Volker Kauder bei den Kölner Gesprächen 2022

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Kölner Gespräche 2022: Freie Religionsausübung weltweit gefordert

Am Wochenende veranstaltete das Kolpingwerk Deutschland die alljährlichen „Kölner Gespräche“, die auch digital übertragen wurden. Gastredner in diesem Jahr war Volker Kauder, ehemaliger und langjähriger Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

In den vergangenen Jahren ist die Religionsfreiheit in vielen Teilen der Erde weiter eingeschränkt worden. Das betonte Volker Kauder bei den diesjährigen „Kölner Gesprächen“ des Kolpingwerkes Deutschland, die am vergangenen Wochenende unter dem Titel „Bedroht, bedrängt, verfolgt – Situation der Christenheit weltweit“ in den Kölner Sartory-Sälen stattfanden. Besonders für Christinnen und Christen habe sich die Situation erheblich verschlechtert. Die in Bedrängnis Lebenden hätten einen Anspruch darauf, dass die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik bei Gesprächen in Ländern, die bekanntermaßen keine Religionsfreiheit haben, die Verletzung dieses wichtigen Menschenrechts offen ansprächen, auch wenn dies den wirtschaftlichen Interessen Deutschlands entgegenstehe. „Dort wo es keine Religionsfreiheit gibt, gibt es auch keine Freiheit“, zeigte sich der ehemalige und langjährige Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion überzeugt. Zudem forderte Kauder, die Religionsfreiheit in Deutschland auch mit Blick auf die Konvertiten weiter abzusichern: Es sei unerträglich, dass Menschen, die aus einem Land wie Afghanistan oder dem Iran geflohen seien, weil sie dort wegen ihres Glaubens verfolgt wurden, kein Asyl in Deutschland erhalten und abgeschoben würden, obwohl sie in Deutschland zum Christentum konvertiert sind. Das sei mit dem Anspruch Deutschlands auf Religionsfreiheit nicht zu vereinbaren. Ein Religionsübertritt müsse ohne Wenn und Aber respektiert und als freie Gewissensentscheidung akzeptiert werden.

Auch die Bundesvorsitzende des Kolpingwerkes Deutschland, Ursula Groden-Kranich, forderte ein engagiertes Eintreten für Religionsfreiheit und verfolgte Glaubensgeschwister. Weltweit würden 200 Millionen Menschen wegen ihres christlichen Glaubens diskriminiert, bedroht oder verfolgt. Der Verbandsgründer Adoph Kolping habe gesagt: „Tut jeder in seinem Kreis des Beste, wird’s bald in der Welt auch besser aussehen.“ Übertragen auf die heutige Situation bedeute dies, dass man sich gegen die Ausgrenzung von Religionsgemeinschaften einsetzen müsse.

Ganz in diesem Sinne tritt der Gastredner der Kölner Gespräche 2022, Volker Kauder, seit Jahren als mahnende Stimme für die Religionsfreiheit weltweit ein – und das nicht nur für die Christenheit, sondern für alle Glaubensrichtungen. Seit einiger Zeit beobachte er, so Kauder in seiner Rede, dass Religion nach dem Willen der Herrschenden in immer mehr Ländern „national identitätsstiftend“ sein müsse. Religion und Nationalismus bis hin zum Nationalextremismus gehörten dann zusammen. Das zeige etwa das Beispiel des größten demokratischen Landes der Erde, Indien, wo in einigen Regionen Menschen, die keine Hindus seien, massiv bedroht, verfolgt und getötet würden. Auch in Russland gelte seit einiger Zeit die These, dass die Religion der „Identität des Landes“ dienen müsse. Das sei Wasser auf die Mühlen der Russisch-Orthodoxen Kirche, „von der wir übrigens bis zum heutigen Tage zu den grässlichen Vorgängen in der Ukraine nichts hören, weil sie Staatskirche ist.“ Hier werde die Religionsfreiheit nicht durch den Staat, sondern durch eine Kirche untergraben, die andere Kirchen bedränge. In China wiederum werde Religionsfreiheit nur akzeptiert, solange sie sich im Rahmen der Vorgaben der Kommunistischen Partei bewege. Christinnen und Christen riskierten Benachteiligungen, wenn der Staat feststelle, dass sie Kontakt zu Hauskirchen knüpften. Das zu umgehen, werde angesichts der Ortung mittels Handy und der Videoüberwachung praktisch unmöglich. Dadurch nehme die Vereinsamung zu.

Christinnen und Christen seien aber vor allem dort unter Druck, wo Muslime die Mehrheit hätten oder der Islam Staatsreligion sei. Der Wechsel vom Islam in eine andere Religion, wie ihn die UN-Charta als Menschenrecht statuiert, gelte dort als Sünde und werde je nach vorherrschender Auslegung des Korans und der Scharia mit einem unterschiedlichen Strafmaß bis hin zur Todesstrafe bedroht. Brutaler als in islamistischen Staaten sei die Form der Christenverfolgung heutzutage indes dort, wo Regierungen – vor allem in Afrika – nicht mehr die Kraft hätten, Recht und Ordnung durchzusetzen. So seien im vergangenen Jahr allein in Nigeria, wo die islamistische Terrorgruppe Boko Haram tun und lassen könne, was sie wolle, fünfeinhalbtausend Christinnen und Christen getötet worden. „Die islamische Welt sagt so gut wie nichts dagegen“, so Kauder. Wichtig sei deshalb, dass in den vergangenen Jahren eine Öffentlichkeit geschaffen worden sei und die verfolgten Menschen Solidarität erführen.

In dem anschließend von Larissa Florysiak, der Jugendpolitischen Bildungsreferentin der Kolpingjugend im Kolpingwerk Deutschland, moderierten Gespräch schilderte Milad Danho aus der Sicht eines Betroffenen sehr eindringlich die bedrohliche Situation in Syrien. Der aramäische Christ war 2014 mit seiner Familie nach Deutschland geflüchtet und konnte hier erstmals in eine Kirche gehen ohne die Sorge zu haben, verhaftet oder entführt zu werden. Mittlerweile ist er Mitglied der Kolpingsfamilie Wiesbaden-Zentral und wünscht sich für die Aramäer eine friedliche Existenz und demokratische Verhältnisse. Jeder Mensch solle seinen Glauben ungehindert ausüben und seine Meinung frei äußern dürfen.

Die Vorsitzende des Zentralrates der Jesiden in Deutschland, die Rechtsanwältin Zemfira Dlovani, betonte die lange gemeinsame Verfolgungsgeschichte von Christen und Jesiden im Nahen Osten. 2014 sei unter der Herrschaft der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) der Gipfel der Verfolgung erreicht worden. Es sei das Anliegen der Jesiden, dass sie irgendwo leben könnten, wo sie ihre Religion frei ausüben könnten. Eine Rückkehr in ihre Heimat sei derzeit noch ausgeschlossen, da es dort für sie keine Sicherheit gebe und viele Dörfer noch zerstört seien. Dlovani forderte, dass die Bundesregierung die Verbrechen des IS an den Jesiden als Völkermord anerkennen solle, und erbat Unterstützung beim Wiederaufbau in den zerstörten Gebieten.

Abschließend betonte Bundespräses Hans-Joachim Wahl die Wichtigkeit von Achtsamkeit, Respekt und Verständnis füreinander. Im alttestamentlichen Buch der Sprichwörter heiße es: „Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.“ Das sei ein Auftrag an alle Menschen guten Willens.

Wer den Live-Stream der „Kölner Gespräche“ verpasst hat, kann sich dennoch die Wort- und Musikbeiträge ansehen. Die komplette Aufzeichnung der Veranstaltung ist ab sofort unter: https://www.domradio.de/video/koelner-gespraeche verfügbar.

Fotos: Marian Hamacher