Auch mit Angeboten für Ältere kann die Kolpingsfamilie attraktiv sein.

Ulrich Vollmer, Bundessekretär, auf der Bundesversammlung 2016 in Köln.

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Ohne Jugend keine Zukunft?

Martin Grünewald im Gespräch mit Bundessekretär Ulrich Vollmer.

Bitte vervollständige diesen Satz: Eine Kolpingsfamilie ohne Kolpingjugend ...
... kann auch eine Zukunftsperspektive haben!

Aber es fehlt doch etwas Wichtiges?
Ja, das stimmt. Eine Kolpingsfamilie sollte immer alle Chancen und Möglichkeiten nutzen, um junge Menschen zu erreichen und – soweit möglich – für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Zugleich können und sollten Kolpingsfamilien für junge Menschen anwaltschaftliche Funktionen vor Ort übernehmen. Ich selbst habe als Jugendlicher diese positive Erfahrung in meiner eigenen Kolpingsfamilie gemacht und Erwachsene als Partner, die unterstützen und begleiten, erlebt.

Kolping ist eine generationenübergreifende Gemeinschaft. Ist die Kolpingjugend nicht ein wesentlicher Bestandteil unseres Verbandes?
Ja, die Kolpingjugend – Kinder, Jugendlicheund junge Erwachsene – ist ein unverzichtbarerund eigenständiger Teil unseres generationsübergreifenden Verbandes. Sie gehört zum unverwechselbaren Profil. Das Kolpingwerk als generationenübergreifender Verband und die Kolpingsfamilien als generationenübergreifende Gemeinschaften sollten auch zukünftig immer den Anspruch haben, mit jungen Menschen und für junge Menschen etwas zu tun. Dieses wurde uns in die Wiege gelegt. Damit stehen wir in der guten Tradtion Adolph Kolpings!

Woran liegt es denn, dass es vielerorts schwerfällt, junge Menschen für das Engagement und für eine Mitgliedschaft in der Kolpingsfamilie zu gewinnen?
Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten. Erfreulich ist, dass es immer noch vielen Kolpingsfamilien gelingt, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu gewinnen und es oftmals eine engagierte Kolpingjugendarbeit vor Ort gibt. Feststellen müssen wir leider auch, dass es – aus welchen Gründen auch immer – teilweise sogenannte Abbrüche gegeben hat. Wo es nicht mehr gelungen ist, eine kontinuierliche Jugendarbeit abzusichern. So zum Beispiel, wenn eine Kolpingsfamilie zu einem bestimmten Zeitpunkt keine Jugendleitungen oder Gruppenleiter mehr gefunden hat.

Im Rahmen des Zukunftsprozesses „Upgrade… unser Weg in die Zukunft“ wurde in der Mitgliederumfrage 2017 deutlich, dass es eine spürbare Sehnsucht gibt, junge Menschen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen.
Dieses ist so, wird aber nur gelingen, wenn wir ihnen auch die notwendigen Freiräume und Unterstützung für ein Engagement geben, die sie benötigen. Dies ist eine große Herausforderung. Als generationenübergreifender Verband haben wir die Chance, als Erwachsene Partner junger Menschen zu sein. Dabei geht es nicht darum, den jungen Menschen zu sagen, was sie tun sollen, sondern sie auf Augenhöhe zu unterstützen und zu fördern. Dazu gehört u.a. auch, diese in die Entscheidungsprozesse der Kolpingsfamilie vor Ort einzubeziehen.

Hat eine Kolpingsfamilie nur Zukunft, wenn sie junge Menschen gewinnt?
Ich meine, die wichtigste Voraussetzung einer Kolpingsfamilie, zukunftsfähig zu sein, liegt in ihrer Lebendigkeit und Offenheit für Neues! Tradition lebt von Veränderung, so ein Sprichwort. So wichtig es ist, seine Geschichte zu kennen: Eine Kolpingsfamilie, die immer nur zurückblickt, wird irgendwann lediglich nur noch ein Traditionsverein sein. Kolpingsfamilien sind gefordert – ganz im Sinne Adolph Kolpings – auf die Nöte der Zeit zu schauen und zu handeln. Wo ist das besondere Engagement einer Kolpingsfamilie heute nötig und gefragt? Dazu ein gutes Beispiel einer Kolpingsfamilie aus dem hohen Norden, die mir berichtet hat, dass sie vor allem verwitwete Männer erreicht, die sich regelmäßig treffen, im Gespräch miteinander sind und gemeinsam etwas tun. Ich finde es einen guten Ansatzpunkt, verwitweten Männern eine Beheimatung zu ermöglichen! Eine ausschließliche Fixierung auf junge Menschen als Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit einer Kolpingsfamilie ist – so meine ich – nicht gegeben. 

Wie können denn Kolpingsfamilien auf den demografischen Wandel, auf kirchliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse reagieren?
Ich kenne Kolpingsfamilien, die bewusst erst dort ansetzen, wenn andere Jugendverbände mit ihren Gruppen vor Ort ihr Engagement beenden. Sie befinden sich damit nicht in einer Konkurrenzsituation, sondern sind mit diesen in einem kontinuierlichen Kontakt und unterstützen diese in ihrem Engagement.
Und: Wir werden eine längere Lebenserwartung haben, zukünftig eine Lebenserwartung von 100 Jahren. Somit können zukünftig auch diejenigen noch die silberne Ehrennadel für eine 25-jährige Mitgliedschaft erhalten, die erst im Alter von 65 Jahren oder auch später aufgenommen werden!

Welche Fragen stellen sich, wenn es vor Ort den Wunsch nach Jugendarbeit gibt?
Eine Kolpingsfamilie muss sich fragen: Wollen wir uns wirklich auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene einlassen? So wie sie heute nun mal sind? Oder wollen wir nur solche, die uns – den Älteren – gefallen und genehm sind? Sind wir bereit, uns auf deren Lebenswirklichkeit, deren Lebensrhythmus und Lebensstil einzulassen? Ich denke dabei z.B. an die Gestaltung der Kolping-Gedenktage, die oftmals am Sonntagmorgen stattfinden, um nur ein Beispiel zu nennen. Da kann es unterschiedliche Erwartungen geben, da müssen oftmals gute Kompromisse gefunden und tragfähige Vereinbarungen getroffen werden. Wer dazu nicht bereit ist, wird sicherlich keine Jugendlichen gewinnen.

Es geht also nicht um die Frage des Altersdurchschnitts einer Kolpingsfamilie?
Nein, es geht darum, wie einladend, lebendig und offen eine Kolpingsfamilie ist. Wie werden Gäste und Interessierte aufgenommen? Wird deutlich, dass diese ausdrücklich willkommen sind? Freuen wir uns oder begegnet man ihnen skeptisch? 
Oder: Wenn sich die Kolpingsfamilie nur auf die sonntäglichen Gottesdienstbesucher beschränkt, ist der mögliche Adressatenkreis zur Gewinnung von Mitgliedern deutlich eingeschränkt. Wer kümmert sich eigentlich um die Kirchenfernen? Adolph Kolpings Zielgruppe waren nicht die „Edel-Katholiken“. Adolph Kolping hat die Lebenswirklichkeit der damaligen jungen Handwerksgesellen in den Blick genommen und ihnen Beheimatung, Orientierung und Lebenshilfe gegeben, damit sie sich als tüchtige Christen in Gesellschaft und Kirche bewähren können. Diese Offenheit – die Adolph Kolping praktiziert hat – wünsche ich mir in den Kolpingsfamilien vor Ort und freue mich darüber, dass dieses auch heute vielfach gelebt und gut praktiziert wird.

In unserem verbandlichen Zukunftsprozess wird auch die Mitgliedschaft von Nichtchristen diskutiert. Bislang gibt es diese Öffnung noch nicht.
Mit Blick auf eine sich verändernde gesellschaftliche und kirchliche Situation stellt sich die berechtigte Frage, ob wir als Weggemeinscht – und so verstehen wir uns als Kolpingsfamilien – so einladend sind, dass wir Menschen, die nicht kirchlich gebunden oder nicht religiös sind, eine Beheimatung bieten wollen. Darin liegen doch auch Chancen, oder? Ich kenne Mitglieder, die erst durch ihre Kolpingsfamilie die Erfahrung gemacht haben, dass Leben und Glauben etwas miteinander zu tun haben.
Diese Frage steht gegenwärtig im Raum und wird zu klären sein. Ebenso die Frage, wie und durch wen zukünftig in unserem Verband Leitungsverantwortung – vor Ort und überörtlich – wahrgenommen werden soll.

Kannst du weitere Beispiele nennen, wie Kolpingsfamilien ohne eine engagierte Jugendverbandsarbeit eine Perspektive haben können?
Da gibt es eine gute verbandliche Praxis mit den zahlreichen Familienkreisen oder einer engagierten Seniorenarbeit. Viele Kolpingsfamilien sind außerdem erfolgreich als Kulturträger vor Ort tätig und gewinnen damit immer wieder neue Mitglieder. Schon in den Gesellenvereinen gab es Sport- und Theatergruppen, Musikgruppen und Chöre. Natürlich gehören heute auch Karnevalsgruppen dazu. Wir haben bundesweit mehr als 2400 Kolpingsfamilien, von denen keine so wie die andere ist, Kolpingsfamilien sind höchstens vergleichbar. In dieser Unterschiedlichkeit und Vielfalt liegt auch eine Chance, wenn sie vor Ort verstanden und ergriffen wird.

Wie können Kolpingsfamilien lebendig und zukunftsfähig bleiben?
Um die Zukunftsfähigkeit der Kolpingsfamilien – und damit natürlich auch die des Verbandes – sicherzustellen, haben wir gemeinsam mit den 27 Diözesanverbänden ein bundesweites Angebot zur Begleitung und Beratung von Kolpingsfamilien auf den Weg gebracht. Denn nur durch eine gezielte Stärkung des inhaltlichen Profils der Kolpingsfamilie bzw. durch eine Neuorientierung und Neuausrichtung ihrer Arbeit wird es gelingen, dass Kolpingsfamilien zukunftsfähig bleiben. Das Begleitungs- und Beratungssystem basiert auf Erfahrungen und Kenntnissen der 27 Diözesanverbände im Kolpingwerk Deutschland sowie auf gemeinsamen bundesweiten Qualitätsstandards. Ich kann jeder Kolpingsfamilie nur empfehlen, dieses Angebot zu nutzen. Auf www.kolping.de finden sich dazu entsprechende Informationen.

Nimmt uns die Öffentlichkeit eigentlich so wahr, wie wir uns das vorstellen?
Viele Kolpingmitglieder berichten immer wieder, dass die Vertrautheit und Gemeinschaft in der Kolpingsfamilie viel bedeutet und wichtig ist. Dieses ist gut so und ein Pluspunkt für Kolping vor Ort. Für Außenstehende – die diese vertraute Gemeinschaft nicht konkret erleben – ist dies oftmals nur schwer nachvollziehbar. Deshalb ist es wichtig, dass das Engagement einer Kolpingsfamilie zugleich auch mit einer besonderen Aufgabe oder Zielgruppe in Verbindung gebracht wird. Wenn sich beispielsweise eine Kolpingsfamilie um Geflüchtete und deren Integration vor Ort kümmert, dann wird die Solidarität und das zupackende Engagement von Kolping in der Öffentlichkeit vor Ort erkennbar. Nicht wenige schließen sich heute deshalb einer Kolpingsfamilie an, wenn deutlich wird, wofür diese sich engagiert und steht! Wir müssen nicht nur an unseren Bannern erkennbar sein, sondern müssen uns als Gemeinschaften profilieren, die tatkräftig öffentlich in Erscheinung treten.
Dazu gehört auch, auf Menschen zuzugehen und sie für konkrete Aufgaben auf ein Engagement anzusprechen. Aktuelle Ehrenamtsstudien belegen: Die Menschen wollen wissen, für welche Aufgaben sie konkret gebraucht werden. Das gilt übrigens für alle Altersgruppen, für junge und alte Menschen. Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass sich auch heute junge Menschen ansprechen und gewinnen lassen.

2400 Kolpingsfamilien bundesweit – und jede hat ihr eigenes Profil! Kann dieses nicht auch als eine Fundgrupe verstanden werden, um Anregungen zu finden?
Wir bereiten gerade ein entsprechendes Buchprojekt vor, in dem wir 27 unterschiedliche Profile von Kolpingsfamilien – aus jedem der 27 Diözesanverbände eine – vorstellen. Dabei schauen wir auf die jeweilige Situation vor Ort und stellen das besondere Engagement vor. Der neue Bildband wird im November vorliegen. Auch in unseren Verbandsmedien werden wir kontinuierlich Profile von Kolpingsfamilien vorstellen – stets verstanden als Anregung und Ermutigung.