So sind wir

Leben für Kolping

In fußballaffinen Kolping-Kreisen kennt man die Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck wegen ihres Erfolges bei Kolping-Fußballmeisterschaften. Aber auch die Senioren der Kolpingsfamilie versprühen einen Kolping-Geist samt Kolping-Gefühl vom Feinsten.

"Ich lebe und sterbe für Kolping", sagt Irmgard Kaulich und lächelt. "Sterben! Da lass Dir aber noch Zeit, Mensch, bitte!" protestiert Jutta Titze erbost, und ihr Mann Dieter ergänzt: "Sterben wollte ich jetzt aber noch nicht!" Doch Irmgard lässt nicht locker: "Ich bin aber jetzt bald dran!" Das Schmunzeln liegt ihr noch auf den Lippen, doch subtil merkt man die Ernsthaftigkeit dieser Worte und aufkommende Wehmut. Vielleicht noch verstärkt vom Plätschern des Ludwigsee-Wassers im Hintergrund – bewegt durch Kinder, die darin planschen. So ein ganz junger Hüpfer ist man ja als Seniorin oder Senior nicht mehr, der Zahn der Zeit nagt von Jahr zu Jahr spürbarer an einem.

Dabei sind die 16 rüstigen Kolping-Radlerinnen und -Radler – allesamt Ü-Sixties aus der Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck – an diesem Tag Beispiele blühenden Lebens: 25 Kilometer Radtour liegen an diesem sommersonnigen Augusttag schon hinter ihnen, die Pause am Ludwigsee in Melle ist höchst verdient; danach geht es ungefähr noch mal so viele Kilometer auf einem anderen Weg zurück ins Heimatstädtchen. "Einmal im Jahr machen wir so eine Radtour, treffen uns am Pfarrheim, und los geht’s. Der Hugo und der Helmut haben die Tour vorbereitet. Im letzten Jahr schüttete es, da fiel der Ausflug im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser und konnte auch nicht nachgeholt werden, weil wir dann keinen passenden Termin mehr gefunden haben", erklärt Werner Titgemeyer, Seniorenvertreter der Kolpingsfamilie, langjähriger Vorsitzender und noch immer Vorsitzender des Kolpingwerkes Bezirksverband Iburg. "Aber in diesem Jahr haben wir mal Glück, und so geht es zur Bifurkation Melle-Gesmold." Zur Bifur-wie-bitte?

Werner lacht. "Das gibt es nur ganz selten. Bei einer Bifurkation teilt sich ein Fluss in zwei Arme, die in getrennte Flusssysteme abfließen. In Melle ist das die Hase. Ein Teil fließt als Hase nach Nordwesten weiter, Richtung Osten heißt das schmaler davon fließende Wasser Else." Optisch macht die Bifurkation nicht viel her – eine Steinmauer, rechts und links davon Wasser – dafür ist sie aber ein echter Anlaufpunkt, Familien flanieren von Wespen verfolgt vorbei an den Kolpingern. Und die Holzhausener Senioren können an der Bifurkation für das obligatorische Gruppenfoto wunderbar posen. "Jetzt müssen wir alle unterschreiben, dass das Foto auch ins Buch oder Kolpingmagazin darf wegen des neuen Datenschutzes, oder?" ruft Scherzkeks Dieter Titze. Alle lachen. Offensichtlich einzuwilligen und das Fotoshooting nicht zu meiden, reicht doch aber schon!

86 Jahre und 355 Mitglieder

Seit wann gibt es Kolping in Holzhausen, ob sich jemand daran noch ganz leibhaftig erinnert? "Oh, also ich bin schon 50 Jahre im Kolping", sagt Werner. "Und ich bin schon 60 Jahre im Kolping, ich 50 Jahre im Kolping, und ich 40 Jahre im Kolping", ergänzen andere Kolpingbrüder und -schwestern. Werner fährt fort: "Also ich kann mich daran erinnern, dass wir 70-jähriges Jubiläum gefeiert haben." Kolpingbruder Heinz Sprekelmeyer, der schon 60 Jahre dabei ist, wirft ein: "80 Jahre hatten wir doch auch schon. Es müssten jetzt also 82, 83 Jahre sein. – Weit vor unserer Zeit." Erneutes Gelächter, begleitet von Klopfen auf den Tisch. "Na ja nicht, wenn man schon als Baby Mitglied wird. Das wird ja immer üblicher, oder?" stößt Marlies Potthoff einen Diskussionspunkt zum Thema Mitgliedschaft bei – oder wie man hier liebevoll sagt – "im Kolping" an. Von den Anwesenden sind jedoch die meisten schon etwas älter gewesen bei ihren Eintritten in den Verband. Mit einem Blick in Kolping-Annalen klärt sich das historische Rätsel um den Startschuss für Kolping in Holzhausen-Ohrbeck aber schnell: Die Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck im Diözesanverband Osnabrück wurde am 1. Januar 1932 gegründet, 86 Jahre alt ist sie also. Und sie hat zurzeit 355 Mitglieder. Für Jung und Alt, Singles, Paare oder Familien – bunte Angebote gibt es für alle: die Kolpingjugend, die Familienkreise "12 aus 14", "La Familia", "Familienkreis" und "Wilde 13" sowie die Silberlinge und die allgemeine Seniorenarbeit.

Ü32-Mannschaft holt den Pokal

"Gerade fand wieder die Kolping-Fußballmeisterschaft statt – dieses Jahr in Langen. Letztes Jahr war das Turnier bei uns – ein großes Fest! Unsere Jugend ist dieses Jahr in Langen im Halbfinale leider ausgeschieden. Aber unsere Ü32-Mannschaft hat wieder den Pokal gewonnen – wie auch schon vergangenes Jahr. Und wieder gegen Langen", berichtet Werner. Nach der für jeden Fußballfan sicherlich schwer zu ertragenen Fifa-WM-2018-Blamage der deutschen Elf ist das ja für die Holzhausener immerhin ein kleiner fußballerischer Sieg. Näher und familiärer fühlbar. Und Stolz schwingt auch in Werners Stimme mit. Wobei dieser vor allem vom kolpingschen Gemeinschaftsgefühl herzurühren scheint. Denn als Seniorenvertreter war Werner natürlich auch mit von der Partie bei der Kolping-Fußballmeisterschaft, und er hat seine Kolpingbrüder kräftig mit angefeuert. Im Programm der Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck wird insbesondere im Seniorenbereich auch ganz klar betont, dass sich die Seniorenarbeit als Teil der Gesamtarbeit der Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck versteht und die einzelnen Veranstaltungen für die gesamte Kolpingsfamilie neben den eher seniorentypischen Veranstaltungen durchgeführt werden. Der Grundsatz gilt: Zu allem sind auch immer alle aus der Kolpingsfamilie eingeladen. Wie in einer Familie. "So ist es nun einmal bei Kolping – familienhaft, generationenübergreifend", bestätigt Marlies Potthoff.

Man kennt sich

An seniorentypischen Veranstaltungen entdeckt man da im Programm zum Beispiel einen "winterlichen Abend", den Seniorenkarneval, Kreuzweg, Maiandacht, Spargeltouren, Seniorentage, die Osnabrücker Wallfahrt nach Telgte, eine Betriebsbesichtigung der Georgsmarienhütte – und darüber hinaus die üblichen Veranstaltungen für alle, wie Pfarrfeste, den jährlichen Kolpinggedenktag, Vortragsabende. Langweilig wird es in der Kolpingsfamilie so schnell keinem!

"Wir besuchen auch ältere Mitglieder bei besonderen Geburtstagen, Hochzeitstagen und ähnlichem. Nächste Woche haben wir jemanden, der 85 wird, und danach wieder einen 80. Geburtstag. Das häuft sich jetzt schon langsam", berichtet Werner. Und Heinz Sprekelmeyer ergänzt: "Wir bringen dann immer ein kleines Geschenk mit – und als Dank sitzen wir dann noch zusammen und klönen." Da ist man wieder bei dem allem zugrunde liegenden Aspekt, der ganz deutlich auch diese Fahrradtour prägt, der die Holzhausener Senioren "im Kolping" ihre Heimat finden lässt: die Gemeinschaft, das Kolping-Gefühl. Man kennt sich, man befindet sich auf einer Wellenlänge und wird zusammen aktiv. Das ist ja gerade auch im Alter von großer Bedeutung, wenn man in den Ruhestand geht, wenn womöglich der Partner früher stirbt als man selbst und man allein zurückbleibt, die Kinder aus dem Haus und beschäftigt mit den eigenen Kindern und der Arbeit sind. "Ich bin schon lange im Kolping, und ich fahre, weil ich alleine lebe, gerne in einer Gruppe mit, und ich fahre sehr gerne Fahrrad",bestätigt Marlies Potthof. Das belebt ja auch spürbar: Den Geist, den Körper, wobei dieser bei so einer Tages-Fahrradtour ja nicht gerade wenig leisten muss. "Ich habe ein E-Bike", beschwichtigt Marlies, "da denken ja die Leute immer, man würde besonders schnell fahren, aber es ist einfach eine Erleichterung." Bei dem leicht hügeligen Osnabrücker Land – hier eine Kuhweide, dort ein paar grasende Pferde und Felder, die in diesem heißen Sommer sichtbar unter der andauernden Trockenheit leiden – vollkommen nachvollziehbar.

Souveräne Leitung

Die Radlerinnen und Radler strampeln sich von einem Dorf ins nächste, an Landstraßen entlang, über Feldwege. "Hier findet am Wochenende das Osnabrücker Bergrennen statt", kommentiert Marlies eine Wegabsperrung und einen vorbeifahrenden Traktor mit Anhänger, der irgendetwas zur Rennvorbereitung zu transportieren scheint. Die Fahrradspeichen und -Räder rauschen vertraut, Fahrradketten und Gepäckträger klappern vereinzelt, und an einem der Räder schleift ein Schutzblech – diese Geräusche begleiten die Kolpingmitglieder. Die Tour-Verantwortlichen Hugo Haunert, Heinz Sprekelmeyer und Helmut Meyer tragen orangefarbene, reflektierende Signalwesten und wirken, während sie die Gruppe sicher über Verkehrsüberwege leiten und Autofahrer anhalten, sehr souverän und stolz damit. Unterwegs begegnet man anderen Leuten und grüßt, sich fröhlich "Moin" zurufend. Man kennt sich hier in der Gegend. "Das ist ja eine ganze Kompanie und nimmt kein Ende", kommentiert ein Mann am Wegesrand amüsiert die Kolping-Senioren-Fahrradkette. Gelächter und Rückrufe erschallen. An ein wie auch immer geartetes Ende denkt gerade wohl keiner – an diesem Tag im Sommer. Dank des Kolping-Gefühls und der Gemeinschaft!

Die Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck hat 355 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Osnabrück. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 132 Kolpingsfamilien an, in denen es 18.045 Mitglieder gibt.

Text: Alexandra Hillenbrand
Fotos: Alexandra Hillenbrand/Kolpingsfamilie Holzhausen-Ohrbeck


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.