So sind wir

So etwas wie Exoten

Als absolute Minderheit in einem Umfeld, das befremdlich auf den katholischen Glauben reagiert, hat es die Kolpingsfamilie Görlitz nicht einfach, neue Mitglieder zu gewinnen. Die Mitglieder verstehen sich als aktive Gruppe ihrer Gemeinde.

Der Zug kommt an, die Türen öffnen sich, eine Frau steigt aus, eine andere winkt, sie rufen einander Sätze zu, die danach klingen, als würden sie sich freuen, sich zu sehen. Ein Mann, der ebenfalls aussteigt, trägt ein Kind im Arm, ein Kind mit rotgeschwitztem Gesicht, in der Hand hält er eine prall gefüllte Sporttasche. Ein anderes Kind, mit einem Dinosaurier auf seinem T-Shirt, stolpert hinterher und fällt dabei fast über seine Füße. Der Mann dreht sich zu ihm um, und sagt etwas, das sich so anhört, als solle der Junge sich beeilen. Ob das wirklich stimmt, weiß nur der, der auch die Sprache spricht: die Menschen auf dem Bahnsteig am Görlitzer Bahnhof reden Polnisch. Was nicht ungewöhnlich ist, sondern was auf den Straßen, in den Cafés, beim Bäcker allgegenwärtig ist, der Sound dieser Stadt sozusagen: das Sprachengemisch aus Deutsch und Polnisch. Görlitz liegt an der polnischen Grenze, östlicher liegt sonst keine andere Stadt in Deutschland. Der östliche Teil von Görlitz wiederum wird seit dem Jahr 1945 polnisch verwaltet und heißt seitdem Zgorzelec.

Aus Sicht von Katholiken liegt Görlitz in der Diaspora. Mehr noch. Görlitz liegt in der tiefsten Diaspora. Bemüht man den Superlativ, ist das alles andere als eine Übertreibung. Im Bistum Görlitz gibt es nur noch um die 28.000 Katholiken, damit ist es das kleinste in Deutschland. Was deshalb nicht verwundern dürfte: Kolpingmitglieder sind dort, so könnte man es sagen, so etwas wie Exoten. Auch wenn die Kolpingsfamilie Heilig Kreuz in Görlitz die älteste Kolpingsfamilie im Bistum Görlitz ist, sie gibt es seit 1864. Zu ihren Mitgliedern zählt heute Christina Kunitzki. "Im Gemeindeleben ist Kolping überall präsent", sagt sie. Ob im Kirchenvorstand, ob im Chor, die Kolpinger sind dabei. Werden Lektoren gebraucht, sind sie zur Stelle. Präses und Generalvikar Alfred Hoffmann sagt: "Die Kolpingsfamilie in Heilig Kreuz ist sozusagen die Stütze, sie ist die aktivste Gruppe in der Gemeinde." Sogar dann, wenn mal handwerkliches Geschick gefragt ist." Insbesondere früher wusste man, bei den Kolpingern gibt es mindestens einen Handwerker." Auch außerhalb der Gemeinde wirken die Kolpinger. Beispielsweise unterstützen sie ein Kinderheim im polnischen Teil des Riesengebirges, schaffen Waschpulver und Lebensmittel dorthin und sonstige Dinge für den täglichen Gebrauch. Die Patenkolpingsfamilie Plochingen in der Nähe von Stuttgart, zu der inzwischen auch freundschaftliche Bande bestehen, greift dort mit finanziellen Mitteln ebenfalls unter die Arme.

Gegenwind einkalkulieren

Was ist denn das mit eurem Kolping, was wollt ihr damit, was macht ihr eigentlich? Christina erzählt, dass mal viele Fragen kommen. Oft aber gar keine. Die Ablehnung sei deutlich größer als das Interesse. Adolph Kolping dürfte es damals ähnlich ergangen sein. Als er 1845 zum Priester geweiht wurde, kam er in das protestantische Elberfeld, also ebenfalls in die Diaspora. Da muss Gegenwind einkalkuliert werden. Christina erklärt anderen gerne, warum sie bei Kolping ist. Sie sagt, ihr mache es nichts aus, wenn manche komisch gucken und andere nur mit dem Kopf schütteln und wieder andere einfach schweigen. "Viele erwarten nicht, dass es einen katholischen Verband gibt, der nach außen und in die Gesellschaft hineinwirkt, die fremdeln mit der ganzen Kolpinggeschichte", erläutert Matthias Kunitzki, Christinas Mann, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Heilig Kreuz in Görlitz. "Das macht es natürlich schwierig, was neue Mitglieder angeht."

Überschaubar soll es sein

Dass Kolping nicht nur am Ort vertreten ist, sondern bundes- und weltweit, erhöhe nicht gerade das Interesse. Man wolle lieber unter sich bleiben. In einer in sich geschlossenen Gruppe. "Wenn die hören, dass das ein weit vernetzter Sozialverband ist, sagen viele, nein, das ist nichts für uns", so Matthias weiter. Überschaubar solle es sein. Auf die eigene Gemeinde bezogen. Das mag man befremdlich finden, erklärt sich aber auch aus der Geschichte: Vor der friedlichen Revolution war in Ostdeutschland das Wirken der Kolpingsfamilien nur auf die Gemeinde bezogen. Eine Ausweitung der Aktivitäten war nicht erlaubt. Auch Priester durften nur innerhalb ihrer Gemeinde wirken. "Das ist noch in den Köpfen drin", erzählt Matthias weiter. Auch das Geld, das beizusteuern wäre, wenn man bei Kolping dabei ist, spiele eine Rolle. "Was, einen Beitrag soll ich auch noch zahlen, kommt nicht in Frage", sei eine häufige Reaktion. Dabei gehe es oft nicht darum, dass einer nicht zahlen will, für viele sei es einfach nicht drin, das Geld für den Mitgliederbeitrag aufzubringen. "In unserer Ecke werden die niedrigsten Löhne gezahlt, die Arbeitslosigkeit ist hoch", erklärt Matthias. Die Jungen seien ohnehin zum größten Teil bereits nach der Wende gen Westen abgewandert. Und die jungen Leute, die da sind, die würden sich von der Malteserjugend viel stärker angesprochen fühlen. "Wir fragen uns natürlich oft, wie können wir attraktiver werden, gerade für die Jugendlichen, aber eine Antwort haben wir nicht gefunden", sagt Christina. In dieser Frage ist die Kolpingsfamilie Heilig Kreuz mit ihren derzeit 28 Mitgliedern nicht nur auf sich alleine gestellt. Vor gut drei Jahren kam beispielsweise ein Coach aus Köln, um mit den Görlitzern nach einer Perspektive zu suchen. Die Situation wurde gemeinsam analysiert, Verschiedenes wurde versucht, Verschiedenes funktionierte nicht.

"In den letzten zehn Jahren hat sich nicht viel bewegt, da brauchen wir auch nichts beschönigen", sagt Reinhard Seewald, ehemaliger Vorsitzender der Görlitzer Kolpingsfamilie. "Was nützt es, wenn wir die Jüngeren ranlassen wollen, aber keine da sind, um das Ruder zu übernehmen." Lediglich zwei der momentanen Mitglieder seien unter 60 Jahre alt. Klar, es gäbe durchaus junge Familien, die Interesse daran hätten, sich zu treffen. Aber die würden sagen, das können wir auch alleine, da brauchen wir kein Kolping. Wenn sich ein paar Familien gefunden haben, bekommen andere das allerdings so gut wie gar nicht mit. Und sie sollen es auch nicht. "Man hat den Eindruck, als wären das Geheimtreffen", sagt Christina. Die Kolpinger hingegen drängt es mehr denn je in die Öffentlichkeit. Ein Zusammenschluss soll nun helfen, nach außen stärker aufzutreten: zum Jahresende wollen die beiden Kolpingsfamilien in der Innenstadt, Heilig Kreuz und Sankt Jakobus, fusionieren. "Die bisherige Trennung hat für alle nur Nachteile", erklärt Beate Schneider, Vorsitzende der seit 1952 bestehenden Kolpingsfamilie Sankt Jakobus. "Gerade uns fehlt es an Rückhalt", erklärt sie die Situation ihrer Kolpingsfamilie. "Wir haben keinen Präses und fühlen uns inzwischen oft nur geduldet." Ob sich die Hoffnungen erfüllen, ob die Veränderung den ersehnten neuen Wind bringt, wer weiß das schon? "Abe rdass wir es jetzt anders angehen, zusammen und nicht mehr jeder für sich, schafft doch eine gewisse Zuversicht", sagt Beate. Die Geduld aber wird weiterhin ihr Begleiter sein. Sein müssen. Denn: Knospen kann man nicht mit Händen aufbrechen, Keimlinge nicht durch Dranziehen zu einem schnelleren Wachstum verhelfen. Wer Christ ist, weiß: Es ist Gott, der wachsen lässt.

Die Kolpingsfamilie Görlitz/Hl.Kreuz hat 28 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Görlitz. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 11 Kolpingsfamilien an, in denen es 347 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Görlitz/Hl. Kreuz


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.