihr Unwesen: Das hat eine Weile gedauert, bis wir das abgearbeitet hatten.“ Der gelernte Schmied, der zuvor 20 Jahre lang in einem großen Fahrzeugbaubetrieb gearbeitet hatte, ist schon seit 19 Jahren bei Safetyline tätig und fühlt sich dort sichtlich wohl. „Klar, es wird abends auch mal länger, aber es ist familiär, denn man ist Mensch hier und keine Nummer.“

Neben seiner Vollzeittätigkeit ist Joosten als Arbeitnehmervertreter Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Düsseldorf. Schon seit 1991 engagiert er sich dort, gestaltet Handwerkspolitik aktiv mit und nimmt teil an Gremien- und Ausschusssitzungen. „Ich stelle schon fest, dass es in einem kleinen Betrieb mit spontanen Freistellungen schwieriger ist, aber wenn alles frühzeitig fest geplant ist, klappt es.“ Allerdings seien es seit seiner Mitarbeit im Vorstand der Kammer noch mehr Termine geworden, und ein wenig gerät der engagierte Sicherheitstechniker und Kolpinger da auch an seine Grenzen. „Ja, irgendwann wird es schon zu viel, Zeit für die Familie muss ja auch sein.“ Das Ehrenamt im Handwerk werde er aber so schnell nicht aufgeben. „Wenn man als Arbeitnehmer seine Sicht der Dinge, sein Know-How einbringen, etwas bewirken kann, zum Beispiel in den Gesellen- und  Prüfungsausschüssen, dann sollte man diese Chance nutzen. Für die zukünftige Generation.“ Und in der Düsseldorfer Handwerkskammer sei es ein gutes Miteinander, betont Joosten. Da mache das Engagement Spaß.

Die Nachwuchsproblematik

Das Handwerk ist einer der sozialsten Wirtschaftsbereiche, weil es für Menschen jeden Bildungsniveaus offen steht. „Wir brauchen alle, das ist unsere Anspruchshaltung. Wir können uns nicht nur die  Bildungsstarken herauspicken, das ist inhuman. Wir müssen jedem eine Chance geben“, sagte Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks und der Handwerkskammer zu Köln, im Rahmen der Fachtagung „Kolping im Handwerk“, die im Juni 2018 in Köln stattgefunden hat. Und das Handwerk ist ein Erfolgsmodell: Die duale Ausbildung mit praktischem Lernen im Betrieb und theoretischer Wissensvermittlung in der Berufsschule ist etwas, das andere Länder neidisch auf Deutschland blicken lässt. Es gibt bundesweit rund eine Million Betriebe, die in die Handwerksrollen und in das Verzeichnis des handwerksähnlichen Gewerbes eingetragen sind. Viele Ausbildungsplätze, viele Perspektiven für junge Menschen, die sonst womöglich keine hätten.

Probleme gibt es aber viele, unter anderem konkrete Nachwuchssorgen: „Viele nutzen das Handwerk als Sprungbrett hinein in andere Bereiche – und so fehlt in kleinen Betrieben die Nachfolge. Die eigenen Kinder wollen den Betrieb nicht immer übernehmen – wo findet man dann jemand Neuen?“, so Wollseifer. Er berichtet daraufhin von dem Schreinermeister, der aus purer Verzweiflung aufgrund der Nachwuchssuche ein You-Tube-Video drehte und in kürzester Zeit zig Jobinteressenten vor seiner Tür stehen hatte. Dort aktiv zu werden, wo sich der Nachwuchs aufhält, ist die Lösung? Kathrin Zellner, Vizepräsidentin der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, ergänzte dazu im Rahmen der Tagung: „Werbung für das Handwerk und seine Attraktivität darf nicht erst in der Schule anfangen. Man muss schon den kleinen Kindern vermitteln, dass es etwas Großartiges ist, mit seinen eigenen Händen etwas zu erschaffen.“

Zurück zu den Wurzeln?

„Mein Job vereint die Interaktion mit Personen ganz unterschiedlichen Charakters mit dem Handwerk. Genau dieses breite Tätigkeitsspektrum gefällt mir. Vom Kunden erhalte ich ein direktes Feedback, und den Gegenstand meiner handwerklichen Arbeit halte ich abends fertig in der Hand“, schildert Marina Burgardt ihren Berufsalltag als Optikerin begeistert. Die 35-jährige Neusserin hat ihren Fachhochschulabschluss als Diplom-Ingenieurin und arbeitet seit acht Jahren in einer familiengeführten Firma – einst ein kleiner Betrieb, inzwischen ein überregionales Unternehmen. Auch Marina Burgardt ist Mitglied der Vollversammlung der Handwerkskammer Düsseldorf und seit anderthalb Jahren im Kammervorstand. „Jedem, der aktiv werden und durch sein Mitwirken etwas verändern möchte, kann ich eine ehrenamtliche Tätigkeit im Handwerk nur empfehlen. Man bildet sich automatisch weiter, da die Handwerkspolitik stark mit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen des jeweiligen Bundeslandes, des Landes und der EU verzahnt ist.“ Und Marina Burgardt ist sogar durch ihren Beruf zu Kolping gekommen: „Ich bin seit zwei Jahren Einzelmitglied im Kolpingwerk Deutschland. Mich brachte die historische Verbundenheit zum Handwerk in den Verband; und das Gefühl, Teil einer familienhaften Gemeinschaft zu sein.“

Kolping und das Handwerk – zwei Seiten einer Medaille? „Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich ein Detail aus der Mitgliederumfrage zum Zukunftsprozess „Kolping Upgrade – Unser Weg in die Zukunft“ zitiere. Wir haben unsere Mitglieder gefragt: Als was nehmt ihr uns wahr? Als Handwerks- oder handwerkspolitische Organisation nehmen uns die wenigsten Mitglieder, die an der Umfrage teilgenommen haben, wahr“, berichtete der Kolping-Bundesvorsitzende Thomas Dörflinger im Rahmen der Fachtagung schonungslos. Das sei von der Historie her eine erstaunliche Entwicklung. Schaue man allerdings auf die Entwicklung der Mitgliederstruktur, schwinde das Erstaunen: „Es gucke jeder in seine eigene Kolpingsfamilie und suche dort die Handwerker!“ Die berufliche Durchmischung im Verband nehme zu, es sei einfach nicht mehr so wie vor 30 oder 40 Jahren. „Und es ist für uns eine Herausforderung, damit umzugehen, da wir nicht davon ausgehen können, dass wir mit unseren handwerkspolitischen Aktivitäten die breite Öffentlichkeit finden können, die wir automatisch aufgrund der Professionen unserer Mitglieder noch vor 30 oder 40 Jahren gefunden haben.“

„Man kann mit Sicherheit behaupten: Der erste Ehrenamtliche im Kolpingwerk war Adolph Kolping selbst“, konkretisiert Reinhard Ockel, Mitglied des Kolping-Bundesvorstandes und Leiter der Kommission Handwerk, die Verbandstradition. „Kolping kümmerte sich im 19. Jahrhundert um die Perspektiven von Handwerksgesellen. Sein Antrieb war die christliche Nächstenliebe. Sein Ansatz war die Hilfe zur Selbsthilfe: Der Einzelne soll befähigt werden, aus seinem Leben etwas zu machen. Das Kolpingwerk schreibt diese Tradition als Bildungs- und Arbeitsgemeinschaft fort. Viele Engagierte in der handwerklichen Selbstverwaltung berichten immer wieder, dass sie durch die ehrenamtlichen Erfahrungen zugleich ein wertvolles Rüstzeug für den persönlichen beruflichen Werdegang erhalten haben. Engagement im Handwerk erweitert den Horizont. Durch ihr Engagement und die Bereitschaft, auch künftig Handwerkspolitik mitzugestalten, prägen unsere Mitglieder das Gesicht des Verbandes und der Gesellschaft mit.“ Ein Appell an die Mitglieder!

Aber wie gewinnt man diese ehrenamtlich Engagierten? Nur so, wie man jemanden überhaupt für ein Ehrenamt gewinnen kann: Durch persönliche, andauernde, mitreißende Ansprache. „Ich selbst wurde von meinem Vorgänger immer und immer wieder eingebunden“, schildert Kathrin Zellner ihren Werdegang zur Kammer-Vizepräsidentin. „Man muss da immer dran bleiben.“ Darüber hinaus ändere sich jedoch auch die Ehrenamtskultur, stellt Thomas Dörflinger dar: Die jüngeren Menschen zeigten zwar nach wie Bereitschaft, ein Ehrenamt zu übernehmen, aber die langjährig währende Übernahme von Ämtern, die andauernde Verpflichtung, sei in der schnelllebigen Zeit nicht mehr so attraktiv, wie sie es früher einmal gewesen sein mag.

Um Kolpingmitglieder für ein Ehrenamt im Handwerk zu begeistern, hat das Kolpingwerk Deutschland aktuell eine Broschüre herausgegeben, die ein Leitfaden für die Ehrenamtlichen darstellen soll; die auch den Aufbau einer Handwerkskammer erklärt und präzisiert, was Kolping vom Handwerk möchte: Kolping möchte zum Beispiel die Selbstverwaltungsgremien durch Arbeitnehmende und Arbeitgebende paritätisch besetzt sehen, Kolping möchte Betriebsräte noch stärker in den Handwerksbetrieben verankern. Das duale Ausbildungssystem, menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Löhne, eine Weiterentwicklung des Prüfungs- und Ausbildungssystems, Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutz sind alles Themen, die ehrenamtlich engagierte Kolpingmitglieder in der Selbstverwaltung des Handwerks vorantreiben und dies auch in der Zukunft tun werden.

„Im Handwerk liegt ein großes Entwicklungspotential für Menschen aus allen Gesellschaftsschichten. Dieses Potential zur Entfaltung zu bringen und das Handwerk zu unterstützen, heißt, sich den Wurzeln unseres Verbandes bewusst zu sein und sie zu würdigen. Denn damit die Beschäftigten im Handwerk sich langfristig entfalten können, müssen viele soziale Rahmenbedingungen und Rechte beachtet werden. In dieser Tradition steht für mich das Kolpingwerk“, resümiert Marina Burgardt. Und auch Klemens Joosten sagt: „Für mich gehören Kolping und das Handwerk einfach zusammen.“ Dann möchte er die Geschäftsräume von Safetyline gerade verlassen, als ein Kunde ihn abfängt und mit zwei Schlüsseln herumfuchtelt. Joosten lächelt freundlich, verschiebt den Feierabend nach hinten und sagt: „Kein Problem, einen Moment! Ich schaue mir das an.“

Text: Alexandra Hillenbrand
Fotos: Barbara Bechtloff


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PerSe – Perspektive Selbstverwaltung
Für im Handwerk schon ehrenamtlich Engagierte gibt es PerSe, Perspektive Selbstverwaltung, ein Bildungsprojekt zur Stärkung der Selbstverwaltung im Handwerk, durchgeführt vom Bundesarbeitskreis „Arbeit und Leben“. PerSe entwickelt Qualifizierungs-, Bildungs- und Beratungsstrukturen für die Ehrenamtlichen in der Selbstverwaltung. Weitere Informationen unter www.perse-handwerk.de 

Broschüre Kolping im Handwerk:
Den „Leitfaden für ein ehrenamtliches Engagement im Handwerk“ kannst Du auf www.kolping.de/handwerk herunterladen. Dort werden auch alle aktuellen Informationen zum Thema „Kolping und Handwerk“ gesammelt.

Josef Holtkotte: „Handwerk hat goldenen Boden“
Auch Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte hat sich mit dem Thema Handwerk auseinandergesetzt, und zwar unter der Fragestellung „Was haben Handwerk und christlicher Glaube gemeinsam?“ Ganz alltägliche Parallelen zwischen Werk- und Kirchenbank werden in 21 kurzen, unterhaltsamen Episoden beleuchtet. Bestellen kannst Du es auf www.kolping.shop