So sind wir

Mit Mut und Gottvertrauen

Seligenstadt ist eine kleine katholische Bastion mitten im sonst eher evanglisch geprägten Hessen. Hier versucht die örtliche Kolpingsfamilie, mit unterschiedlichen Aktionen Nachwuchssorgen aus dem Weg zu räumen und der Überalterung mit einem neuen Profil zu begegnen.

"Wer nichts wagt, kann auch nichts gewinnen", sagt Thomas Knapp aus dem Vorstandsteam der Kolpingsfamilie Seligenstadt laut. Er übertönt damit die Geräusche der Bobbycar-Fahrzeuge, die von vergnügten Jungs und Mädchen über das Grundstück gejagt werden. "Wir haben uns hier immer mal wieder gefragt: Machen wir das jetzt wirklich? Wie soll das bloß klappen? Und dann ist es gut gegangen", ergänzt er. Mit "Hier" meint er die Kolpingsfamilie Seligenstadt, die es geradezu paradiesisch hat: Ein eigenes Grundstück samt Haus. Um dorthin zu gelangen, geht es ein Stück raus aus Seligenstadt, vorbei an einem Wegeskreuz, über eine Brücke hinüber, an Bauernhöfen vorbei – ob man in diesem Nirgendwo wirklich zu Kolping findet? Tatsächlich: Nach einer Weile gelangt man auf dem Babenhäuser Weg vor ein Grundstück, auf dem sich ein Haus mit dem Schriftzug "Kolping" befindet. Idyllisch gelegen – umgeben von Feldern und Wiesen. "Bekannt ist das hier nach wie vor als 'Kolping-Hütte'", erläutert Kolpingbruder Heinz Wenzel, der sich an diesem warmen Sommer-Freitagabend auch bei Kolping eingefunden hat. "Weil damals hier bloß eine Holzhütte stand." Spielplatz, ein Haus mit Bar, Toiletten, einer Dusche, großer Saal, Schuppen, Garage, große Wiesen – ein bisschen Urlaub am Wochenende. Und inzwischen stehen auch schon die ersten Zelte. Denn das Familienzelten der Kolpingsfamilie Seligenstadt ist gestartet.

In den Augen der Kinder leuchtet, wenn man genau hinschaut, Vorfreude auf eine Nacht draußen, bunte Spiele, eine Schatzsuche, Nachtwanderung und Leckeres vom Grill. "Ich bin jetzt das zweite Mal dabei, Johannes hat mich mitgeschleppt. Es ist einfach toll mal draußen zu sein. Sonst ist man hier zum Beispiel zu Christi-Himmelfahrt, da ist Zelten schon was anderes und macht einfach Spaß", sagt der 17-jährige Jan-Niklas. Und der achtjährige Tim, der gerade mit einem kleinen Tret-Traktor vorbeifährt, sagt: "Ich bin das erste Mal dabei und auch schon etwas aufgeregt, wie es so wird."

Und was ist für die Eltern reizvoll am Familienzelten? "Eindeutig die Gemeinschaft", sagt Thomas Knapp. "Letztlich geht es uns mit dieser Aktion darum: Wir wollen eine Gemeinschaft schaffen, einen Geist hervorbringen, ähnlich wie Adolph Kolping es getan hat." Knapp berichtet, dass die einstigen Zeltlager-Organisatoren wegen der fehlenden Gemeinschaft vor einigen Jahren das Handtuch geworfen hätten: Kinder seien nur noch abgegeben worden, die Eltern hätten sich nicht mehr eingebracht, mit der angestrebten Familien-Gemeinschaft hatte das dann nicht mehr viel zu tun. "Hier beim Zeltlager geht es uns darum, dass wir alles als Familien organisieren und gemeinsam Spaß haben."

Die Kleiderkiste

Ein weiteres Mut-tut-gut-Aktionsphänomen der Kolpingsfamilie ist die Kleiderkiste im Seligenstädter Ortsteil Klein-Welzheim. Die erste Kolpingkleiderkiste lag in der Innenstadt, aber das dortige Gebäude musste vor einigen Jahren einem Parkplatz weichen. "Ursprünglich wurde das Caritas-Kleiderlager von Helfern aus der Pfarrei St. Marcellinus & Petrus hier in Seligenstadt betrieben, konnte jedoch mangels Helfer nicht mehr gestemmt werden. Wir haben dann im Vorstand darüber diskutiert, ob wir uns dessen annehmen sollten. So etwas Wichtiges passt zur Kolpingsfamilie, haben wir gesagt; wir müssen es einfach machen. Wer, wenn nicht wir? Und was haben wir zu verlieren? Wenn es nicht klappt, haben wir es zumindest versucht." Los ging es damit dann im Frühjahr 2011. Das Ziel mit der Kleiderkiste ist es, Bedürftige mit gut erhaltender Kleidung und Haushaltswäsche zu versorgen. Inzwischen gibt es 30 Ehrenamtliche, die im Einsatz sind und die Öffnungszeiten abdecken: Montags ist von 15 bis 17 Uhr der Verkauf, und mittwochs zur gleichen Zeit erfolgt die Annahme von Sachspenden. "Wir verkaufen gegen einen geringen Betrag die uns gespendeten Sachen. Am Jahresende wird der Überschuss nach Abzug von Miete und Umlagen an soziale und caritative Projekte gespendet", erläutert Martina Disser, eine der Hauptorganisatorinnen der Kleiderkammer. Wird das Angebot angenommen? "Ja, es ist eine nützliche und tolle Aktion." Und als Helfer erlebe man auch so einiges, schildert Gertrud Aulbach eine Geschichte: Einmal habe ein Mann eine falsche Kiste abgegeben. "Es war die Erinnerungskiste mit den Sachen der Kinder, erste Schuhe, Kleidchen und so weiter. Der Mann ging und kam kurz danach völlig zerknirscht zurück, um die heißgeliebten Sachen zurückzubekommen. Es war natürlich alles schon in die Ständer gehängt und in die Boxen gepackt worden. Und es kostete einiges an Mühe und Zeit, die Stücke wieder herauszusuchen! Aber wir haben es geschafft!"

Ohne Angebot keine Nachfrage

"Seit 828 nach Christus heißt die Stadt übrigens Seligenstadt. Wegen der Überführung der Reliquien der Märtyrer Marcellinus und Petrus ist Ober-Mühlheim so umbenannt worden", erklärt Thomas Knapp. Er kennt sich gut aus in der Stadtgeschichte, denn hobbymäßig führt er Leute durch Seligenstadt, durch die Klosteranlage mit der Basilika zum Beispiel, in der sich die Reliquien befinden. Er macht das gerne und sieht es auch ein bisschen als seine Verpflichtung als Kolpingmitglied an. Seit 1951 gibt es die Kolpingsfamilie in Seligenstadt, Knapp selbst ist seit 1982 dabei und dazugekommen, weil die Gruppenstunden anderer Vereinigungen völlig überlaufen waren, als er auf der Suche war. Bei Kolping konnten die damaligen Jugendlichen einen eigenen Jugendraum auf- und ausbauen. "Was will man mehr? Und von uns jungen Leuten damals sind vier inzwischen im Vorstandsteam. Wir machen auch heute noch eine ganze Menge in der Kolpingsfamilie, Ausflüge, Betriebsbesichtigungen, zum Beispiel beim ortsansässigen Energieversorger, besuchen andere Kolpingsfamilien, setzen uns ein für religiöse Stätten in Seligenstadt. Aber mehr und mehr gewinnt man den Eindruck, das alles interessiere niemanden mehr, die Ehrenamtskultur ändert sich radikal."

Die Kolpingsfamilie Seligenstadt hat 154 Mitglieder, vor wenigen Jahren waren es noch fast 200. Zwei Drittel der Mitglieder sind über 60J ahre alt. Es lasse sich nicht leugnen, dass die Zeit davonläuft und etwas geschehen muss, soll die Kolpingsfamilie nicht eines Tages in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. "Für mich ist es unvorstellbar, aufzuhören. Vorher müssen wir einfach alles versucht haben, denn Kolping hat doch ein so großes Potential. Wir haben sogar ein Gelände mit Haus hier, also eigentlich alles wunderbare Voraussetzungen." Vielleicht müsse man, so überlegt Knapp, auch Nischen besetzen. Ihm schwebe da als Eisenbahnfan zum Beispiel eine Gartenbahn, vielleicht eine Art Kolpingfreunde-Modelleisenbahnclub vor. Kuriose Träume?

Im Rahmen des Zeltlagers gab es auch noch einen Gottesdienst unter freiem Himmel am Außenaltar des Kolpinggeländes, eine Kutschfahrt und einen Überraschungsbesuch von vier Eseln – alle waren begeistert. Solche Momente in der Gemeinschaft gehören festgehalten für die Ewigkeit; aber werden diese Kinder irgendwannin die Fußstapfen ihrer Eltern treten und solche Traditionen pflegen – oder den noch imaginären Modeleisenbahnclub befeuern? Oder wird es sie in dieser schnelllebigen Zeit in irgendeine Großstadt verschlagen – weit entfernt von Zelten und gemütlichen ländlichen Ausflügen? Und auch in der Kleiderkiste fragt man sich, was man macht, wenn die doch im Durchschnitt eher älteren Mithelfenden sich nicht mehr einbringen können. Wie kann man Jüngere zum Mitmachen veranlassen? "Alleine werden wir es nicht schaffen; dazu ist gerade in Seligenstadt auch die Konkurrenz durch über 120 andere Vereine zu groß", konstatiert Knapp nachdenklich. "Aber wir haben da schon ein paar Ideen; eine ist die, sich vielleicht hauptamtliche Unterstützung durch einen Sozialpädagogen zu holen, aber da müssen wir erst recherchieren, inwieweit so etwas machbar ist." Und was ist mit BuB, Begleiten und Beraten von Kolpingsfamilien vom Kolpingwerk Deutschland? Knapp nickt: "BuB ist super, wir haben das mitgemacht, aber leider war 'BuB' bei uns auch quasi bubb wieder weg, so ungefähr. Es gab tolle Impulse, aber wir benötigen hier etwas Längerfristiges." Man müsse sich vielleicht auch noch mehr mithilfe der neuen Medien miteinander vernetzen, einfach als lebendige Aktionsgemeinschaft in der Tradition Adolph Kolpings nichts unversucht lassen. Knapp lächelt überzeugt und sagt: "Ohne Angebot gibt es auch keine Nachfrage. Sobald man aktiv wird, hat man zumindest die Chance, dass Leute darauf anspringen; also müssen wir etwas anbieten!" Bei aller Anstrengung mache es ja auch Spaß, als Kolpingsfamilie etwas auf die Beine zu stellen. Ein Spaß-an-der-Aktion-Funke, der zumindest beim Zeltlager auch auf die restlichen Teilnehmenden übergesprungen ist. Mit Mut und Gottvertrauen wird daraus vielleicht ein kolping-orangefarbenes Zukunftsfeuer in Seligenstadt. 

Die Kolpingsfamilie Seligenstadt hat 154 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Mainz.Dem Diözesanverband gehören insgesamt 64 Kolpingsfamilien an, in denen es 4.761 Mitglieder gibt.

Text: Alexandra Hillenbrand
Fotos: Kolpingsfamilie Seligenstadt


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.