Rosalia Walter, Geistliche Leitung

Josef Holtkotte, Bundespräses

Das Kolpingwerk ist als Weggemeinschaft unterwegs. Im Bild die diesjährige Friedenswanderung in Schirgiswalde.

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Konkurrenz oder Kooperation?

In welchem Verhältnis stehen Präsesamt und das Amt der Geistlichen Leitung zueinander? Josef Holtkotte und Rosalia Walter im Interview.

Sollen Laien aus der Verlegenheit des Priestermangels retten? Bundespräses Josef Holtkotte und Geistliche Leiterin Rosalia Walter haben auf die Fragen von Martin Grünewald geantwortet.

Geistliche Leitung – ist das wörtlich gemeint? Handelt es sich wirklich um ein eigenständiges Amt?
Josef Holtkotte:
Es geht bei der Geistlichen Leitung nicht um irgendetwas, um das man sich neben vielen anderen Dingen auch noch kümmern muss, sondern um unsere Wurzeln, unsere Identität. Durch das Amt der Geistlichen Leitung gibt man den Laien wirklich Verantwortung. Sie können sich deshalb für das Schicksal der Kolpingsfamilie verantwortlich fühlen. Diese Verantwortung nehmen sie wahr und schaffen dadurch Vertrauen. Für ihren Dienst gibt es auch Fortbildung und Begleitung. Fortbildung, die als Unterstützung und nicht als Gängelung wahrgenommen wird. Dadurch nehmen sich die Laien selbst ernst – und werden ernst genommen.

Es könnte der Eindruck entstehen: Wo die Priester fehlen, sollen es die Laien richten. Sollen Laien aus der Verlegenheit retten?
Rosalia Walter:
Wenn Präses und Geistliche Leitung gemeinsam für die Pastoral in der Kolpingsfamilie Verantwortung tragen, bedeutet dies, dass sich verschiedene Akteure und Akteurinnen gegenseitig in einer gemeinsamen Mission unterstützen. Dabei müssen nicht Kompetenzen und Zuständigkeiten mühsam erkämpft und ausgehandelt werden. Die gemeinsame Mission kommt aus dem gemeinsamen Glauben, über den gesprochen wird und der miteinander geteilt und gelebt wird. Priester und Laien übernehmen gemeinsam ihre je eigene Verantwortung und handeln zum Wohl für die Menschen in der Kolpingsfamilie, ausgehend von den Alltagsfragen, die sich wirklich stellen.

Was ist gewollt? Jeweils Präses und Geistliche Leitung oder nur eine Person von beiden?
Josef Holtkotte:
Wenn beide Ämter vor Ort besetzt sind, ist das optimal. Ich will es in einem Bild ausdrücken: Beim Hausbau kann ich auch nicht sagen: Ich brauche einen Architekten oder einen Maurer. Und ich brauche natürlich noch viele andere: Zimmerer, Elektriker usw. Das gilt auch für die Kolpingsfamilie. Verschiedene Aufgaben verteilt auf verschiedene Ämter, und im Zusammenspiel aller gelingt die Gemeinschaft. Wenn nicht beide Ämter vor Ort besetzt sind, ist es sehr gut, wenn ein Präses oder eine Geistliche Leitung Verantwortung übernimmt. Es geht nicht darum, Räume zu beherrschen, sondern Prozesse zu ermöglichen und gemeinsam zu handeln.

Ist das Präsesamt nicht etwas Besonderes?
Josef Holtkotte:
Es tut uns gut, uns daran zu erinnern, dass die Kirche die Diakone, Priester und Bischöfe nicht als Elite versteht. Mit ihrer besonderen Sendung sind sie in Dienst genommen. Sie bleiben eingebunden in das Volk Gottes, mit allen Getauften auf dem Weg. Das Leitbild sagt dazu: „Der Präses trägt in erster Linie die Verantwortung dafür, dass das geistlich-religiöse Leben die Quelle des Engagements einer Kolpingsfamilie ist“. Er ist in diesem Punkt allerdings nicht alleinverantwortlich, vielmehr bindet er die, die in der Kolpingsfamilie dazu befähigt sind, in die Verantwortung für geistliche Aufgaben mit ein. Damit trägt er Mitverantwortung für alle Fragen, die die Arbeit des Vorstandes betreffen. So heißt es auch im Werkblatt 7 „Der pastorale Dienst“. Bei der Einbindung in die geistlichen Aufgaben geht es um die Begleitung und Unterstützung des an der Basis gelebten Glaubens. Der Präses fördert die Spiritualität der Laien. Papst Franziskus betont: „Es ist nie der Hirte, der dem Laien sagt, was er tun oder sagen muss – sie wissen es genauso gut oder besser als wir. Wir Geweihten sind berufen, den Laien zu dienen, und nicht, uns ihrer zu bedienen.“

Es gibt also keine Gefahr einer Konkurrenz zwischen Priester und Laie?
Rosalia Walter:
Dies ist ein entscheidender Punkt. Das Miteinander von Präses und Geistlicher Leitung kann verdeutlichen, ins Bewusstsein bringen, dass die Laien und die Geweihten als Getaufte die gleiche Würde haben. Ein Vergleichen bzw. ein Denken in den Kategorien der Priester ist „mehr wert“ oder „höher“ ist falsch. Im gesellschaftlichen Leben kennen wir das Problem der Akademisierung, das so weit geht, dass für manche „der Mensch erst beim Akademiker beginnt“. Das heilige Volk Gottes besteht aus allen Getauften, mit Gottes Geist Beschenkten. Aus der Taufe handelt jeder nach seinen Aufgaben, nach seinem Auftrag. Das ist keine Konkurrenz, sondern gelebtes, sich ergänzendes Miteinander.

Aber es gibt – so das Neue Testament – unterschiedliche Charismen.
Rosalia Walter:
Die Vielfalt der Charismen bilden den Reichtum der Kirche. Präses und geistliche Leitung sind gemeinsam auf der Suche nach den Charismen, die in den Menschen entdeckt werden wollen. Sie bringen Menschen mit dem Evangelium in Berührung und leben dadurch eine Kirche, die Gott und den Menschen nahe ist.

Die Fragen stellte Martin Grünewald


Begriffsklärung

Was ist ein „Laie“?

  • Im allgemeinen Sprachgebrauch empfinden wir einen Laien als Unwissenden, als jemanden, der keine Kenntnis von einer Sache hat.
  • Dieses Empfinden entspricht nicht der ursprünglichen Bedeutung des Wortes. Das Wort Laie stammt aus dem Griechischen „laós“ und bedeutet „Volk“. Davon leitet sich „laikós“ „zum Volk gehörig“ ab.
  • Die Kirche ist das Volk Gottes. Mit der Taufe treten wir in das Volk Gottes ein. Somit ist jeder Getaufte ein Laie in dem Sinn, dass er zum Volk Gottes gehört. Das Wort „Laie“ ist in der Kirche deshalb nicht abwertend gemeint.
  • Die abwertende Bedeutung des Wortes „Laie“ kommt aus dem mittelalterlichen Latein. Das lateinische Wort „laicus“ bekam die Nebenbedeutung ‚ungebildet‘, weil Bildung für Angehörige nicht vermögender Familien nur durch eine geistliche Laufbahn zu erhalten war. Im Laufe der Kirchengeschichte hatte sich für die Geistlichen, die das Weihesakrament (Diakonen-, Priester-, Bischofsweihe) empfangen haben, die Bezeichnung „Kleriker“ entwickelt.