Kolpingmagazin

Die Katastrophe findet woanders statt

65 Millionen Menschen befinden sich zurzeit auf der Flucht. Nur ein geringer Teil davon erreicht Deutschland. Die Hauptlast tragen die Entwicklungsländer.

"Flüchtlingskrise“. Das war der Begriff, der im Jahr 2015 die Wahrnehmung eines Großteils der deutschen Bevölkerung geprägt hat. Bilder von Menschen, die zusammengepfercht auf überladenen Booten versuchten, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen, Berichte von zahllosen Menschen an den Grenzen Deutschlands, überfüllte Aufnahmelager, und immer wieder neue Schreckenszahlen von auf der Flucht ertrunkenen Menschen – sie haben die Nachrichten damals dominiert. Seit dieser Zeit nehmen wir Geflüchtete auch viel häufiger in unserem Alltag wahr. Wir begegnen ihnen in unserer Stadt, unserem Ort. Flüchtlingsunterkünfte sind nicht mehr etwas Abstraktes, sondern sie befinden sich in unserer Nachbarschaft. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerkes der Vereinten Nationen (UNHCR) haben im Jahr 2015 mehr als eine Million Menschen Europa mit Booten über das Mittelmeer erreicht. 84 Prozent davon aus den zehn Hauptfluchtländern der Welt, darunter Syrien, Afghanistan und Irak. Die Mehrheit davon– mindestens 850.000 Menschen kamen von der Türkei über die Ägäis nach Griechenland. 3.770 Menschen ertranken auf See oder gelten als vermisst. Im Folgejahr waren es dann sogar 5.000 Menschen.

Doch ist Deutschland, ist Europa im weltweiten Vergleich wirklich so stark betroffen von den Flüchtlingsbewegungen? „Nein!“, sagt zum Beispiel Benjamin Etzold. „Die Katastrophe findet woanders statt.“ Er arbeitet als Wissenschaftler beim Bonn International Center of Conversion im Projekt „Fluchtforschung und Transfer“. Ziel des Projektes ist es, den aktuellen Stand der Forschung zu den Themen Flucht und Geflüchtete zu erfassen und so aufzubereiten, dass die Daten für die Gesellschaft und die Politik verfügbar und verständlich sind.

Weltweit befinden sich zurzeit über 65 Millionen Menschen auf der Flucht. Alleine im Jahr 2015 kamen schätzungsweise 22,4 Millionen neue Flüchtlinge hinzu, aufgrund von Konflikten oder Verfolgung. Die meisten Menschen fliehen innerhalb ihres Landes bzw. in Nachbarländer. Davon betroffen sind vor allem Entwicklungs- und Schwellenländer und nicht die reichen Industrienationen. 86 Prozent aller Geflüchteten leben zurzeit in Entwicklungs- und Schwellenländern, denn die meisten Menschen haben nicht die Möglichkeit, weit entfernte reiche Länder anzusteuern, da ihnen schlichtweg das Geld dazu fehlt, und da oft die geeigneten Verkehrsmittel und -wege fehlen.

Die größte Flüchtlingswelle Afrikas

Während deutsche Medien über die Menschen, die nach Europa geflohen sind bzw. fliehen, sehr ausführlich berichten, finden andere Fluchtbewegungen und humanitäre Katastrophen oft nicht den Weg in die Nachrichten. Zum Beispiel Südsudan: Die Neugründung dieses Staates im Jahr 2011 hat die hochgesteckten Erwartungen und Hoffnungen nicht erfüllt; seit vier Jahren herrscht dort ein Bürgerkrieg. Die Menschen leiden unter der Gewalt von Regierungstruppen und Rebellen der Opposition. Flüchtlinge, die zu tausenden in den Norden Ugandas kommen, berichten von Überfällen, Massakern und Vergewaltigungen. Rund 100.000 Menschen drohen außerdem aufgrund einer Hungersnot zu verhungern. Momentan sind rund eine Million Menschen aus dem Südsudan auf der Flucht, überwiegend ins Nachbarland Uganda. Derzeit kommen täglich rund 3.000 neue Flüchtlingen ach Norduganda. Zusätzlich muss Uganda, das selbst knapp 35 Millionen Einwohner hat, den Zustrom von Flüchtlingen aus der Demokratischen Republik Kongo und Somalia verkraften. Laut UNHCR ist dies zurzeit die größte Flüchtlingskrise Afrikas und die weltweit dramatischste. Nach Angaben des UNHCR sindseit 2013 etwa 1,6 Millionen Menschen aus dem Südsudan geflohen. Zusätzlich sind innerhalb des Landes noch 2,1 Millionen Menschen auf der Flucht.

Bemerkenswert ist, dass Uganda nach einem Berichtder Neuen Zürcher Zeitung (25. April 2017) die Flüchtlinge willkommen heißt, obwohl das ostafrikanische Land selbst im weltweiten Vergleich als arm gilt. Laut dem Bericht werden Flüchtlinge in Uganda innerhalb von 36 Stunden registriert und erhalten von den Behörden einen Ausweis, mit dem sie sich frei bewegen und Arbeit suchen können.

Völlig anders ist dagegen die Situation in Kenia. Hier leben im Flüchtlingslager Dadaab zurzeit über 250.000 Flüchtlinge überwiegend aus dem vom Bürgerkrieg zerrütten Somalia. Damit gilt das Lager als die fünftgrößte Stadt Kenias und als das größte Flüchtlingslager weltweit. Vor einem Vierteljahrhundert kamen die ersten Flüchtlinge über die Grenze.

Zeitweise lebten hier über 500.000 Menschen. Heute sind 58 Prozent der im Lager lebenden Menschen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre. Viele sind in Dadaab geboren und aufgewachsen; sie kennen nichts anderes als das Leben im Lager. Die kenianische Regierungwollte Dadaab in diesem Jahr schließen und die Menschen nach Somalia zurückschicken. Doch ein kenianisches Gericht hat dies vor einigen Monaten untersagt. Der zuständige Richter hat die Anordnung der Schließung als diskriminierend bezeichnet. Sie stehe nicht im Einklang mit der kenianischen Verfassung und mit internationalen Verträgen, die ein Zurückschicken in Krisengebiete verbieten.

Die Unterbringung in Camps, in denen Menschen oft viele Jahre leben, hat verschiedene negative Auswirkungen: Die Menschen haben dort keine Perspektiven, sie haben keinen oder nur sehr eingeschränkten Kontakt zur einheimischen Bevölkerung, Bildungsangebote gibt es in der Regel nicht und auch keine Arbeitsangebote. So werden auch Potenziale verschenkt: die Menschen können nichts zur Wirtschaft des aufnehmenden Landes beitragen; wenn sie nicht in ihr Heimatland zurückkehren können, können sie auch nicht beim Aufbau ihres Landes helfen. Langfristige Fluchtsituationen führen darüber hinaus zur Staatenlosigkeit: Kinder, die in Lagern geboren werden, werden in der Regel nicht registriert. Damit erhalten sie keinen Ausweis, keine Staatszugehörigkeit, und sie haben auch nicht die damit verbundenen Bürgerrechte. Weltweit sind zurzeit ca. 10 Millionen Menschen staatenlos – Tendenz steigend.

Flucht und Vertreibung haben verschiedene Ursachen: Kriege und andere bewaffnete Konflikte, Folgen des Klimawandels, Hunger, Verfolgung zum Beispiel aufgrund der Religionszugehörigkeit oder politischer Meinungen, Landraub, Armut. Die Liste der Ursachen ist lang, und oft hängen verschiedene Ursachen zusammen bzw. bedingen sich gegenseitig: So kann z. B. eine Klimaveränderung die Lebensbedingungen durch Dürren oder Überschwemmungen so verschlechtern, dass Hunger und Armut die Folge sind. Nicht immer sind Ursachen und Verantwortlichkeiten auf den ersten Blick zu erkennen. Beispiel Kongo: Was haben Smartphones, was hat innovative Technik zu tun mit Gewalt, Flucht und Vertreibung in der Demokratischen Republik Kongo?

Eindrücklich hat Erzbischof François-Xavier Maroy Rusengo am 30. Mai in der EU-Hauptstadt Brüssel die dramatische Situation im Kongo dargestellt. Der Erzbischof von Bukavo hat dort auf einer Veranstaltung gesprochen, zu deren Organisatoren auch das Kolping-Netzwerk für Geflüchtete gehörte (Siehe Beitrag auf den Seiten 38–39 in dieser Ausgabe). Viele der Menschen seien sozusagen „unsichtbar“, weil sie nicht als registrierte Flüchtlinge in Lagern leben. 2016 seien im Kongo 900.000 Menschen zu Vertriebenen geworden, und alleine in diesem Jahr ist die Zahl bis Mai um weitere 837.000 Vertriebene angestiegen. Von insgesamt 3,7 Millionen vertriebenen Menschen sind mehr als eine halbe Million über die Grenze in ein Nachbarland, z. B. nach Ruanda oder Uganda, geflohen. Rusengo sieht im Reichtum seines Landes an Bodenschätzen den Hauptgrund für Gewalt, Massaker und Vertreibung. Gerade der Osten des Landes ist reich an wertvollen Rohstoffen wie Gold, Coltan, Diamanten, Kupfer und Zinn. Der Reichtum ist für die Kongolesen jedoch kein Segen, sondern ein Fluch. Rebellengruppen zwingen Menschen, für sie die Rohstoffe abzubauen. Der Abbau erfolgt illegal und unkontrolliert. Das katholische Hilfswerk missio, Kooperationspartner des Kolping-Netzwerks für Geflüchtete, berichtet in diesem Zusammenhang von schlimmsten Menschenrechtsverletzungen: Dörfer werden überfallen, Menschen getötet, zahllose Frauen werden vergewaltigt. Und das Militär, das eigentlich die Bevölkerung schützen sollte, ist korrupt, es arbeitet oft mit den Rebellen zusammen, und die Soldaten werden am Gewinn aus dem Rohstoffhandel beteiligt. Coltan und andere Mineralien sind wertvolle Rohstoffe, ohne die Smartphones und andere hochtechnisierte Geräte nicht funktionieren würden. Der Westen hungert nach diesen Rohstoffen, und die Konzerne fragen oft nicht so genau nach, wo das Material herkommt. Der Handel ist zudem unübersichtlich: Abgebaute Erze werden eingeschmolzen, die wertvollen Minerale über die Grenze geschafft und dann oft von Firmen außerhalb des Kongo als vermeintlich „sauberes“ Material verkauft.

Rusengo beschreibt einen Kreislauf von Gier, Gewalt und Armut, der durch die Konfliktmineralien genährt werde. Mit dem Verkauf der Rohstoffe würden sich die Konfliktparteien im Kongo finanzieren, sagt der Bischof und ergänzt: „Wir wollen nicht, dass unsere Smartphones den Krieg im Kongo finanzieren und die Gewalt noch weiter verbreiten.“ 140 kongolesische Bischöfe, darunter auch Erzbischof Rusengo, haben sich bereits im Jahr 2104 mit einem Appell an die Europäische Union gewandt und diese aufgefordert, den Kauf und den Einsatz von Rohstoffen, deren Abbau Gewalt und Leid verursacht, zu unterbinden.

Jeder Einzelne ist gefragt

In der heutigen globalisierten Welt hängt vieles eng miteinander zusammen, auch wenn die Entfernungen groß sind. So sind auch die Konsumenten in Deutschland, die ein Smartphone kaufen, oft unwissentlich angebunden an diesen Handel, der Flucht und Vertreibung verursacht. Bei der Verantwortung setzt dann auch ein Vorstoß des Kolpingwerkes Deutschland an, das sich und andere mit einer fünfseitigen Erklärung in die Verantwortung nimmt. Vorbereitet wurde das Positionspapier vom Kolping-Bundesfachausschuss „Verantwortung für die Eine Welt“. Anfang April hat der Bundesvorstand des Kolpingwerkes Deutschland das Positionspapier in der endgültigen Fassung verabschiedet und veröffentlicht. Der Titel des Papiers:„Fluchtursachen bekämpfen als globale Herausforderung unseres Jahrhunderts – Das Kolpingwerk nimmt sich und andere in die Verantwortung“. Walter Rung, Mitglied des Bundesfachausschusses „Verantwortung für die Eine Welt“, hat die Erklärung des Kolpingwerkes maßgeblich mit vorbereitet. Bei einer Kolping-Fachtagung in Coesfeld zum Thema „Bekämpfung von Fluchtursachen“ hat er das Papier und die damit verbundenen Forderungen des Kolpingwerkes erläutert. Das Kolpingwerk Deutschland nimmt Bezug auf die Enzyklika 'Laudato si‘, in der Papst Franziskus seine Sorge um unser „gemeinsames Haus“ – unsere Welt – zum Ausdruck bringt. In Anlehnung an diese Enzyklika beschreibt das Kolpingwerk Deutschland mit Blick auf die Bekämpfung von Fluchtursachen: die Verantwortung des Einzelnen, die Verantwortung des Kolpingwerkes, die Verantwortung der Kirche, die Verantwortung der Wirtschaft und die Verantwortung der Staaten.

Walter Rung erläutert, was mit der Verantwortung des Einzelnen gemeint ist: „Jeder einzelne Mensch kann sein eigenes Konsumverhalten kritisch hinterfragen. Zum Beispiel mit dem Kauf eines fair gehandelten Smartphones. Und jeder Einzelne kann Unterdrückten und Geflüchteten Gehör verschaffen, indem er zum Beispiel geeignete Petitionen unterschreibt und im Wahlkampf Politiker fragt, was sie zur Bekämpfung von Fluchtursachen unternehmen werden.“ Kolpingsfamilien können sich entwicklungspolitisch engagieren und in der internationalen Partnerschaftsarbeit aktiv werden. Hier sieht dann auch das Kolpingwerk seine Möglichkeiten zu handeln: Im Rahmen der internationalen Partnerschaftsarbeit werden Kolpingverbände weltweit unterstützt bei ihrem Einsatz für eine gerechte und humane Gesellschaft. „Denn nur wer seine Rechte als Mitglied der Gesellschaft kennt, wer sich politisch für sich und andere engagiert, wer in Gremien mitarbeitet und Verantwortung übernehmen kann, wird seltener Opfer von Unterdrückung und Ausbeutung. Er kann dazu beitragen als überzeugter Christ, eine gerechtere Gesellschaft zu gestalten und Korruption sowie Menschenrechtsverletzungen zu bekämpfen“, zitiert Walter Rung aus der Kolpingerklärung. Das Kolpingwerkist überzeugt: „Fluchtursachen können nur mit langfristigen Strategien behoben werden. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass die Menschheit für ihr Handeln selbst verantwortlich ist. Fluchtursachen sind nicht gottgegeben, sondern Ergebnis menschlichen Verhaltens und Handelns. Damit trägt jeder eine Mitverantwortung für den Zustand der Welt.“ Deshalb nehme man sich und andere in die Verantwortung, und fordere dazu auf, verantwortlich zu leben und zu handeln, Mut zu zeigen, wenn es darum geht, Fluchtursachen zu bekämpfen.

Text: Georg Wahl

Positionspapier
Der Bundesvorstand des Kolpingwerkes Deutschland hat Anfang April das Positionspapier "Fluchtursachen bekämpfen als globale Herausforderung unseres Jahrhunderts" veröffentlicht. Das Dokument kann hier heruntergeladen werden.