Bundesebene

Es wird kirchlich bunter werden

Auch Hubertus Schönemann, Leiter der Arbeitsstelle für missionarische Pastoral in Erfurt, liefert bei den „Kölner Gesprächen“ 2016 zum Thema „Jugend ohne Kirche – Kirche ohne Jugend“ keine einfachen Lösungen, sondern zunächst drei Thesen und anschließend einige Vorschläge.

Erste These: „An den Jugendlichen kann man exemplarisch die gesellschaftlichen, sozialen und mentalen Veränderungen wahrnehmen, und was sie für Religion, Glaube und Kirche bedeuten.“

Im Osten Deutschlands ist Konfessionslosigkeit ein Phänomen der Normalität: die Begründungspflicht liegt beim Glaubenden. In Westdeutschland gibt es noch eine andere Situation: Kirche ist oft ein selbstverständlicher Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit und eher selten ein hinterfragter Kulturfaktor. Der personale Glaubensnachweis wird selten verlangt.

Insgesamt gilt: Kirche ist angesichts der modernen Freiheitsdynamik zu einer (abwählbaren) Sekundärorganisation geworden.

Zweite These: Wer und wo ist „die Jugend“ und wer und wo ist „die Kirche“? – Die Jugend gibt es nicht, sondern viele unterschiedliche Jugendliche. Die Rede von „der Jugend“ ist ein Teil des Problems, weil sie zeigt, dass die vorhandene Pluralität und Individualität nicht wahrgenommen wird.

Jugendstudien stellen fest:

  • 26% glauben an einen personalen Gott
  • 21% vertrauen einer höheren Macht
  • 24% sagen, sie wissen nicht, was sie glauben sollen
  • 27% lehnen jede Form von Glauben an ein transzendentes Wesen ab

In manchen Städten (Duisburg = 37%, Gelsenkirchen = 32%) bilden muslimische Jugendliche bereits die größte Gruppe in Bezug auf Religion. Unter islamischen Jugendlichen halten 81% den Glauben an Gott für wichtig, 38% bei christlichen Jugendlichen.

Dennoch kann die Shell-Studie sagen, dass die religiöse Perspektive auf Wirklichkeit ein konstitutives Moment der individuellen Welterfahrung und Weltdeutung und damit eine in gewisser Weise konstante Größe bleibt.

Religiöse Rituale und Vorschriften aus vergangener Zeit schrecken Jugendliche eher ab. Sie verneinen nicht das Lebensrecht der Kirche, schätze ihre soziale Rolle, vermissen jedoch oft Antworten auf wichtige Fragen ihrer Lebensführung.

Die Zugehörigkeit zur Kirche gestaltet sich neu: Es gibt einerseits Glaubende, die sich nicht zugehörig fühlen, andererseits getaufte Nicht-Glaubende.

Religiöse Vielfalt und religiöse Indifferenz nehmen zu. Evangelisierung heißt nicht, die Jugendlichen in die traditionelle Kirchlichkeit hinein zu sozialisieren, sondern den Beitrag von Jugendlichen zur Entstehung neuer Formen und Bilder von Kirche wahr- und ernst zu nehmen. Es gilt neue Sprache und Ausdrucksformen zu entwickeln für das, was Evangelium und Reich Gottes bedeuten.

Dritte These: „Die Pastoral der Kirche erneuert sich.“

Bürgerwissen und -erfahrung zeichnet sich durch Lebensnähe, Konkretheit, Authentizität, Erfahrungssättigung, Handlungsorientierung und Fähigkeit zum vernetzten Denken aus.

Es gibt neue Glaubensorte, zum Beispiel Jugendkirchen, ebenso andere Formen von Bindung und Beteiligung: punktuelle oder sehr an konkreten Lebensfragen orientierte Zugehörigkeit, Kirche als Ereignis.

Was in der Pastoral nicht mehr da ist: Dauer, Überschaubarkeit, Alleinvertretungsanspruch.

Die primäre Frage laute nicht: Wie kriegen wir die Jugendlichen wieder hinein in die verfasste Kirche?

Auch die Strukturveränderungen sind missverstanden, wenn man in ihnen lediglich ein Weiter-So wie bisher in der pfarrfamilienhaften Logik – nur auf größerer Ebene – weitermacht, weil weniger Priester, Geld und Gläubige vorhanden sind. Vielmehr entwickelt sich eine neue, plurale Gestalt von Kirche, die auf neue Weise ihre Einheit (in Verschiedenheit) sucht und sich nicht mehr allein nach priester- oder liturgiezentrierten Logiken versteht.

Was zeigt sich für das Kirche-Sein als Hinweis auf das Evangelium durch die Art und Weise, wie Jugendliche leben und sich engagieren?

Blickwechsel: Von Objekten des Glaubens hin zu Subjekten. Hauptberuflich organisierte Jugendpastoral wird an ihr Ende kommen: Die Zukunft ist ehrenamtlich! Jugendliche selbst organisieren sich im christlichen Geist und werden von Menschen unterstützt, die mit Jugendlichen umgehen können und in den Suchbewegungen Begleiter sein können.

Schlussfolgerung:

Wir werden nur einen Teil der Jugendlichen „erreichen“.

Heute ist vielleicht eher dran: Interesse, was Jugendliche uns über das Evangelium sagen können und wollen.

Es wird kirchlich bunter werden, wenn wir uns in dieser neue Weise auf Evangelisierung einlassen; wir sind als Kirche herausgefordert, pluralitätsfähiger werden und neue Bilder von Kirche-Sein zulassen.

Es braucht nicht nur eine neue Kultur freier Gastlichkeit, auch ein Hingehen von möglichst vielen Christen, da wo Jugendliche sind und leben.

Wir müssen als Gesamtkirche ein Bewusstsein dafür entwickeln, mit Jugendlichen Erfahrungsräume zuzulassen und Experimente zu wagen.

Dies ist nicht nur ein gesellschaftlich-sozialer Prozess, in dem wir uns „anpassen“ müssen. Es ist auch eine geistliche Herausforderung: Gott ist da, und will sich auch heute und morgen finden lassen, aber in anderer Weise.

Fotos von der Veranstaltung können betrachtet und heruntergeladen werden unter:

http://www.bilddatenbank.kolping.de/?c=136&k=263a4c4ad6

Weiter Bericht über die Kölner Gesrpäche mit der Predigt von Bundespräses Josef Holtkotte hier.

Bericht über die anschließende Podiumsdiskussion hier.