So sind wir

"Die brauchen keinen Gott, keine Kirche, kein Kolping"

Kolpingsfamilien gibt es viele: In dieser zum gleichnamigen Buch erschaffenen Rubrik "So sind wir" auf unserer Homepage veröffentlichen wir ab sofort regelmäßig eine der Reportagen über unsere bundesweit engagierten Kolpingmitglieder. Den Start macht die Kolpingsfamilie Köthen.

Als Johann Sebastian Bach im Jahr 1717 nach Köthen kam, war das Interesse am christlichen Glauben völlig anders als heute. 60 Kilometer nördlich von Leipzig engagieren sich seit 2007 insgesamt 37 Kolpingmitglieder, um den Menschen dieser Stadt Begegnungs- und Bildungsangebote zu machen. Das ist nicht einfach.

Köthen im Jahre 1717: Mit knapp fünftausend Einwohnern ist Köthen etwas kleiner als Weimar und kulturell nicht annähernd so bedeutend. Johann Sebastian Bach zieht dennoch von dort nach da, zusammen mit seiner ersten Frau Maria Barbara und seinen vier Kindern. Er ist soeben von Fürst Leopold als Hofkapellmeister an das fürstliche Schloss zu Köthen berufen worden. Berühmte Werke wie die Brandenburgischen Konzerte und der erste Teil des Wohltemperierten Klaviers entstehen hier. Es sind nicht nur schaffensreiche Jahre, sondern auch Jahre des Abschieds und des Neubeginns. Maria Barbara stirbt, wenig später schon lernt Bach seine zweite Frau Anna Magdalena kennen, die beiden heiraten. 250 Jahres päter, 1967, werden in Erinnerung an den berühmten Bewohner die Bachfesttage ins Leben gerufen. Seither pilgern Bach-Liebhaberinnen und -Liebhaber aus der ganzen Welt alle zwei Jahre nach Köthen.

Köthen im Jahre 2018: die Stadt zählt über 28.800 Einwohner und hat inzwischen den Beinamen "Weltstadt der Homöopathie", da hier auch der Begründer der Homöopathie, Samuel Hahnemann, mehrere Jahre wirkte. Die Köthener diskutieren in diesen Wochen unter anderem über den Ausbau der Freiligrathstraße, die holprig ist und sanierungsbedürftig, und auf der zwei Autos sich nicht entgegenkommen können, ohne auf den Gehweg rollen zu müssen. Sorgen macht außerdem der noch unbekannte Fahrer eines schwarzen Transporters mit Berliner Kennzeichen, der in der Stadt unterwegs sein soll. Es geht das Gerücht um, dass er Kinder einfangen will. Ähnliches wurde vor wenigen Wochen aus dem 60 Kilometer entfernten Wittenberg berichtet – und stellte sich als Fake-News heraus.

An einem Spätnachmittag im Frühsommer wirkt Köthen so, als wäre es eine verschlafene, eine beinahe ausgestorbene Stadt. Die Sonne brennt heiß, die Kirchturmuhr schlägt, kaum jemand ist unterwegs. Ein wildgelockter Radfahrer scheint fast vom Fahrrad zu fallen, so langsam tritt er in die Pedale. Ein grauhaariger Mann in kurzen Hosen und gestreiftem T-Shirt gießt die Blumen vor einem Fenster im Erdgeschoss. Er grüßt, als würde man sich kennen. Wenige Schritte weiter, unauffällig in einer Häuserreihe, befindet sich das katholische Pfarrhaus. Auf ein Klingeln öffnet Pfarrer Armin Kensbock. Er breitet die Arme aus, eine herzliche Willkommensgeste. Über ein feudales Treppenhaus, das Geländer ist alabasterweiß, geht es nach oben. Die Einrichtung wirkt teilweise so, als sei man in die Zeit Johann Sebastian Bachs zurückgefallen. Ein runder Tisch, ein Sofa, mehrere Sessel. Manchmal trifft sich die Kolpingsfamilie Köthen hier, in den Wohnräumen ihres Präses. So auch heute.

Mehr Neugier wäre schön

"Uns gibt es noch nicht so lange", sagt der Vorsitzende Bernd-Rüdeger Backhaus. In seinem Ordner befinden sich Unterlagen und Zeitungsartikel. Über die Gründung im November 2007 berichtete beispielsweise die Mitteldeutsche Zeitung: "Die Köthener Kolpingfamilie versteht sich als generationsübergreifende familienhafte Gemeinschaft, prägt als katholischer Sozialverband die Gesellschaft mit und sieht sich als Anwalt der Familie." Backhaus sagt, man wolle viel tun, viel bewirken, viel anpacken. Hineinwirken in die Stadt. Doch hier, mitten in der Diaspora, hätten viele Menschen Berührungsängste. Oder wüssten gar nicht, was sie überhaupt mit einer Kolpingsfamilie anfangen sollen. Mehr Neugier, hätten die Köthener doch einfach ein bisschen mehr Neugier, das wäre schon schön, so Bernd-Rüdeger.

Angst vor Zwangskollektivierung

Es gibt in der Stadt um die 3.000 evangelische Christen und 1.000 Katholiken, die anderen, der ganze große Rest, sagen über sich "ich bin normal" und meinen damit "ich habe keinen Glauben". So die Ausgangssituation. "Die brauchen keinen Gott, keine Kirche, kein Kolping«, fasst Bernd-Rüdeger zusammen. "Die vermissen nichts, weil sie es nicht anders kennen." Die Vorbehalte gegenüber der Religion, gegenüber Vereinen seien außerdem in Menschen, die in der DDR aufgewachsen seien, tief verwurzelt. Mag die Mauer auch gefallen sein, mit einem Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte seien die nicht unbeachtlichen Widerstände erklärbar: "Es gibt eine Angst vor Zwangskollektivierung." Auch dass "das mit der Arbeit bei uns nicht so dolle ist", sei eine Hürde. Wer zu wenig Geld hat, hat auch zu wenig, um den Mitgliederbeitrag zu zahlen.

Trotzdem, die momentan 37 Mitglieder lassen sich nicht entmutigen. "Wären wir nicht so motiviert, würden wir nicht mehr existieren", stellt Bernd-Rüdeger klar. Brigitte Peter, die neben ihm sitzt, formuliert es so: "Durch den Glauben haben wir eine Aufgabe, die wir im Rahmen von Kolping entwickeln und nach außen tragen." Beständigkeit zahlt sich aus, steter Tropfen höhlt den Stein, nach diesem Motto machen die Kolpinger weiter, immer weiter. Sie wissen, dass auf die Frage "Wollt ihr bei uns eintreten", meist die Antwort kommt, nein, lieber nicht, aber sie laden trotzdem wieder ein, zu Veranstaltungen, zu Reisen, in die Kirche. "Wir wollen etwas anbieten für die, die in dieser Stadt leben", sagt Kolpingsschwester Henrike Northoff. Sie selbst sei mit ihrem Mann im Jahr 2009 eingetreten. »Weil es so gemütlich ist, so familiär, weil wir uns hier aufgehoben fühlen", sagt sie. Doch was wollen die Köthener, genau das oder was anderes? Nicht leicht, das herauszufinden. An Angeboten anderer Gruppen, gerade auch in der eigenen Gemeinde, mangelt es nicht. "Wir haben viel Konkurrenz", berichtet Henrike. Kommen zu einer Veranstaltung, die von der Kolpingsfamilie organisiert wurde, mal wieder weniger als man sich wünschen würde, so könnte man klagen und jammern und zetern, aber was nützte das schon. "Wir dürfen nicht sagen, es sind zu wenig da, weil wir auf dreißig Leute gehofft haben, und nur zehn gekommen sind, sondern wir sollten uns über die zehn freuen, die sich auf den Weg gemacht haben."

Wenn die Kolpingsfamilie Köthen hingegen Vortragsredner einlädt, die deutsche Geschichte beleuchten, dann müssen sie nicht fürchten und bangen, ob genug kommen, dann ist der Pfarrsaal voll. Um die 220 Leute hörten beispielsweise zu, als Hubertus Knabe, Leiter der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen, sich kritisch auseinandersetzte mit der aus seiner Sicht mangelhaften strafrechtlichen Verfolgung der Täter des SED-Staates. Groß war auch das Interesse an Vorträgen von Erika Rosenberg, die eng mit Emilie Schindler befreundet war, der Ehefrau des Industriellen Oskar Schindler, der während des Zweiten Weltkriegs um die 1.200 Juden vor dem Tod in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten bewahrte. Auch Veranstaltungen, die sich um Bräuche drehen und um regionale Produkte, sind gut besucht. Jüngst etwa ein Besuch in der ortsansässigen Schnaps-Destillerie.

Fast schon sprichwörtlich ist die Frage, ob das Glas nun halb voll oder halb leer ist. Für die Kolpingsfamilie Köthen ist es, ob nun Schnapsglas, ob Wasserglas, halb voll. Adolph Kolping wirkt auch hier mit seinem Vorbild. Man denke an den langen Atem, den er aufbrachte, um die Menschen für die Botschaften des Evangeliums zu öffnen. "Wir führen die Leute in die Kirche, ziehen sie langsam hinein; man darf doch nicht einen zum Laufen antreiben, wenn er noch nicht gehen kann", erklärte er einmal. Und verwies daher darauf: "Wir konnten nicht mit der Kirche zuerst kommen, sondern mussten erst von der Straße aus einen gesellschaftlichen Halt geben." Es muss also überlegt werden, wo stehen die Köthener. Um sie dort, wo sie stehen, abholen zu können. Was vielleicht ein bisschen abgedroschen klingt, aber deshalb nicht weniger wahr ist. "Es kann nur besser werden", sagt Präses Kensbock. Aber das sei ja überall so. Nicht nur in Köthen.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Köthen; St. Maria Stadtverwaltung Köthen (Anhalt)


Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.