So sind wir

Jung und Alt kümmern sich umeinander

Die Kolpingsfamilie Heiligenstadt hat es nicht leicht, Jugendarbeit aufzubauen. Trotzdem ist sie eine Gemeinschaft, in der die Mitglieder generationenübergreifend füreinander da sind.

Im Jahr 2050 werden über 30 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik 65 Jahre oder älter sein, nur etwa 15 Prozent unter 20 Jahre alt. Das geht aus Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervor und bedeutet die Umkehrung der klassischen Alterspyramide. Bildeten einst die jüngeren Menschen das untere und breiteste Fundament, verlagert sich der Anteil mehr und mehr. Die aus älteren Menschen bestehende Spitze wird immer breiter, während es sich nach unten hin ausdünnt. Dass der so genannte demographische Wandel unsere Gesellschaft verändern wird, steht außer Frage. "Nach den Jahren der Last, kommt die Last der Jahre", schrieb einst Johann Wolfgang von Goethe. Doch wohin führt es, das Alter als Last zu betrachten? In Medien und Politik werden regelmäßig Drohszenarien beschworen. Die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt sprach von einem "Krieg der Generationen", der Politikwissenschaftler Michael Opoczynski hat sein 2015 erschienenes Buch genauso betitelt. Auch Frank Schirrmacher zeichnete in seinem Bestseller "Das Methusalem-Komplott" Schreckensbilder, aber er sprach auch von einer historischen Chance für die jungen Menschen. Sie müssten – schon aus Überlebensinstinkt – gegen die Diskriminierung des Alters vorgehen.

Wir müssen zusammenrücken

Immer weniger junge Menschen werden mit immer mehr alten Menschen über längere Zeiträume zusammenleben. So also der Blick in die Zukunft. Für die Kolpingsfamilie Heiligenstadt in Thüringen aber ist die kommende Realität längst schon Gegenwart. Elf Mitglieder sind unter 50 Jahre alt, davon drei unter 20, hingegen sind 46 Mitglieder über 50 Jahre alt, darunter 19 Mitglieder zwischen 71 bis 80 Jahren. "Mit uns geht es so langsam den Bach hinunter", sagt Bernd-Josef Stellmann mit gerunzelter Stirn. Die einen brummeln zustimmend, andere halten dagegen, die meisten schweigen. 15 Mitglieder der Heiligenstädter Kolpingsfamilie sitzen an einem lang gezogenen Tisch, der Tisch befindet sich vor der Kegelbahn eines Gasthauses im Stadtzentrum. Bernd-Josef ist der ehemalige Vorsitzende, der momentane Vorsitzende ist Wolfgang Simon. Und der sagt: "Auch wenn der Nachwuchs momentan nicht da ist, wir haben den Willen, etwas voran zubringen." In seiner Stimme liegt Zuversicht. "Es gibt immer Ideen, die gut genug sind, damit sie weitergehen, und eine solche Idee ist Kolping", so Wolfgang weiter. In schweren Zeiten müsse man eben zusammenrücken. Die Gesichter einiger Kolpinger hellen sich auf, Bernd-Josef schaut weiterhin skeptisch drein.

160 Jahre ist die Kolpingsfamilie Heiligenstadt inzwischen alt geworden. Inzwischen werden keine Jahresprogramme mehr erstellt, sondern Quartalspläne. Aber immerhin: Es gibt Pläne. "Wir dümpeln nicht nur vor uns hin",sagt Wolfgang. Wie sie selbst wieder mehr werden und sich verjüngen können, darüber machen sich alle, aber besonders Andreas Dietz Gedanken. Vor vier Jahren ist er bei Kolping eingetreten und inzwischen im Vorstand. "Unser Andreas ist eifrig dabei, der kümmert sich", hebt Eva Werner hervor. Er selbst sagt: "Ich habe mir das zur Aufgabe gemacht." Unter anderem versuche er über Bustouren neue Mitglieder zu gewinnen. Manche seien bereits das dritte Mal mitgefahren. "Man merkt schon, dass die sich bei uns wohlfühlen", sagt Andreas. Aber er steht nicht gleich mit dem Mitgliedsantrag in der Hand da. Es müsse Zeit vergehen. Ein Nachteil, wenn man es denn so nennen wolle, seien sicherlich, wie Wolfgang ergänzt, die drei funktionierenden Pfarreien am Ort, die Gruppen dort würden gut laufen. Es gäbe viele Angebote, auch anderswo. "Gerade Jugendliche sagen sich, warum soll Kolping mein Ding sein, ich kann auch vieles andere haben", so Wolfgang. Der Prophet mag wenig im eigenen Land gelten, nicht so, wenn er unterwegs ist. Wolfgang erzählt, dass sie öfters Vorbild gewesen seien und andere zur Gründung einer eigenen Kolpingsfamilie inspiriert hätten.

Familie in groß

Die Sehnsucht nach der Idee Kolping, sie besteht weiter. Hier gibt es Familie sozusagen "in groß". Hier kann gelebt werden, was die Gesellschaft immer schon genährt hat, was aber mit Blick auf das Zukünftige noch notwendiger sein wird: ein generationsübergreifendes Miteinander. Das fördert Lernprozesse: die Jüngeren lernen von den Älteren – und umgekehrt. Und die Solidarität innerhalb einer Gemeinschaft wird gestärkt. Senioren etwa kümmern sich um Kleinkinder und die mittlere Generation übernimmt Erledigungen für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. In der Kolpingsfamilie Heiligenstadt werden beispielsweise die Mitglieder, die im Seniorenheim leben und nicht mehr so gut zu Fuß sind, aber eine Veranstaltung besuchen möchten, von ihren jüngeren Kolpinggeschwistern abgeholt und chauffiert. "Wo wir generationsübergreifend zusammenhelfen können, tun wir es", sagt Wolfgang.

Viele Tanten, Onkels, Omas, Opas

Egal, wer Hilfe braucht, er steht also nicht allein. Wie Rolf Fütterer, der mit 40 Jahren, wie er selbst sagt, "durch eine Krankheit in Rente geschickt" wurde. "Ich bin fast ein Jahr lang nur zuhause gelegen", erzählt er. Vor seiner Erkrankung war Rolf in der Gastronomie tätig, immer unter Leuten, immer ein offenes Ohr für andere. Und plötzlich ein anderes Leben. Eines, bei dem er kaum sein Bett verlassen konnte. "Wolfgang sagte zu mir, früher warst du für uns da, jetzt lassen wir nicht zu, dass du hier versauerst", erzählt Rolf. Er sei in dieser schweren Zeit von seiner Kolpingsfamilie aufgefangen worden. Er habe gespürt, dass es viele Menschen gibt, die wollen, dass es ihm gut gehe. Die ihn nicht im Stich lassen, wenn er, der oft die Menschen zum Lachen brachte, gerade selbst nichts zum Lachen hat. "Dafür bin ich heute noch mehr als dankbar", sagt Rolf. Auch sein Sohn hat die Solidarität, die für die Kolpingsfamilie selbstverständlich ist, miterlebt, und das von Kindesbeinen an. "Er lebt mit der Gewissheit, dass er viele, Tanten, Onkels, Omas und Opas hat", sagt Rolf.

Ohne das Vorbild ihres Vaters hätte auch Gisela Wöhner das Wirken von Kolping nie kennengelernt. "Mein Vater hat die schweren Jahre durchgemacht, die DDR-Zeit, damals haben sich die Kolpinger heimlich in der Wohnung meines Vaters getroffen, und alle vier Wochen stand die Stasi bei uns im Wohnzimmer und hat versucht, ihn auszuhorchen und anzuwerben", erzählt Gisela. Doch der Vater sei unbeirrt ein Kolpinger geblieben. Was auf die Tochter enormen Eindruck gemacht habe. "Ich bin von Kolping von Anfang an begeistert gewesen und bin auch deshalb dabei, weil das bedeutet, im Geiste meines Vaters dabei zu sein", sagt sie. Dass es auch in Zukunft weitergehe, darauf vertraue sie, gerade auch, weil sie wisse, dass auch ihr Vater in herausfordernden Zeiten nie aufgegeben hat.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Heiligenstadt

Die Kolpingsfamilie Heiligenstadt hat 58 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Erfurt. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 21 Kolpingsfamilien an, in denen es 514 Mitglieder gibt.


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.