So sind wir

"Ich sag mal so: Ich bin kolpingbekloppt"

Die Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt hat zwar nur 24 Mitglieder, aber in der Pfarrgemeinde einen Familienkreis gegründet. Übrigens, familienhaft ist der Umgang miteinander in jeder Hinsicht.

Regelmäßige Atemlaute. Dann, plötzlich,ein Brabbeln. Johanna ist aufgewacht. Oma Monika springt auf. "Ich gehe mal rüber zu der Kleinen", sagt sie. Und ist schon in einem anderen Zimmer verschwunden. Immer noch ist das Brabbeln über das Babyphon zu hören, und nun auch Oma Monika, die liebevolle Oma-Worte spricht. Man stellt sich vor, wie sie ihre Enkelin aus dem Bettchen sanft in ihre Arme hebt und ihr über das Köpfchen streichelt. Johanna ist fünf Monate alt. Vor gut zwei Monaten, am 9. Dezember 2017, wurde sie getauft und als Mitglied in die Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt aufgenommen. Johanna kann noch nicht Mama sagen und noch nicht Papa. Wie alle Eltern fiebern Izabela, 30 Jahre alt, und Daniel Buchholz, 38, dem ersten Wort ihrer Tochter entgegen. Vielleicht wird Johanna es dann ihrem Papa Daniel gleichtun. "Ich konnte wahrscheinlich zuerst Kolping sagen, bevor ich Mama gesagt habe", meint der lachend. Und kramt weiter in seinen Kindheitserinnerungen. "Es waren fast heilige Momente, als ich mich dem Sekretär meines Opas nähern und den Kolpingstempel anfassen durfte", so Daniel. Leo Glatzel, sein Großvater, ist Mitbegründer der Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt, Gründungsjahr 1950. "Oft hat Opa zu mir gesagt, Daniel, du wirst mal mein Nachfolger." 1996 schließlich ergriff Daniel mit zwei weiteren Jugendlichen die Initiative und gründete die Kolpingjugend Siemensstadt. "Weil es mir nun mal in den Genen liegt", sagt er. Jahre später wurde er Diözesanleiter der Kolpingjugend.

Aus Liebe eingetreten

Der Charme vergangener Zeiten ist in Berlin allgegenwärtig. Altbau reiht sich an Altbau. Opulente Kassettentüren, mehrflügelige Fenster, Fassadenornamente aus Stuck. Doch es gibt auch ein architektonisch anderes Berlin. Nur sieben Stationen mit der U-Bahn führen aus dem Altbau-Kiez Charlottenburg nach Siemensstadt, eine Großsiedlung aus Industriebauten. Zielsetzung des Bauprogramms, das heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, war die Schaffung von Kleinstwohnungen für wenig verdienende Siemensmitarbeiter und die Erprobung der damals neuesten städtebaulichen Erkenntnisse – der Zeilenbauweise. In einer Seitenstraße mit verschieden zusammengesetzten Wohntrakten lebt Daniel Buchholz mit seiner kleinen Familie. Ehefrau Izabela probiert, wie sie gerade erzählt, gerne neue Rezepte aus. Heute, es ist ein eiskalter Februartag, serviert sie Brownies, die Kaffeemaschine macht gluckernde Laute, die Servietten sind geblümt und in leuchtenden Farben. Um den Esstisch versammelt sind Daniels Eltern, Monika und Gerhard, und Lukas, ein Neffe. Sie gehören zu den momentan 24 Mitgliedern der Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt. Eine familienhafte Gemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der Nähe ganz selbstverständlich ist. Eine Gemeinschaft, in der, dem Anliegen Adolph Kolpings folgend, Menschen zusammenkommen, um den zu entdecken, der "mit uns" Mensch ist. Eine Gemeinschaft, die sich zum Motto gewählt hat: In der Gemeinde für die Gemeinde mit der Gemeinde.

"Ohne Kolping, das kann ich mir nicht vorstellen", sagt Daniel. Und fügt an: "Ich sag mal so, ich bin kolpingbekloppt." Er schaut rüber zu seiner Frau. Sie tauschen Blicke aus, in denen viel Vertrautheit liegt. "Ja, stimmt, du bist kolpingbekloppt, und ich bin es auch", meint Izabela. Sie lachen. Die beiden sind seit sieben Jahren ein Paar. Vorher waren sie jahrelang miteinander befreundet und bereits in dieser Zeit bei Kolping aktiv. Im Jahr 2005, bei einer Diözesanleiterkonferenz der Kolpingjugend, begegneten sie einander zum ersten Mal. "Ohne Kolping hätten wir uns wohl nie kennengelernt", sagt Izabela. Und es gäbe auch Johanna nicht, der nun von ihrer Oma ein Lätzchen umgebunden wird. Johanna hat Hunger. Johanna will Brei. Mama Izabela rührt ihn an. Papa Daniel isst den letzten Rest des Brownies, der auf seinem Teller liegt. Und nimmt einen Schluck Kaffee. Er überlegt laut, ob das gehen könnte, ob er, der so stark verwoben ist mit der Kolpingsfamilie, überhaupt mit einer Frau leben könnte, die nichts damit anzufangen wüsste. Die sich dann womöglich beschweren würde, dass er viel zu wenig Zeit mit ihr verbringt. Die jammert, weil er ständig unterwegs ist. Nein, sagt er dann, nein, das würde nicht gutgehen.

Bereits sein Opa Leo schien gewusst zu haben, dass es nicht leicht ist für ein Paar, wenn einer bei Kolping ist und der andere nicht. Deshalb hatte er seinem Schwiegersohn in spe damals keine Wahl gelassen. Als es mit Gerhard und Monika ernst wurde, es war um das Jahr 1965, machte Gerhard, wie er erzählt, seinen so genannten "Antrittsbesuch". Leo habe ihm dabei deutlich zu verstehen gegeben: "Du kommst zu Kolping, sonst kriegst du die Monika nicht." Also sei er, wie Gerhard weitererzählt, eingetreten, "aus Liebe zu meiner Monika", auch wenn ihm "das Ganze" erstmal nicht viel gesagt habe. Schnell aber habe er das Familiäre innerhalb der Gemeinschaft gespürt. Etwas in dieser Art habe er vorher nicht gekannt. Er habe sich wohlgefühlt, von Anfang an. "Jeder kennt jeden, wir sind füreinander da", beschreibt er den Geist, der bis heute derselbe geblieben ist. Gerhard hat momentan das Amt des Kassierers inne, Monika ist Vorsitzende, Sohn Daniel ihr Stellvertreter.

Was nützen 2.000 Facebook-Freunde?

Die aktuell 24 Kolping-Freundinnen und Freunde treffen sich mit anderen Interessierten unter anderem zu religiösen Gesprächsabenden, zu Oasentagen und tauschen sich bei der Veranstaltungsreihe "Erzähl doch mal" generationsübergreifend untereinander aus. So berichten beispielsweise 20-Jährige genauso wie 80-Jährige, wie sie den Mauerfall erlebt haben. Auch der 19-jährige Lukas ist dabei, wo er dabei sein kann. Er wuchs schnell in die kleine Kolpingsfamilie hinein. Bereits mit zehn Jahren fuhr er zum ersten Mal mit zur Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück, wo sich das Berliner Kolpingwerk tatkräftig und auch finanziell engagiert, mit Unterstützung der Kolpingjugend. Unter anderem wurde dort im Laufe der Jahre mit polnischen Jugendlichen das "Haus der Lagergemeinschaft" entkernt, und es finden bis heute regelmäßig Workcamps in Ravensbrück statt, an dem Überlebende ihre Geschichte erzählen. "Ich will mich nicht einfach nur ins Kino setzen und WhatsApp-Nachrichten lesen", sagt Lukas. Ihm sei es wichtig, Werte zu leben. Und Gemeinschaft. "Was nützen mir 2.000 Facebook-Freunde, wenn ich nichts mit ihnen zusammen machen kann." Nur noch wenige aus seiner Generation könnten viel mit Gott und Kirche anfangen. Wer Adolph Kolping war, wüsste kaum jemand, der in seinem Alter sei.

Der Anfang war schwer

In dem Leitbild des Kolpingwerkes Deutschlandist zu lesen: "Die Kolpingsfamilie versteht sich als familienhafte Gemeinschaft. Dies zeigt sich durch gegenseitiges Vertrauen, durch Dialogbereitschaft und Konfliktfähigkeit beim Entwickeln gemeinsamer Standpunkte. Sie ist eine Solidargemeinschaft, die auch in schwierigen Zeiten zusammenhält." Gab es sie denn, die schwierigen Zeiten? Ja, doch, der Anfang sei schon schwer gewesen, berichtet Monika. "Die Fluktuation der Mitglieder war groß. Siemensarbeiter suchten bei uns Anschluss, doch kaum hatten sie den gefunden, mussten sie oft schon wieder das Werk wechseln." Weil ihr Vater Leo ein offenes Haus gepflegt habe, saßen viele Männer an seiner Ofenbank, die meisten habe man nur wenige Male gesehen, bald wären die nächsten aufgetaucht. Erst im Mai 1973 wurden schließlich Frauen als Vollmitglieder anerkannt. Zum 25-jährigen Jubiläum zählte die Gemeinschaft 33 Kolpingschwestern und -brüder.

Ein neuer Familienkreis

An der Größe hat sich nicht viel geändert. Aktuell 24 Mitglieder, das ist überschaubar. Und das sei, so Daniel, auch gut so. Klar, Kolpingsfamilien mit hundert und mehr Mitgliedern hätten ganz andere Möglichkeiten. Dafür aber ginge "das Kleine" verloren. Natürlich sei die Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt für neue Mitglieder immer offen, aber es bestehe kein Muss, unbedingt um Mitglieder zu werben. "Ich höre oft aus anderen Kolpingsfamilien, wir müssen neue Mitglieder gewinnen, und ich halte dagegen, nein, müssen wir nicht, sondern wir müssen einfach gute Arbeit anbieten", sagt Daniel. Gute Arbeit im Sinne Adolph Kolpings. "Wenn wir diese Arbeit leisten, dann können wir Menschen helfen, ohne ihnen einen Mitgliedsantrag unter die Augen zu halten, dann kommen die Menschen gerne und freiwillig zu uns", so Daniel weiter.  Adolph Kolping habe niemanden mit "unseren heutigen Argumenten geködert", sondern er habe die Menschen gewonnen, weil er sein Herz zum Pfande eingesetzt habe. Noch nicht lange sei es her, da habe Daniel erlebt, wie Nachbarn, die neu in die Kirchengemeinde gekommen waren und in ihrer früheren Pfarrei niemals zu Kolping wollten, nach einigem Zögern dann motiviert eingetreten sind. "Sie haben uns besser kennengelernt und irgendwann hieß es, wir fühlen uns wohl bei euch, wir treten bei euch ein."

Der familienhafte Charakter von Kolping strahlt inzwischen noch stärker in die Kirchengemeinde. Im Juli haben Izabela und Daniel einen neuen Familienkreis gegründet. Siebe nFamilien sind schon dabei, ein Großteil kommt aus der Kolpingsfamilie.

Die Kolpingsfamilie Berlin-Siemensstadt hat 24 Mitglieder.Sie gehört zum Diözesanverband Berlin. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 47 Kolpingsfamilien an, in denen es 1.094 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Daniel Buchholz


Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.