So sind wir

Mehr als ein Frühstück für die Schulkinder

Viele kommen ohne Frühstück in die Schule. Deshalb hat die Kolpingsfamilie Krefeld-Zentral (18 Mitglieder) vor zehn Jahren das Projekt "Schulfrühstück" ins Leben gerufen. Obst und Gemüse werden umsonst angeboten. Ein Brot kostet zehn Cent. Dabei gibt es kein Geschubse: Atmosphäre und Gespräche sind liebevoll.

Auf dem Tisch steht eine Tasse Kakao, es gibt Cornflakes, es gibt Bananen und Äpfel. Für die meisten Kinder in Deutschland ist es selbstverständlich, mit einem Frühstück in den Tag zu starten. Doch immer mehr Kinder, die hungrig aufwachen, bekommen morgens nichts zu essen. Bei manchen sind die Eltern bereits aus dem Haus und der Kühlschrank ist leer. Mit knurrendem Magen sitzen die Kinder dann später im Schulunterricht. Und können sich, was jeder kennen dürfte, der Hunger hat, nur schwer konzentrieren. Wenig Geld, wenig zu essen, eine Realität in Millionen Familien: Fast jedes fünfte Kind in Deutschland gilt als arm oder armutsgefährdet. Diese Not sehen und etwas dagegen tun – das sollte ein gesellschaftlicher Auftrag sein. Die Kolpingsfamilie Krefeld-Zentral mit ihren 18 Mitgliedern hat ihn angenommen. Am Anfang stand die Analyse durch die Kolpinger. Das Ergebnis: Der Anteil der Hartz-IV-Empfänger in Krefeld ist relativ hoch, die Zahl der Aufstocker nimmt in Krefeld ständig zu, In einem Ortsteil ist der Migrantenanteil untypisch hoch. Kinderarmut gibt es also auch hier. Und daher auch viele hungrige Mägen. "Dass es in unserer Stadt Kinder gibt, die ohne Frühstück in die Schule kommen, hat uns erschüttert", sagt Eva Museller, Verbandsreferentin des Diözesanverbandes Aachen. Deshalb hat die Kolpingsfamilie Krefeld-Zentral im Jahr 2009 an einer Grundschule das Projekt "Schulfrühstück" ins Leben gerufen.

Die Schule ist in zwei Standorte aufgeteilt und hat einen ungewöhnlichen Namen, sie heißt Mosaikschule. Damit soll ausgedrückt werden, dass jeder der gut 300 Schülerinnen und Schüler seine ganz eigene Persönlichkeit hat – jeder ist unverwechselbar, ein ganz besonderer Stein sozusagen, und alle zusammen ergeben ein Mosaik. Jeder hat auch sein eigenes Schicksal, und nicht alle haben es leicht im Leben, viele stammen aus prekären Verhältnissen. "Mein Papa ist im Gefängnis" und "Meine Mutter liegt immer den ganzen Tag im Bett",sind Sätze, die Margret Kleiner, eine Helferin beim "Schulfrühstück", schon gehört hat. "Wir fragen nicht weiter nach, aber die Kinder wissen, wir sind da", sagt sie. Ein Lächeln, ein freundliches Wort, es brauche nicht viel, damit die Kinder sich wohlfühlen. "Sie sind glücklich, einfach weil wir uns für jeden einzelnen die Zeit nehmen, die er braucht. Wer an der Reihe ist, bekommt unsere ganze Aufmerksamkeit", erzählt Margret. Denn die Kolpingschwestern, die für das Frühstück zuständig sind, belegen die Brote auf Wunsch, da wünscht sich ein Mädchen Gurken auf den Käse, und der Nächste will nur ein Butterbrot mit Tomaten. In zwei Reihen stehen die Kinder an und warten in aller Ruhe, bis sie dran sind. "Kinder, die sonst nicht geduldig sind, sind es plötzlich, es gibt kein Gerangel und kein Geschiebe, die Lehrer staunen jedes Mal." Eva erzählt, dass sie einige Male vor Ort gewesen ist. "Und ich stelle jedes Mal fest, wie sehr die Kinder auf unsere Damen abfahren."

Der Raum, in dem gut 40 Kinder Platz haben, wird von der Schule gestellt. Das Frühstück beginnt um 10 Uhr, eine Stunde vorher treffen sich die Helferinnen, meist sind es zwei, um alles, was gebraucht wird, vorzubereiten. Die Teller werden gestapelt, Käse und Rindersalami zum Belegen bereitgestellt, Obst und Gemüse gewaschen und zerteilt, das Brot geschnitten und die Scheiben mit Butter bestrichen – manchmal sind es bis zu 50 Butterbrote an einem Morgen und im Monat um die 70 Äpfel. Obst und Gemüse werden umsonst angeboten, wer mag, kann sich auch zwei oder drei Mal Nachschub holen. Ein Brot kostet zehn Cent. "Wir haben uns entschlossen, nicht alles kostenlos auszugeben, das hat auch was mit Stolz und Wertschätzung zu tun", sagt Eva. Wer dennoch kein Geld dabei hat, bekommt eine Schnitte mit Marmelade. Oder von anderen Kindern Geld zugesteckt. "Ich erlebe immer wieder, dass ein Kind zum anderen sagt, komm, ich leih dir was oder ich lade dich ein",erzählt Margret. Neulich habe ein Kind mit einem Euro in der Hand dagestanden und gesagt, es wolle anderen Brote schenken. Was zwischenmenschlich geschehe, rühre sie immer wieder. "Die Kinder schauen aufeinander, die Atmosphäre und die Gespräche sind liebevoll."

Jugendwohnheim mit 26 Plätzen

Das Frühstück um 10 Uhr ist für die meisten die erste Mahlzeit, die sie überhaupt am Tag erhalten. Eigentlich würden die Kolpinger ihr Angebot am liebsten jeden Tag machen, aber das ist momentan finanziell und personell nicht leistbar. Anfangs gab es das Frühstück dreimal in der Woche, inzwischen zweimal, an jedem Montag und Dienstag. Das Projekt wird über Spenden finanziert, auch andere Kolpingsfamilien geben etwas dazu. 300 Euro gab es beispielsweise von der Kolpingsfamilie Sankt Tönis, die jedes Jahr ihre Einnahmen aus dem Glühwein- und Tannenbaumverkauf an verschiedene soziale Projekte verteilt. Und neulich legte die Kolpingsfamilie Krefeld-Hüls aus dem Gewinn ihres Adventsbasars 650 Euro zum "Schulfrühstück" dazu. "Es tut gut, die Solidarität und den Zuspruch zu spüren, zu wissen, wir Kolpinger halten zusammen und leisten unseren Beitrag, wenn andere Hilfe brauchen", sagt Eva. Als Sozialverband müsse man zur Tat schreiten, wenn die "Not der Zeit" erkannt werde, wenn Benachteiligte am Ort Hilfe bräuchten. Eva zitiert ein chinesisches Sprichwort: "Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Fürchte dich nicht vor dem langsamen Vorwärtsgehen, fürchte dich nur vor dem Stehenbleiben."

Nur nicht stehenbleiben. Auch andere, die am Rande der Gesellschaft stehen, werden von Kolping nicht alleine gelassen. In fünfzehn Gehminuten kommt man vom Hauptbahnhof Krefeld zum Kolpinghaus an der Dionysiusstraße. Das dort untergebrachte Jugendwohnheim mit seinen vier Etagen und insgesamt 26 Plätzen bietet als stationäre Jugendhilfeeinrichtung Unterstützung und Hilfe für minderjährige männliche Jugendliche ab 14 Jahren, unter anderem auch für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und afrikanischen Ländern. Zudem bekommen junge Menschen im Alter bis 25 Jahren eine bis zu zweijährige stetige pädagogische Begleitung und Unterstützung bei der Verselbstständigung. "Wir stehen für eine neue Chance", sagt Einrichtungsleiter Uwe Zurhorst. Die Problemlagen der Jugendlichen sind unterschiedlich, die einen haben die Schule abgebrochen, andere haben Drogen konsumiert oder sind Opfer von Gewalt und Missbrauch geworden und haben Traumata, wieder andere sind Straftäter vor oder nach einer Haftstrafe. "Wir möchten Jugendlichen und jungen Erwachsenen besonders dann zur Seite stehen, wenn es nur noch wenige Menschen oder Institutionen gibt, die zu dieser Person halten."

Träger ist der 1893 gegründete eingetragene Verein Gesellschaft Kolpinghaus Krefeld. "Die Idee und die Sichtweise von Adolph Kolping ist heute noch Teil unseres pädagogischen Handelns", sagt Uwe Zurhorst. Ein Schritt nach dem anderen zu gehen, sei dabei die Grundhaltung. "Wir wissen, dass nicht alle Probleme auf einmal gelöst werden können." Damit die Hilfe auch greife, werde Beziehungsarbeit geleistet, die, und das sei entscheidend, auf Vertrauen fuße. "Damit die jungen Menschen die Möglichkeit haben, sich zu entwickeln, bekommen sie von uns einen Vertrauensvorschuss." Menschen außerhalb der Einrichtung bringen dieses Vertrauen erstmal nur selten auf. Uwe Zurhorst erzählt, dass Passanten laute Kommentare abgeben wie: "Oh, je, da wohnen die Junkies" oder "Achtung, die können gefährlich werden." Wenige wagen den Schritt über die Schwelle. Dabei ist das Kolpinghaus ein offenes Haus. Es finden Vorträge statt, Senioren treffen sich zum Frühstück – und die Kolpingsfamilie Krefeld-Zentral hat hier einen eigenen Raum. "Wer aber mal reingegangen ist, der kommt gerne wieder", so Uwe Zurhorst. Die Jugendlichen, die über den Gang gehen, lächeln und wirken eher schüchtern, sie grüßen freundlich. Besonders zu den Kolpingern, die häufiger im Haus sind, ist eine gewisse Nähe entstanden. "Wir packen auch mal mit an, wenn etwas im Haus zu erledigen ist, da fackeln wir nicht lange", sagt Eva. Vor einiger Zeit habe man beispielsweise Vorhänge genäht, die benötigt wurden. "Es sind vielleicht kleine Dinge, aber wir glauben an die große zwischenmenschliche Wirkung."

Die Kolpingsfamilie Krefeld-Zentral hat 18 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Aachen. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 40 Kolpingsfamilien an, in denen es 3.313 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Barbara Bechtloff


Dieser Beitrag ist auch enthalten im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.