So sind wir

Damit die Jugendlichen eine Entscheidung treffen können

Seit 20 Jahren organisiert die Kolpingsfamilie Ismaning gemeinsam mit der Kolpingsfamilie Unterföhring eine Ausbildungsbörse. Erst waren die Ausbildungsstellen knapp, jetzt die Bewerber. Zuletzt beteiligten sich 130 Betriebe.

Den Hauptschulabschluss in der Tasche – und trotzdem blicken viele Jugendliche in eine ungewisse berufliche Zukunft. Sie wissen nicht, ob sie eine Lehrstelle finden werden. In den Zeitungen heißt es: "Lehrstellenmangel – Deutsche Schulabgänger stehen auf der Straße". So war die Situation noch in den Nullerjahren. Ende Juli 2010 etwa standen den 511.000 Bewerbern lediglich rund 405.000 betriebliche Lehrstellen gegenüber. Bereits ein Jahr später begann das Blatt sich nach und nach zu wenden: die Mitglieder des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) meldeten bei der Zahl der Ausbildungsplätze ein Plus von 13 Prozent gegenüber 2010. Inzwischen macht sich der demographische Wandel auf dem Ausbildungsmarkt bemerkbar: Der Pool an Auszubildenden, aus dem die Handwerksbetriebe schöpfen können, ist erheblich geschrumpft. Auch drängt es immer mehr Jugendliche in akademische Berufe. Die Folge: Heute fehlen nicht mehr die Lehrstellen, sondern die Lehrlinge. Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. In immer mehr Betrieben heißt es: "Bei uns bewirbt sich niemand."

Sowohl die eine wie auch die andere Entwicklung auf dem Ausbildungsmarkt wusste und weiß die Kolpingsfamilie in Ismaning bei München zu beantworten: Seit 1999 bietet sie eine Ausbildungsbörse an. Im Jahr 2005 schloss sich die Kolpingsfamilie aus dem benachbarten Unterföhring an. In der sogenannten Ausbildungsbörse werden freie Ausbildungsstellen von Unterföhringer und Ismaninger Firmen und Betrieben angeboten. "Als wir damals begonnen haben, sorgten wir uns um die Jugendlichen, die es schwer hatten, einen Ausbildungsplatz zu finden", erzählt Rudolf Höpfl, ehemaliger Vorsitzender der Kolpingsfamilie Ismaning. "Wir wollten sie in dieser Situation nicht alleine lassen." Die Parallele zu Adolph Kolping ist offensichtlich. Er, der zunächst das Schuhmacherhandwerk lernte, war nahe dran an den Nöten der damaligen Handwerksgesellen. Auch er zog, so war es üblich, von Werkstatt zu Werkstatt. Doch im beginnenden Industriezeitalter zerfiel das Zunftwesen, die meisten der wandernden Handwerker lebten nur noch von der Hand in den Mund, sie wurden nirgendwo aufgefangen, manche verfielen dem Alkoholismus.

Adolph Kolping, der spätere Priester, entschloss sich, "Hand anzulegen, es zu verhüten". Von ihm initiiert, entstanden in 20 Jahren um die 420 Gesellenvereine, die den Gesellen den verlorenen sozialen Halt geben sollten. Und in denen sie außerdem bestärkt wurden, mehr aus sich und ihrem Leben zumachen. Die heutige Vorsitzende der Kolpingsfamilie Ismaning, Irmgard Ismair, dürfte deshalb ganz im Namen des Gründers sprechen, wenn sie sagt: "Wenn Jugendliche ohne Arbeit bleiben, dann geht uns das was an." Heute, da es genug Lehrstellen gäbe, gehe es allerdings eher darum, den Jugendlichen Orientierungshilfe anzubieten. »Viele wissen nicht, wohin sie beruflich wollen.« Wenn man frage, welcher Job ihnen vorschwebe, komme oft die Antwort: "Keine Ahnung."

Wir finden Ausbildungsplätze

Damit die Jugendlichen überhaupt eine Entscheidung treffen können, was ihnen liegt und was nicht, bekommen sie jedes Jahr im Februar die Möglichkeit, sich bei den Betrieben Informationen einzuholen. Beim Berufsinformationstag der Mittel- und Realschule Ismaning haben um die 30 Anbieter ihren Stand aufgestellt, ob Polizei, Kindertagesstätte, Metzgereibetrieb. Und auch die Kolpingsfamilien Ismaning und Unterföhring sind dabei. "Im direkten Gespräch geben wir einen Überblick, wer freie Ausbildungs- und Praktikumsplätze hat", erläutert Irmgard.

Mit den Betrieben nehmen die Kolpinger immer Anfang des Jahres Kontakt auf. "Wir schreiben die Firmen an und fragen, ob sie freie Ausbildungsplätze haben und ob sie Praktika anbieten", sagt Brigitte Mitschele. Alle angebotenen Stellen stammen aus der Region und werden mit Angaben zu Berufsart, Firmen, Ansprechpartner, erforderlichem Schulabschluss, Ausbildungsbeginn, Bewerbungsart und sonstigen Anforderungen in Listen, die kontinuierlich aktualisiert werden, zusammengestellt. Der Service ist kostenlos. Seit gut zwei Jahren ist das Angebot auch via Internet abrufbar. "Die Schüler suchen sich dann über die Listen die Stellen aus, die ihren Vorstellungen zum beruflichen Werdegang entsprechen", so Brigitte weiter. "Bevor sie sich bewerben, sollte sie allerdings nachfragen, ob die Stelle noch frei ist, da uns die Firmen leider selten mitteilen, ob die Stelle in der Zwischenzeit vielleicht schon besetzt wurde." Auch die Bewerber melden sich kaum zurück, wenn es mit einer Vermittlung geklappt hat. "Es wäre schon schön, zu hören, was unsere Ausbildungsbörse bewirkt", sagt Brigitte. Dass viele Betriebe, heuer waren es um die 130, weiterhin bei der Ausbildungsbörse mitmachen, sei immerhin eine Bestätigung. Seltener als möglich kämen von den Anbietern Kommentare wie "Endlich haben wir einen Lehrling".

Steuererklärung – So gehts!

Wer in den Beruf einsteigt, muss sich freilich auch mit allerlei Behördenkram herumschlagen. Auch das will begleitet werden. Eher gehasst als geliebt: die Steuererklärung. Damit man bereits beim ersten Mal weiß, wie es geht, haben die Kolpinger beispielsweise einen Steuerfachangestellten eingeladen, der den Jugendlichen erklärte, wie sie es angehen müssen. "Das klingt trocken, aber es wurde auch viel gelacht und letztlich hatten die Jugendlichen das Gefühl, gut gerüstet zu sein", berichtet Brigitte. Weitere Themen, die man mittels Vorträge vermitteln wolle, seien in Arbeit. Auch wenn die nicht immer mit Ausbildung und Beruf zutun hätten. "Dass die jungen Leute immerfort auf ihr Smartphone glotzen müssen, macht mir große Sorgen", sagt Marianne Huber-Backhaus. "Die meisten schauen überhaupt nicht mehr auf den Weg, sehen nicht die schönen Bäume, nicht die schönen Häuser, da geht der unmittelbare Bezug zur Welt verloren." Sie wäre froh, sagt sie, wenn sie wüsste, wie man den Jugendlichen Anstöße geben könne, auch mal "ohne" unterwegs zu sein. Und wieder mehr in Kontakt zu kommen, mit sich, mit anderen, mit der Umwelt. "Vielleicht finden wir einen Experten, der eine Lösung anbieten kann", hofft Marianne.

Freilich sind es nicht nur die Jugendlichen und Lehrlinge, für die sich die Kolpingsfamilie Ismaning einsetzt. Die Liste wäre lang, um alles aufzuzählen, was bisher getan, gemacht, geleistet wurde, denn in diesem Jahr wird das 150-jährige Bestehen gefeiert. Dass aber auch zum Jubiläum das Handwerk besonders im Mittelpunkt steht, mit einem großen Handwerkermarkt, zeigt, dass ein Herzensanliegen Adolph Kolpings auch hier weiterlebt. "Gestern wie heute ist das Handwerk elementarer Bestandteil einer gesunden Gesellschaft und einer leistungsfähigen Wirtschaft", schreibt Ilse Aigner, Bayerns Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr in der Festzeitschrift. "Handwerk ist auch Bildung", sagt Irmgard. Auf dem Handwerkermarkt gibt es Stände, an denen unter anderem die Berufe des Schneiders, des Schuhmachers, des Korbmachers, des Hutmachers und des Papierschöpfers vorgestellt werden. "Einen Hutmacher hatten wir sogar in den eigenen Reihen, ohne es zu wissen", sagt Irmgard. Und auch Rudolf kommt vom Handwerk, er lernte Schreiner. "Als Geselle kam ich aus dem Bayerischen Wald nach Ismaning, das war vor knapp 55 Jahren", erzählt er. Sein Schreinermeister habe ihm damals von der Kolpingsfamilie berichtet. "Dann bin ich einfach mal hin, und seither dabei." Warum? "Weil’s passt", sagt Rudolf.

Die Kolpingsfamilie Ismaning hat 169 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband München und Freising. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 98 Kolpingsfamilien an, in denen es 9.675 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Ismaning


Dieser Beitrag ist auch enthalten im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.