Bundesebene Geistlicher Impuls

Mache dich auf und werde licht

Rosalia Walter, Geistliche Leiterin des Kolpingwerkes Deutschland, erläutert in ihrem Impuls zum 1. Advent, was Lied 219 aus dem Gotteslob eigentlich meint, wenn es uns auffordert, licht zu werden.

Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt, das singen wir gerne in der Adventszeit. Als Kanon gesungen bringen Text und Melodie unser Herz ins schwingen. 

Ohne präzises Mitdenken wird dieser Text aber meistens missverstanden, denn es heißt nicht ‚sein‘, sondern ‚dein‘ Licht kommt.

Im Advent warten wir auf die Geburt Jesu, mit ihm kommt sein Licht. Wenn dies mit dem Text im Lied gemeint wäre, müsste es heißen, denn sein Licht kommt.

Die Bibelstelle, die dieser Kanon wieder gibt, ist ein Ruf des Propheten Jesaja (Jes 60,1). Er ruft der Stadt Jerusalem zu: „Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht und die Herrlichkeit des Herrn geht leuchtend auf über dir.“

Mit dem Licht, das kommt, ist also das Licht für Jerusalem gemeint, und dies geht leuchtend über der Stadt auf. Jerusalem ist Ausdruck der tiefen Sehnsucht und Mitte des Gottesvolkes. Jerusalem ist Symbol für die Erfüllung aller Verheißungen, erhoffte Heimat, Sinnbild aller Geborgenheit und Schönheit. Der Prophet Jesaja tröstet mit diesem Ruf sein Volk, das im Exil lebt.  Die Stadt Jerusalem soll licht werden, weil ihr Licht kommt. Es handelt sich also nicht um irgendein Licht, sondern dieses Licht ist personalisiert. Jerusalem, dein Licht kommt. Heute gilt dies nicht nur für die Stadt, sondern für jeden persönlich. Ich kann also zum Beispiel sagen: Alexandra, dein Licht kommt oder Lukas, dein Licht kommt.

In dunkler Zeit, in der es viele Parallelen zur heutigen Zeit gibt, verheißt Jesaja der Stadt Jerusalem und damit dem ganzen Volk Gottes Licht und fordert es zugleich auf, selber licht zu werden, weil ihnen dieses Licht aufleuchtet. Es geht also nicht darum sich an diesem Licht zu wärmen oder sich darin zu sonnen. Dies wäre nicht im Sinne des Propheten. Sein Ruf: Auf, werde licht, denn es kommt dein Licht, gleicht einem Weckruf. Dieser Weckruf muss uns heute treffen. Dein Licht, das zu dir kommt, das aufleuchtet über dir, ermöglicht es dir selber zu leuchten, licht zu werden. Das Jammern, die Angst und die Sorge müssen ein Ende haben.

Der Ruf des Propheten Jesaja: licht zu werden, weil mein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn leuchtend über dem Volk Gottes aufgeht, gilt also auch mir, heute! Unser Singen ist ein Weckruf an uns selber!

In der christlichen Tradition sehen wir in den Trostworten des Propheten die geheimnisvolle Ankündigung der Geburt Jesu Christi.

Wie das aufgehende Licht, die aufgehende Sonne auf dem Bild beginnt, alles zu erhellen, zu erleuchten und zu durchdringen, so sollen auch wir licht werden.

Unser Licht kommt, es tröstet und schenkt Halt, in diesen bewegenden Zeiten, es leuchtet uns allen, doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite gehört unabdingbar dazu. Wir sollen selber licht sein bzw. werden, im Blick auf dieses Licht.

Nutzen wir die Zeit des Advents.

Hören wir den Ruf des Propheten.

Lassen wir uns trösten in all unseren Dunkelheiten, weil unser Licht kommt.

Und machen wir uns auf und werden licht!

 

Foto: jplenio/pixabay