Seit einem Jahr führt Dr. Alexander Herb die Geschäfte des Verbandes der Kolpinghäuser. Die rund 220 Kolpinghäuser entwickeln sich unterschiedlich.

Martin Grünewald im Gespräch mit Dr. Alexander Herb (r.).

Kolping ist der größte gemeinnützige Träger von Jugendwohnen in Deutschland. Hier ein Blick auf die Einrichtung in Würzburg.

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Jugendwohnen – Adolph Kolping wäre begeistert!

Interview mit Alexander Herb, Verband der Kolpinghäuser

Dr. Alexander Herb trat vor einem Jahr als Geschäftsführer des Verbandes der Kolpinghäuser in die Nachfolge von Guido Gröning. Dazu eine erste Bilanz im Gespräch mit Martin Grünewald.

Du bist jetzt ein Jahr als Geschäftsführer des Verbandes der Kolpinghäuser tätig. Was ist seitdem Deine wichtigste Erkenntnis?
Alexander Herb: Mich freut es ungemein festzustellen, dass der Ursprungsgedanke unseres Verbandsgründers nach wie vor – also nach mehr als anderthalb Jahrhunderten – so aktuell und sowohl gesellschaftlich als auch politisch gewünscht, ja notwendig ist! Das Jugendwohnen erfährt seit einigen Jahren geradezu eine Renaissance! Der ursprüngliche Ansatz von Adolph Kolping ist tatsächlich ins Heute und Jetzt übertragen worden. Wenn ich allein an die beiden deutschen Metropolen Hamburg und Berlin denke, wo sich das Kolpingwerk anschickt, jeweils zwei Jugendwohnheime aus der Taufe zu heben. Ich bin mir sicher: Kolping würde sich sehr mit uns freuen.
Die zweite wichtigste Erkenntnis ist das „UND“ bei Kolping, das Zusammenstehen und -wirken: Ein Verband mit großen und kleinen Kolpinghäusern, mit Wohnheimen und Hotels, mit Vereinshäusern und mit verpachteten Häusern, Familienferiendörfer ...
Wir sind in unserer Vielfalt gleichzeitig ein Spiegelbild unserer modernen und – im positiven Sinne – individualistischen Gesellschaft. Das macht die Arbeit als Geschäftsführer eines solchen Dachverbandes nicht unbedingt einfacher, aber auf jeden Fall spannender und abwechslungsreicher.

Du bist vielen Ehrenamtlichen in den Trägervereinen der Kolpinghäuser begegnet. Was zeichnet sie aus?
Alexander Herb:
Frauen und Männer – jüngere und ältere, die engagiert und mit viel Idealismus, ja mit echtem Herzblut die Sache Kolpings und ihre Häuser voranbringen wollen. Diese Freude für Kolping spüre ich förmlich, wenn ich in deren leuchtende Augen blicken darf. Überhaupt macht mir dies natürlich am meisten Freude: Unterwegs sein, unsere Mitglieder treffen und kennenlernen. Die Arbeit am Schreibtisch ist notwendig. Draußen sein in der Begegnung, bringt mir aber in Wirklichkeit meine berufliche Erfüllung und Befriedigung.

Kolpinghäuser erleben einen Funktionswandel. Ist das eine Entwicklung, die vereinzelt auftritt oder gibt es einen allgemeinen Trend?
Alexander Herb:
Die einstigen Gesellenhäuser haben in ihrer traditionellen Funktion oft keine Chance mehr, weiter wirtschaftlich geführt werden zu können.
Schwieriger werdende Rahmenbedingungen, oft auch veraltete Bausubstanz, zwingen dazu, dem einen oder anderen Kolpinghaus eine neue Bestimmung zu geben. Dies erfordert mutige Schritte, Investitionen, vor allem aber eine tragfähige Vision für die Zukunft. Kolping selbst versprühte stets seine Zuversicht auf ein unerschütterliches Gottvertrauen, dass in der jeweiligen Zeit selbst die Lösung zu finden sei.
Die Kolpinghäuser stehen traditionell in zentralen Lagen der Städte, das ist natürlich als große Chance zu sehen. Viele Kolpinghäuser haben genau dieses Potential genutzt. Sie haben Häuser zu Hotels umgebaut und umkonzipiert. Mit der erforderlichen Professionalität sind diese zu Erfolgsmodellen geworden.
Auf der Homepage des Verbandes der Kolpinghäuser (VKH) und der Karte der Kolping-Hotels kann man gut erkennen, wie sich dieser Trend schon deutschlandweit in den letzten 20 Jahren immer weiter fortgesetzt hat.
Gleichwohl sind die Kolping-Jugendwohn­heime nach wie vor fester Bestandteil vor allem in den großen Städten. Natürlich müssen auch diese sich den Entwicklungen stellen. In den letzten fünf bis zehn Jahren ist und wird noch immer viel Geld in die Hand genommen, um die Wohnheime an die heutigen Ansprüche der jungen Menschen anzupassen und damit zukunftsfähig zu machen.

Welchen Problemen müssen sich die Engagierten in den Trägervereinen der Kolpinghäuser gegenwärtig besonders stellen?
Alexander Herb:
Vielen Häusern ist eine tragfähige und vor allem nachhaltige Wirtschaftlichkeit abhanden gekommen, und sie sind in der Bausubstanz veraltet.
Die ehrenamtlich Engagierten in den Trägervereinen müssen sich genau diese Frage immer stellen: Ist das Haus zukunftsfähig? Wie können wir es wirtschaftlich sichern, wo gibt es Ansatzpunkte für eine Nutzung des Hauses, wie können wir mit innovativen Ansätzen das Haus für uns halten? 
Denn natürlich fühlen sich oftmals die Kolpingsfamilien hier verortet und beheimatet. Eine Aufgabe des Hauses tut den Betroffenen ganz persönlich sehr, sehr weh! 
Des weiteren ist in den Gremien der Kolpinghäuser eine nachlassende Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement spürbar, die häufiger zu Problemen bei der Besetzung der Trägervereine und Gremien führt. 

Gibt es darauf allgemeine Antworten? Oder müssen die Lösungen eher für die jeweilige örtliche Situation gesucht werden?
Alexander Herb:
Es gibt allgemeine Ansätze zum Raten und Beraten im Sinne von „Lernen von den Anderen“: Man kann Modelle und Projekte vorstellen, die andernorts zu gutem Erfolg geführt haben.
Natürlich muss immer eine Lösung vor Ort gesucht werden unter Einbeziehung aller Faktoren, wie Standort, bauliche Gegebenheit, ­finanzielle Ausstattung, mögliche Zusammenarbeit mit einem Kolping-Bildungsunternehmen. 

Welches ist der ideale Zeitpunkt für die Ehrenamtlichen in den Trägervereinen, den Kontakt zum Verband der Kolpinghäuser zu suchen? 
Alexander Herb:
Der VKH ist wie eine Versicherung, eine Solidargemeinschaft. Mit seiner kleinen, aber feinen Geschäftsstelle kann er sich selbstverständlich nicht allen Mitgliedern stets gleichermaßen widmen. Denen es gut geht und die gut aufgestellt sind, tragen die Schwächeren mit. Es gilt dasselbe Prinzip wie in einer Familie. Wenn sich aber Herausforderungen abzeichnen, die alleine nicht mehr problemlos zu meistern sind, dann sind wir in Köln da und bereit.
Der ideale Zeitpunkt ist also dann, wenn das „Kind noch nicht in den Brunnen gefallen ist“. Sehr zeitig müssen Signale der wirtschaftlichen Entwicklung wahrgenommen und dann Rat gesucht werden. Leider ist es in der Praxis so, dass oft erst dann beim VKH angeklopft wird, wenn die wirtschaftliche Notlage und die Ratlosigkeit vor Ort schon sehr weit gediehen sind. Ausrücken tun wir dann natürlich auch noch. Aber die Chancen auf guten Erfolg in der gemeinsamen Nachjustierung sind frühzeitig immer am Besten.
Andererseits, und das ist ja Gott sei Dank die Regel, nehmen unsere Mitgliedshäuser stetig Kontakt mit uns auf, um unterschiedlichste Hilfestellungen in Anspruch zu nehmen: Sei es bei der Suche nach einem neuen Pächter, manchmal muss die Satzung angepasst werden, gut verhandelte Rahmenverträge bieten Einsparpotential im Einkauf (Möbel genauso wie Lebensmittel), oder aber es ist eine gemeinsame Fortbildung (z.B. im Jugendwohnen) gewünscht. Der Mehrwert für unsere Mitglieder ist jedenfalls ungemein groß und vielfältig.

Wenn es starke Veränderungen geben muss, zum Beispiel, wenn die bisherige Nutzung aus wirtschaftlichen Gründen nicht fortgesetzt werden kann: Wie lässt sich das am besten vor Ort vermitteln?
Alexander Herb:
Ich habe festgestellt, dass es dann unabdingbar ist, alle, wirklich alle Beteiligten an einen Tisch zu holen. Ein vermeintlich von der Kolpingsfamilie entkoppelter Trägerverein ist selbstverständlich am stärksten, wenn er den Schulterschluss mit der jeweiligen Kolpingsfamilie sucht und findet.
Der VKH schlüpft dann gerne in die Rolle des Moderators. Die bundesweit gemachten Erfahrungen bündeln sich gerade bei uns und können wertvolle Hinweise geben. Auch können wir dann Protagonisten unterschiedlicher Häuser in entfernt liegenden Regionen unseres Landes zusammenbringen. Sich gegenseitig Helfen, das ist doch ganz im Sinne unseres Gründers! Zusammen sind wir eine starke Gemeinschaft.

Die Fragen stellte Martin Grünewald


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