So sind wir

Hilfe für Afrika am Bratwurststand

In Itzum und um Itzum herum gilt der Nikolausmarkt als eine Veranstaltung, die man nicht verpassen darf. "Wir helfen den Menschen in Afrika, indem wir am Bratwurststand stehen", fasst ein Helfer zusammen. Viele Menschen in Tansania haben deshalb eine gesicherte Existenz und bessere Bildungschancen – ein hoffnungsvolles Zeichen und eine Alternative zum Egoismus.

In seiner Hand hält das Kind fünfzig Cent. Es ist vier, vielleicht fünf Jahre alt. Andere Kinder gehen an ihm vorbei, Richtung Ausgang. Soeben hat der Nikolaus seine Gaben verteilt. Die Kinder lachen, reden durcheinander, einige schauen neugierig hinein in ihr Säckchen, das sie umklammert halten. Der Nikolaus, er ist vielleicht ein bisschen erschöpft, so genau sieht man das wegen seines weißwuchernden Bartes aber nicht, macht sich ebenfalls auf, um die Turnhalle zu verlassen. Er bindet seinen Rucksack zu. Das Kind geht mit langsamen Schritten auf ihn zu und streckt ihm seine Hand entgegen, in der immer noch die fünfzig Cent liegen. Es sagt: "Hier, Nikolaus, nimm doch mal, das ist für die armen Kinder in Afrika." Wolfgang Voges erzählt, dass ihn dieses Kind sehr berührt habe. Wolfgang Voges ist Domkapitular, Leiter des Dekanats Hildesheim, Präses der Kolpingsfamilie Itzum – und einmal im Jahr trägt er als Nikolaus einen weißwuchernden Bart.

Nicht irgendein Weihnachtsmarkt

Dass der Nikolaus Geschenke an die Kinder im Ort verteilt, ist fester Programmpunkt des Itzumer Nikolausmarktes, der im Dezember 2018 zum 33. Mal stattfinden wird, am Freitag und Samstag vor dem ersten Adventssonntag. Organisiert wird er von der Itzumer Kolpingsfamilie gemeinsam mit Itzumer Vereinen wie der Freiwilligen Feuerwehr und dem Club der Motorradfreunde. Auch Kindertagesstätten wirken mit, ebenso die Grundschule am Spandauer Weg. In Itzum und um Itzum herum gilt der Nikolausmarkt als eine Veranstaltung, die man nicht verpassen darf. "Bereits im Januar hören wir schon die Ersten sagen, dass sie sich auf den Nikolausmarkt freuen", erzählt Gabriele Bechtold, Vorsitzende der Kolpingsfamilie Sankt Georg in Hildesheim-Itzum mit ihren momentan 79 Mitgliedern. Weil es nicht "irgendein Weihnachtsmarkt" sei, sondern einer, auf dem sich die Menschen so richtig wohlfühlen. "Wer Gemeinschaft erleben will, der weiß, dort, auf unserem Nikolausmarkt, erlebt er Gemeinschaft", sagt Wolfgang Voges.

Gäbe es den Itzumer Nikolausmarkt nicht, müsste Elizabet Leopold wohl immer noch über staubige Straßen laufen, stundenlang, Kilometer um Kilometer, um sich und ihre Familie mit Wasser versorgen zu können. Elizabet Leopold lebt in Tansania. Mit ihren Kindern brach sie Tag für Tag auf, begab sich auf den mühevollen Weg zur nächsten Wasserstelle, denn in Afrika ist es traditionell die Aufgabe von Frauen und Kindern, Wasser zu holen. Um die Haus- und Erntearbeit konnte sich Elizabet nur wenig kümmern, die Kinder kamen kaum dazu, zu lernen, sie alle waren oft müde und kraftlos. Doch inzwischen sichert eine Zisterne die Wasserversorgung. Sie ist neben Elizabets Haus aufgestellt, von der Dachrinne fließt während der Regenzeit das Regenwasser in den Tank und wird dort gespeichert. "Für die etwa 4000 Liter, die die meisten Zisternen fassen, müsste eine Frau 200 Stunden im Jahr laufen", rechnet Gabriele vor. Elizabet hat also nun endlich genug Zeit. Sie kann sich in Ruhe um die Arbeiten kümmern, die im Haus anfallen, kann bei der Ernte mithelfen und damit zu mehr Einkommen – und ihre Kinder können regelmäßig zur Schule gehen.

Der Itzumer Nikolausmarkt brachte bisher insgesamt 340.000 Euro ein, jährlich zwischen 10.000 bis 20.000 Euro. Die Einnahmen stammen teils aus Anzeigenerlösen für eine kleine Broschüre, die extra für den Nikolausmarkt erstellt wird, zum größten Teil aber aus dem Verkauf von Speisen, Getränken und weihnachtlichen Bastelarbeiten. Der gesamte Erlös floss bisher in soziale Projekte, vor allem in die Eine-Welt-Arbeit von Kolping International. Der Bau der Zisternen beispielsweise erfolgte in Kooperation mit dem Kolpingwerk Tansania. Zwei Familien teilen sich dort in der Regel eine Zisterne, der Bau kostet um die 800 Euro, miteingerechnet sind die Kosten für die Schulung der Kleinbauern im Umgang mit dem Tank. Ebenfalls finanziell unterstützt werden afrikanische Bauern beim Aufbau von Kleintierherden. Damit soll ihnen trotz extremer klimatischen Bedingungen, die unter anderem Ernteausfälle zur Folge haben, ein sicheres Einkommen ermöglicht werden. Die Bauern leben vom Verkauf des Fleisches und der tierischen Erzeugnisse.

"Wir helfen den Menschen in Afrika, indem wir am Bratwurststand stehen", fasst es Wolfgang Voges zusammen. Damit sei man im Sinne des Gründers unterwegs, man tue das, was auch Adolph Kolping gemacht habe, in die Welt hineinzuwirken, um Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen. Ob sie je gedacht hätten, dass sie anderswo so viel bewirken können? "Das hätten wir niemals ahnen können, denn eigentlich ging es ganz klein los", erzählt Renate Kleineidam. Die Idee, "irgendwas in der Weihnachtszeit" zu machen, waberte damals schon länger in den Köpfen der Kolpinger in Itzum herum. Doch was? Schließlich sagte einer, lasst uns doch einfach einen Stand neben dem Supermarkt aufstellen. Mit Kaffee, mit selbstgebackenen Keksen und Kuchen. Und vielleicht noch mit gebrauchter Babykleidung und Spielsachen, ja, warum nicht.

Das war im Jahr 1986. In den ersten Jahren wurden die Verkaufsstände aus anderen Pfarrgemeinden ausgeliehen, inzwischen bauen sich die Kolpinger ihre Stände selbst zusammen, Standort ist vor und in einer zentralen Turnhalle in Itzum. Bald schon fragten Vereine an, ob sie sich auch mit dazustellen dürfen. "Bis heute ist die Nachfrage groß, denn unser Nikolausmarkt hat sich zu einem wahren Publikumsmagneten entwickelt", berichtet Renate weiter. Heute gibt es unter anderem Stände mit Futterhäusern und Nistkästen, mit selbst gemachten Marmeladen, mit Waffeln, Fischbrötchen und mit allerlei Flohmarktartikeln. Auch Geschäftsleute haben längst großes Interesse daran, ihre Waren anzubieten. Doch dem schiebt die Kolpingsfamilie einen Riegel vor. "Nein, das wollen wir nicht, dann wäre es ein anderer Charakter als der, den wir haben wollen, das wäre zu viel Kommerz", erläutert Gabriele.

Soziales Netzwerk

Die Adventsgestecke, die ebenfalls gut verkauft werden, fertigen die Kolpinger seit jeher selbst an. Bereits nach Ostern treffen sich die Ersten. Andere sind im Sommer unterwegs, um Wurzeln zu sammeln, die gesäubert und getrocknet und schließlich im November besteckt werden. Die Bastelarbeiten werden von rund 30 Kolpingschwestern und -brüdern übernommen. "So viele Menschen, die dafür bereit sind, die muss man erstmal finden", sagt Wolfgang Voges. Er macht deutlich, dass ihn das Zusammenwirken aller Beteiligten, auch der Vereine und Kindergärten, sehr beeindrucke. "Da steckt sehr, sehr viel gemeinsame Arbeit drin, was gerade in einer Zeit, die von Egoismus geprägt ist, ein hoffnungsvolles Zeichen setzt." Es handle sich um ein "soziales Netzwerk von Angesicht zu Angesicht", das viel mehr bewirke als es soziale Netzwerke im Internet könnten. Der Nikolausmarkt habe eine Strahlkraft, so Wolfgang Voges weiter, die wiederum zurückstrahle auf die Kolpingsfamilie. Einige neue Mitglieder etwa seien dazugekommen, weil sie regelmäßig als Besucher zum Nikolausmarkt kamen oder mithalfen.

Der Nikolausmarkt ist jedoch nicht die einzige Aktion der Kolpingsfamilie, mit der sie ihre Solidarität mit Benachteiligten vor Ort und den Ärmsten der Armen in Ländern wie Afrika bekunden. Auch mit Altkleider- und Briefmarkensammlungen und dem traditionellen Fastenessen werden Einnahmen erzielt, mit denen soziale Projekte gefördert werden können. Die Gelder können allerdings, und darüber ärgern sich die Kolpinger, nicht mehr zu hundert Prozent den Bedürftigen zugute kommen. Inzwischen hält auch das Finanzamt seine Hände auf. Dazu kamen Nachforderungen aus den Vorjahren. "Das hat uns schwer zugesetzt", berichtet Gabriele. Auch ein Mehr an Bürokratie sei nun zu bewältigen, wie etwa das Führen von Kassenberichten. "Wir wollen christliche Nächstenliebe leben, und dann werden uns gesetzliche Verordnungen vorgesetzt, die uns das Ehrenamt erheblich erschweren." Ein Grund, um aufzugeben? "Klar gab es Momente, da dachten wir, ob wir unter diesen Umständen überhaupt weitermachen wollen." Es sei auch schwer einzusehen, dass das erwirtschaftete Geld nicht ausschließlich an die Menschen gehe, die es zum Überleben brauchen. Aber, so Gabriele: "Wir wollen eine Welt, in der alle gut leben können, deshalb lassen wir uns nicht unterkriegen."

Die Kolpingsfamilie Itzum/St. Georg hat 79 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Hildesheim. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 128 Kolpingsfamilien an, in denen es 7.508 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Itzum


Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.