„Das ist für mich Heimat“, sagt diese Saerbeckerin und zeigt begeistert auf das Mehrgenerationenhaus. Für das Kolpingmagazin lässt sie sich gerne in der Ortsmitte vor dem Haus fotografieren.

Alfons Bücker, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Saerbeck, schaut zufrieden auf die Kolpingarbeit im Ort.

Nased Haidar ist vor zwei Jahren aus Syrien geflohen. Mit der Hilfe von Heinz Muth bereitet er such jetzt auf seine Deutschprüfung vor.

Die Herren helfen sich im Computer-Club gegenseitig.

Hatha-Yoga im Pfarrheim. Das Kolping-Bildungswerk bietet aber auch „Yoga für Kerle“ an.

Morgens um Acht: Gesundheitsorientiertes Krafttraining.

Wer möchte, kann seine Kraftübungen auch protokollieren und so seinen Trainingsstand überblicken.

Ludger Beermann ist verantwortlich für das Kolping-Blasorchester. Er spielt außerdem selbst Posaune. „Wir können die musikalische Ausbildung günstig anbieten, weil wir viel ehrenamtlich machen.“

Offener Singkreis: Singen am Vormittag.

Das Kolping-Blasorchester leistet sich sehr gute Dirigenten. An der Ausbildung wird nicht gespart.

Probe im Orchestergraben der Gesamtschule für das nächste Konzert.

PEKiP-Kurs im Mehrgenerationenhaus.

Kolping bietet in Saerbeck viel für die Jugend. 43 Jugendliche in der Leiterrunde kümmern sich um das Programm der 13 Jugendgruppen.

Die Kolpingjugend nutzt auch die Räume im Mehrgenerationenhaus – wenn sie nicht draußen Fußball spielt.

Kolpingmagazin So sind wir

Saerbeck: Wer lernen will, geht zum Kolping

In Saerbeck hat der Kolping-Tag 55 Stunden. Das ist die Summe der Kolping-Angebote, die Saerbecker Bürger jeden Tag wahrnehmen können. Herausragend sind die Bildungsangebote.

Acht Uhr morgens: Im Fitnessraum neben der Sporthalle stemmen Frauen Gewichte, üben mit Hanteln, schwitzen an Fitnessgeräten. Nach dem Alter haben wir natürlich nicht gefragt – tut man ja nicht. Stattdessen sprechen uns zwei Frauen von selbst an: „Schreiben Sie bitte auch, dass ich demnächst 72 werde!“ „Und ich bin schon 73“, sagt die Andere. „Aber alt sind wir noch nicht, damit das mal klar ist!“ Wer in der münsterländischen Gemeinde, in der etwas mehr als 7.300 Menschen leben, Sport machen will, muss nicht in eines dieser sonst allgegenwärtigen Fitnessstudios gehen. In Saerbeck geht sie oder er einfach zu Kolping, oder wie man hier auch mal gerne sagt: „zum Kolping“. Das „zum“ hat hier diesen schönen Nebenklang von „Heimat“ und „Zuhause“. Ein kleines Wort kann manchmal mehr über ein Lebensgefühl aussagen als ein langer Vortrag. „Heimat“ das Wort muss auch die Saerbeckerin unbedingt loswerden, als sie uns vor dem Mehrgenerationenhaus anspricht, und begeistert oder vielleicht sogar stolz auf das Begegnungshaus im Ortszentrum zeigt.

Na dann mal rein in dieses Haus, das mit seiner großzügig verglasten Front tatsächlich sehr einladend und offen aussieht. Drinnen wartet Alfons Bücker, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Saerbeck, der auch keinen Zweifel daran lässt, dass er hier gerne zuhause ist.

Vor ihm liegt das 60-seitige Programm des Kolping-Bildungswerkes und des Mehrgenerationenhauses. Die Kolpingsfamilie ist Träger und zugleich auch Betreiber beider Einrichtungen und zusätzlich noch des Jugendzentrums JuZe. Eine Kolpingsfamilie als Anbieter von Bildung und von Kursen, das ist nicht alltäglich. Klar, Bildung gehört selbstverständlich zu Kolping, aber in dieser Größenordnung ist das schon ungewöhnlich. Zu einem Teil liegt das vielleicht auch an der Größe der Kolpingsfamilie. Mit weit über 700 Mitgliedern zählt Saerbeck in Deutschland mit zu den größten Kolpingsfamilien. Mehr als jeder zehnte Saerbecker gehört dazu. Wertvoll ist auch die gute Vernetzung im Ort, der enge Kontakt zur Kommune, zum Bürgermeister, zum Gemeinderat. Die Kommune weiß, was sie an Kolping hat. Hinzu kommt, dass Alfons Bücker früher eine Volkshochschule geleitet hat und viel Erfahrung im Bildungsbereich mitbringt. Und dann sind da viele engagierte Mitglieder, die ihre Kenntnisse, Erfahrungen und Ideen einbringen, und denen man immer begegnet. „Kolping in Saerbeck bietet pro Tag 55 Stunden Programm“, sagt Alfons Bücker nicht ohne Stolz.

In dieser Größenordnung ist auch eine klare Struktur für die Kolpingsfamilie zwingend, um die einzelnen Bereiche sauber zu trennen und zu führen.

Viele Türen, viele Kurse

Gerne führt Alfons Bücker durch das Haus, öffnet Türen, stellt Menschen vor und zeigt die Vielfalt der Angebote. Im ersten Raum treffen sich Mütter mit ihren Säuglingen zum Prager-Eltern-Kind-Programm (PEKiP). Hier lernen Eltern unter Anleitung, wie sie ihr Baby in seiner Entwicklung begleiten und unterstützen können.

Nebenan hört man durch die Tür Gesang. Hier treffen sich Senioren vormittags zum offenen Singen: Traditionelle Volkslieder, deutsche Schlager, alles was Spaß macht, wird gesungen. Die Kursleiterin begleitet den fröhlichen Gesang mit der Gitarre. In dem kleinen Raum herrscht dagegen konzentrierte Ruhe: Heinz Muth arbeitet hier mit Naseh Haidar. Der 24-Jährige ist aus Syrien geflüchtet, vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen und vor einem Jahr nach Saerbeck gezogen. Seine vier Semester Jurastudium werden in Deutschland nicht anerkannt. Naseh Haidar lernt jetzt intensiv Deutsch; die Prüfung B2 steht an. Damit muss er Deutschkenntnisse auf fortgeschrittenem Niveau nachweisen. Heinz Muth, pensionierter Lehrer und ehemaliger Schulleiter, hilft ihm jetzt bei der Vorbereitung auf die Prüfung. Dabei hat er bewusst kein festes Programm, sondern er geht individuell auf aktuelle Fragen des Syrers ein. 2015 hatte Kolping einen Aufruf gestartet und Menschen, z.B. Asylbewerber, die Deutsch lernen wollen, aufgerufen, sich zu melden.

Heinz Mutz kümmert sich zurzeit um drei Geflüchtete: um Naseh Haidar, seinen Bruder und um einen Apotheker. Muth begleitet sie auch zu Ämtern und hilft ihnen, in der deutschen Bürokratie durchzukommen, was nicht einfach ist. Naseh Haidar sucht jetzt einen Ausbildungsplatz; auch dabei unterstützt ihn Heinz Muth.

Auf der oberen Etage des Mehrgenerationenhauses sitzen fünf Senioren zusammen, der Älteste ist 87 Jahre alt, wie er nicht ohne Stolz sagt. Sie schauen auf ihre Smartphones und unterhalten sich dabei angeregt. Sie treffen sich seit 2009 jeden Donnerstagvormittag für zwei Stunden als sogenannter „Computer-Club“. Mit- und voneinander lernen, ist das Motto des Kurses, der gleichzeitig auch ein unterhaltsames Treffen der älteren Herren ist. Heute beschäftigen sie sich hier mit einer App, mit der sie in Saerbeck und Umgebung die aktuellen Spritpreise der Tankstellen vergleichen können.

„Die jungen Leute sind zu schnell, wenn sie uns etwas erklären wollen“, sagt ein Kursteilnehmer. Da erklären wir uns das lieber untereinander in Ruhe selber. „Wir haben jede Woche neue Fragen, und einer von uns hat immer eine Antwort, oder wir finden das gemeinsam heraus.“ In einer Ecke des Raumes steht ein fahrbarer Schrank mit zehn Laptops, die der Computer-Club nutzen kann. Ansonsten werden sie auch für die angebotenen EDV-Kurse verwendet. Die Mitglieder des Computer-Clubs sind immer offen für Neues, zum Glück entwickelt sich die Technik ja weiter, so dass es auch immer wieder neue Fragen und damit einen Grund gibt, sich zu treffen. Fotoalben haben die Herren bereits gestaltet, mit Photoshop kennen sie sich aus und natürlich auch mit Excel und anderen Programmen.

Fünf Jahre bis zur Anerkennung

„Bei Kolping in Saerbeck hat Bildung Tradition“, sagen Vorstandsmitglieder der Kolpingsfamilie bei einem Treffen. Seit den 50er-Jahren hat Kolping Meisterschulungen angeboten, als Vorbereitung der Teilnehmer auf ihre Meisterkurse. Bei Kolping konnten sie fachübergreifende Grundlagen lernen, z. B. Buchhaltung und Rechnen. Mit dem Aufbau des Bildungswerkes hat die Kolpingsfamilie dann 1990 begonnen, in der alten Scheune, dem ehemaligen Kolpingheim, welche die Kolpingsfamilie vorher ausgebaut hatte. Alfons Bücker erinnert sich an die ersten Jahre auf dem Weg zur Anerkennung: „Wir mussten fünf Jahre eine vorgeschriebene Stundenzahl von Bildungsangeboten nachweisen, um anschließend die Gelder für die weitere Arbeit zu bekommen.“ Damit war ein sehr hoher ehrenamtlicher Aufwand verbunden. Erst nach diesen fünf Jahren wurde das Kolping-Bildungswerk Saerbeck offiziell anerkannt und konnte zwei hauptamtliche Halbtagsstellen einrichten für die Leitung der Einrichtung und die Planung und Koordination des Programms. Mit der Leitung und Durchführung der einzelnen Kurse des Bildungswerkes werden fachlich qualifizierte Honorarkräfte beauftragt. Die Kurse sind deshalb für die Teilnehmenden auch nicht kostenfrei.

Längst nicht alle Kurse können im Mehrgenerationenhaus stattfinden, dafür ist das Programm zu umfassend bzw. die Anforderungen an Ausstattung und Räumlichkeiten sind zu speziell. Der oben beschriebene Fitnesskurs findet im Haus mit der Sporthalle statt, die Yogakurse im Pfarrheim. Räume und Einrichtungen werden kostenfrei zur Verfügung gestellt. Damit unterstützt auch die Kommune die Arbeit der Vereine. Kolping kann Kurse deshalb auch kostengünstiger anbieten.

Kolping musiziert für Saerbeck

Das Programm des Bildungswerkes deckt folgende sechs Themenbereiche ab, denen verschiedene Kurse zugeordnet sind: EDV und Medien, Familie/Erziehung, Gesundheit, Kreativität, Hauswirtschaft, Gesellschaft und Leben. Vom Angebot her sei das Kolping-Bildungswerk vergleichbar mit einer Familienbildungsstätte, sagt Alfons Bücker. Neben den Kursen im Bildungswerk und den Angeboten des Mehrgenerationenhauses gibt es noch die musikalische Ausbildung bei Kolping. Mit über 100 aktiven Mitgliedern ist das Kolping-Blasorchester eine der größten Abteilungen der Kolpingsfamilie. Zu dieser Abteilung gehören das Hauptorchester, das Jugendblasorchester und das sogenannte kleine Orchester. Seit vielen Jahren bietet das Kolping-Blasorchester darüber hinaus Instrumentalunterricht bei ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern an. So haben vor allem Kinder und Jugendliche die Möglichkeit, ein Musikinstrument zu erlernen. Von der hohen Qualität der Ausbildung hat ganz Saerbeck etwas: Das jährliche Benefizkonzert, ein Frühlingskonzert, die Teilnahme am Kolping-Karnevalsumzug und die drei Weihnachtskonzerte gehöhren zum unverzichtbaren Programm in Saerbeck. Nach so vielen Eindrücken und so viel Bildung tut es gut, sich in das Café des Mehrgenerationenhauses zu setzen. „Jedes Mehrgenerationenhaus muss ein Café haben“, sagt Alfons Bücker. „Das ist Pflicht.“ Eine gute Vorgabe! Der Kaffee in Saerbeck schmeckt übrigens gut!


Die Kolpingsfamilie Saerbeck hat viel zu bieten, z. B.:

  • Bildungswerk
  • Mehrgenerationenhaus
  • Jugendzentrum JuZe
  • Familienkreise
  • Seniorenkreis
  • Blasorchester
  • Gospelchor feel go(o)d

Infos im Internet unter www.kolping-saerbeck.de


Text: Georg Wahl
Fotos: Barbara Bechtloff