So sind wir

"Heute guckst du mal keine Formel 1"

Sieben Familienkreise hat die Kolpingsfamilie Osterhofen gegründet, heute sind es fünf. Alle Beteiligten haben etwas davon. Und besonders treu sind dabei die Männer.

Kurt Köhlnberger erzählt, dass sie sich die Fotos zu den Rezepten angeschaut haben und wenn ihnen eines der Bilder besonders gut gefallen hat, dann haben sie gesagt, los, das kochen wir jetzt. Einmal hatten sie sich für Boeuf Stroganoff entschieden. Nur war das ausgerechnet zur Zeit des Rinderskandals. Also nahmen sie Puten- statt des vorgesehenen Rindfleisches und nannten das Boeuf einfach Putanoff. Serviert haben es die Männer, die sich hinter den Herd gestellt hatten, ihren Frauen. Kurt sagt, sie haben das gemacht, weil sie ihre Frauen verwöhnen wollten. Kurt, 57 Jahre alt, gehört zur 265 Mitglieder großen Kolpingsfamilie Osterhofen, das liegt im Niederbayerischen, und hat dort vor 25 Jahren den ersten Familienkreis gegründet. Aus einem wurden irgendwann sieben Familienkreise, heute sind es fünf. Männer kochen für Frauen, das ist nur eine Idee von vielen. Einige der Aktionen, die der Familienkreis I auf die Beine gestellt hat, hat Kurt inzwischen auf DVDs gebrannt – Anschauungsmaterial für andere Kolpingsfamilien. Kurt wünscht sich, dass überall in diesem Land weitere Familienkreise entstehen. Er spricht viel und gerne darüber. Es ist so etwas wie seine Mission. Die Sache Familienkreis braucht Begeisterte, und es gibt wohl kaum einen, der begeisterter ist. Kurt ist außerdem ehrenamtlicher Familienreferent im Diözesanverband Passau. Warum es sich lohnt, wenn Familien sich zusammentun, dazu gibt es viel zu sagen. Aus den Erfahrungsberichten des Kolpingwerkes geht beispielsweise hervor, dass Familien im Familienkreis weniger scheidungsanfällig sind als isoliert lebende Familien. Zu nennen wäre freilich noch so einiges mehr. Deshalb sollen sie selbst erzählen. Drei Mitglieder aus drei Osterhofener Familienkreisen, drei Gesprächsprotokolle.

Entspannte Eltern

Damals gab es in Osterhofen mehrere Familien, die in das große, neue Baugebiet gezogen waren und Anschluss suchten. Meine Schwägerin, die ohnehin nicht wusste, wie es bei Kolping für sie weitergeht, sie war in der Kolpingjugend gewesen und hatte inzwischen kleine Kinder, hatte eigentlich die Idee, sie sagte zu mir, Kurt, was hältst du davon, wenn wir einen Familienkreis gründen, und ich hielt erstmal nicht so viel davon, ich war skeptisch. Wie es dazu kam, dass ich mich überreden ließ, weiß ich nicht mehr. Schnell hatten wir fünfzehn Familien beisammen, bei dem klassischen Modell, zwei Erwachsene, zwei Kinder, sind das sechzig Leute. Es wollten dann immer noch mehr Familien dazukommen, aber wir haben gesagt, mehr geht nicht, das ist die Obergrenze. Deshalb hat sich dann ja auch bald ein weiterer Familienkreis gebildet. Die Idee gehört in jeden Ort, weil es eine große Bereicherung für jede Familie ist, die sich sonst vielleicht alleine durchwursteln würde. Es gibt einige Kolpingsfamilien in der Umgebung, die die Idee übernommen haben. Ich bin einfach hingefahren und habe davon erzählt. Ohne unseren Familienkreis würde mir viel fehlen. Wir stützen und stärken uns gegenseitig. Wir fragen, Mensch, wie machst denn du das, und wenn wir uns austauschen, dann ist doch sehr beruhigend, festzustellen, dass überall nur mit Wasser gekocht wird. Auch für die Kinder ist es schön, dass sie so viele andere Kinder zum Spielen haben und dass sie sehen, wie machen es andere Mütter und Väter, wie gehen die mit ihren Kindern um. Es war nie ein Problem, die Väter zu motivieren, nur manchmal musste man sie direkt ansprechen und sagen, heute guckst du mal keine Formel Eins, weil wir heute in den Bayerischen Wald fahren, und da geht es mit dem Kinderwagen über Wurzeln, und da brauchen wir dich. Väter haben es gerne, wenn sie eine Aufgabe haben. Es gab einige Umzüge, auch einen Todesfall, inzwischen sind wir zwölf Familien. Es sind auch Alleinerziehende dabei, das war uns immer wichtig, die nicht auszugrenzen, und auch Familien, die nicht bei Kolping sind, machen mit. Wir treffen uns etwa alle vier bis sechs Wochen. Einmal im Jahr legen wir das Jahresprogramm fest und sprechen ab, welche Familie übernimmt was. Für jedes Treffen ist eine andere Familie verantwortlich, die einen organisieren eine Radltour, die anderen ein gemeinsames Kegeln, wieder andere das Adventsbasteln. Einmal im Jahr fahren wir für drei, vier Tage alle miteinander weg und bekommen dafür Zuschüsse vom Verband. Uns ist auch wichtig, religiöse Feste und Bräuche miteinander zu pflegen. Zu wissen, dass wir über den Glauben verbunden sind, auch das stärkt. Wir haben uns immer auch Referenten geholt, mal in Fragen der Erziehung, mal zum Thema Partnerschaft. Was die Kinder betrifft, habe ich gelernt, dass es wichtig ist, loszulassen. Ich war früher streng und wollte, dass sie jeden Sonntag mit uns in die Kirche gehen. Sie wollten aber nicht immer. Aus Protest ist mein Sohn einmal sogar in Ohnmacht gefallen. Inzwischen ist mir der psychologische Hintergrund klar. Im Wort Ohnmacht steckt es ja drin, da ist jemand ohne Macht. Ich habe verstanden, dass ich den Kindern mehr Freiheit lassen muss, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Heute kommen sie manchmal mit in die Kirche, freiwillig, nicht, weil ich es erwarte. Ohne die Seminare im Familienkreis wäre ich wohl nicht so ein entspannter Vater geworden. Inzwischen hat sich der Schwerpunkt verlagert, nun sind die meisten Kinder aus dem Haus, und wir schauen verstärkt auf die Partnerschaft, organisieren Wochenenden, an denen wir uns um die Beziehung kümmern. In einem Seminar neulich ging es beispielsweise um den Zauber der Liebe. Und demnächst wollen wir eine Veranstaltung zum Thema Patientenverfügung organisieren. Wir sind eben alle zusammen älter geworden.
Kurt Köhlnberger

Kinder waren unser Leitfaden

Der erste Kreis war ausgebucht. Da kam Kurt zu mir und meiner Frau und sagte, na, was ist, wollt ihr nicht einen nächsten Kreis gründen. Und wir dachten, warum eigentlich nicht. Das war vor 22 Jahren. Heute sind unsere Kinder 18, 21 und 23 Jahre alt. Die fanden es immer toll, dass sie nicht nur die Geschwister hatten, sondern Kontakt zu so vielen anderen Kindern. Dass sich die Kinder so gut miteinander beschäftigen konnten, war für uns Eltern natürlich angenehm, wir mussten da nicht ständig hinterher sein, sondern konnten die auch einfach mal machen lassen und uns in Ruhe unterhalten. Die Kinder waren auch unser Leitfaden, an dem wir das Programm ausrichteten. Wir passten es dem Alter entsprechend an. Jugendliche wollen natürlich keine Krippenfiguren mehr basteln, die sind dann beispielsweise mit Nachtwanderungen mehr zu begeistern. Wenn wir weggefahren sind, dann dachten wir manchmal, da wären wir ohne den Familienkreis wohl nie hingefahren, so alleine als Familie. Momentan sind wir elf Familien. Zwischen uns sind echte Freundschaften entstanden. Und toll ist natürlich auch, dass es durch die Familienkreise genug Nachwuchs in unserer Kolpingsfamilie gibt. In den ersten drei, vier Jahren waren wir gar nicht so sicher, ob die Gruppe überhaupt längerfristig bestehen kann, denn wir hatten mit vielen Wechseln zu kämpfen. Es gab im Laufe der Jahre auch drei Paare, die sich scheiden ließen. Und immer waren es die Männer, die den Anschluss weiterhin gesucht haben und dabeigeblieben sind. Sie haben dann ihre neue Partnerin mitgebracht. Zu den Frauen ist der Kontakt leider abgebrochen, die wollten nicht mehr kommen. Ich glaube, es ist so gut wie nicht zu schaffen, dass nach einer Scheidung beide Expartner weiter an den Familienkreis angeschlossen bleiben. Natürlich ist das schade, aber wahrscheinlich nur menschlich.
Walter Mayer

Jeder hilft jedem

Wir sind alle in derselben Lebensphase, wir verstehen uns, es sind alles nette Leute. Ich finde es wichtig, dass man als Familie nicht nur für sich alleine lebt, sondern mit anderen in Beziehung tritt. Ich kenne Familien, die haben sich, sonst niemanden, die wollen auch keinen Anschluss, höchstens ein paar lose Kontakte. Letztlich drehen die sich um sich selbst. Das kann ich nicht nachvollziehen. Man erleichtert sich so viel, wenn man sich mit anderen Familien zusammentut. Für uns, die wir bei Kolping sind, liegt im Gemeinschaftlichen ja auch eine Aufgabe. Es ist für uns selbstverständlich, zusammen zu helfen, wenn andere in Not sind, beispielsweise als die Häuser von einigen Familien gefährdet waren, durch das drohende Hochwasser überschwemmt zu werden. Die wussten, sie können auf uns zählen. Auch im Alltag ist es schön, auf die vertrauten Gesichter zu treffen. Gestern war mein Sohn im Freibad, und mit wem hat er sich gefunden, mit Kindern aus dem Familienkreis. Gegründet haben wir uns im Jahr 2013, wir sind also der jüngste Familienkreis in Osterhofen, und bestehen aus zehn Familien. Wir treffen uns etwa einmal im Monat. Neulich haben wir einen Imker besucht, toll war es auch auf dem Alpakahof. Unsere Ausrichtung ist, ich würde es mal so nennen, erlebnischaraktermäßig. Das Religiöse bleibt leider weitestgehend auf der Strecke. Nicht alle Familien sind bei Kolping, weshalb auch die Idee Kolping kaum eine Rolle spielt. Ich denke, das ist der Geist der Zeit, die Anbindung an Gott und Kirche gehen verloren. Auch sind manche Paare sehr beschäftigt mit anderen Themen, weil sie gerade ihr zweites oder drittes Kind bekommen haben oder ein Haus bauen. Weil mir das Religiöse fehlt, überlege ich, das wieder mehr in die Hand zu nehmen. Anfangs habe ich es versucht, aber es war schwierig, dann habe ich es gelassen. Ich bin da hin- und hergerissen. Denn ich will es keinem aufzwingen. Aber warum sollte ich beispielsweise nicht mal den Kurt fragen, ob er mal zu uns kommt und etwas über Adolph Kolping erzählt.
Ruth Neubauer

Die Kolpingsfamilie Osterhofen hat 265 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Passau. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 27 Kolpingsfamilien an, in denen es 3.439 Mitglieder gibt.

Text (Einleitung): Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Osterhofen


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.