Bundesebene News

Erinnerungskultur als gesamtgesellschaftlicher Auftrag

Angesichts des diesjährigen bundesweiten Festjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ hat der Bundesvorstand des Kolpingwerkes Deutschland eine Erklärung veröffentlicht.

Seit 1700 Jahren gibt es jüdische Gemeinden in Deutschland. Dies belegt ein Edikt des römischen Kaisers Konstantin aus dem Jahr 321. Aus diesem Anlass hat der Bundesvorstand des Kolpingwerkes Deutschland eine Erklärung veröffentlicht, in der die Verbundenheit mit den schätzungsweise 150.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland ausgedrückt und dazu aufgerufen wird, Erinnerungskultur als gesamtgesellschaftlichen Auftrag wahrzunehmen.

Auch wenn die letzten Opfer und Zeugen der nationalsozialistischen Verbrechen bald nicht mehr unter uns leben, darf es keinen Schlussstrich bei dem Gedenken an den Holocaust geben. Deshalb braucht es neue Formen des Gedenkens für nachkommende Generationen, die sich fragen, was diese Vergangenheit mit ihrem Leben zu tun hat. Gedenken und Erinnern bedeutet zugleich nämlich, Lehren aus der Geschichte zu ziehen und Verantwortung im Hier und Heute zu tragen. Eine „erinnerungspolitische Wende“, wie es aus rechtspopulistischen Kreisen immer wieder gefordert wird, darf es deshalb nicht geben – gerade in einer Zeit, in der Ausgrenzung sowie Hass zunehmend alltäglich und antisemitische Stereotype gegenwärtig sind; wie etwa in den sozialen Netzwerken oder auf Corona-Demonstrationen.

Es ist oft ein kurzer Weg von der Verrohung der Sprache bis zum Einzug der Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Auch heute zeigt sich, wie schnell aus Mitläufern Mittäter werden können. Gefragt ist daher Mitmenschlichkeit und Solidarität mit den Schwachen und Bedrängten. Ein Mensch darf in seiner Würde nicht in Frage gestellt werden – egal, welche Religion oder Herkunft er hat. Das ist die gesellschaftliche Verantwortung, die von Generation zu Generation weitergegeben werden muss. Doch Erinnerungskultur resultiert insbesondere aus der Verantwortung für den Holocaust und kann nicht staatlich verordnet werden – sie muss aus sich heraus wirken.

Eine sichere Gegenwart und Zukunft für Jüdinnen und Juden in Deutschland ist ein Prüfstein dafür, dass wir die Verantwortung für unsere Geschichte übernehmen. Alle Formen des Antisemitismus sind deshalb zu bekämpfen. Für antisemitische Ressentiments und Vorurteile darf es keinen Raum geben. Den respektvollen Dialog und die offene Begegnung mit Menschen jüdischen Glaubens zu fördern und immer wieder engagiert Stellung gegen Antisemitismus zu beziehen – das ist eine ständige Aufgabe. Jüdinnen und Juden prägen heute das Bild des deutschen Judentums mitten in unserer Gesellschaft. Sie gehören zu unserer Gesellschaft. Tun wir alles dafür, dass dies so bleibt!

Zur Erklärung im Wortlaut


Bild: David Holifield/unsplash