So sind wir

"Bei uns gibt es viel Armut!

Sie machen Besorgungen für Menschen ohne Auto, helfen in finanziellen Notlagen und betreiben ein Sozialkaufhaus. Die Helfer der Kolpingsfamilie Dahn machen die Erfahrung: Wer wirklich arm ist, will es nicht zeigen, aber inzwischen fassen immer mehr Menschen Vertrauen und lassen sich helfen.

Er war hinter ihr her. Sie lief und lief, siekeuchte. Er kam immer dichter heran, sie fühlte, wie ihre Kräfte nachließen, plötzlich musste sie innehalten – sie stand am Abgrund des Felsens. Schaudernd blickte sie in die finstere Tiefe. Bald würde er sie zu fassen kriegen, sie hörte seine herannahenden Schritte, sie hatte keine Wahl, sie schloss die Augen – und sprang. Da geschah das Wunder. Weil ihre Röcke sich aufbauschten, schwebte sie regelrecht nach unten, als hinge sie an einem Fallschirm, und entkam dem sicheren Tod. Die Sage von der Jungfrau, die vor einem Raubritter flüchtete und sich retten konnte, kennt in Dahn jedes Kind. Dahn ist eine kleine Stadt mit gut 4.500 Einwohnern und liegt im Südwestpfälzischen. Der steile Felsen, an dem sich die Sage zugetragen haben soll, ragt 70 Meter in die Höhe, er gilt als Wahrzeichen der Gemeinde. Vorbei am so genannten Jungfernsprung führt die Hauptstraße, die Pirmasenser Straße, an ihr liegen Wohnhäuser, Gaststätten, mehrere Geschäfte. Gegenüber der Apotheke, die Jungfernsprung-Apotheke heißt, befindet sich die Kleiderstube "Anziehend". Ein Laden, der im Januar 2017 eröffnet wurde. Betreiber ist die örtliche Kolpingsfamilie in Kooperation mit – unter anderem – der Kommune Dahner Felsenland und der Katholischen Frauengemeinschaft Dahn.

Kleine und große Wunder

Die Kolpingsfamilie Dahn macht mit der Kleiderstube das, was sie auch sonst tut, sie hilft da, wo Hilfe gebraucht wird. Vielleicht könnte man es so sagen: Weil es in Dahn eine Kolpingsfamilie gibt, geschehen am Ort weiterhin kleine und mitunter auch große Wunder. Die 120 Mitglieder würden es wahrscheinlich nicht so formulieren. Sie machen kein Aufheben um das, was sie tun. Für sie ist selbstverständlich, für Menschen da zu sein, die es im Leben weniger gut getroffen haben. In der Kleiderstube "Anziehend" beispielsweise können Menschen, die es nicht "so dicke" haben, für wenig Geld guterhaltene, gebrauchte Kleidung kaufen. Jeden Donnerstag von 10 bis 18 Uhr ist dort geöffnet. Wer den Laden betritt, wird mit einem Lächeln begrüßt, die Wände sind hellgelb, über dem goldumrandeten Spiegel hängt ein Kreuz. Die Verkäuferinnen haben sich Schilder mit ihren Vornamen angesteckt, eigentlich sind sie keine gelernten Verkäuferinnen, sie arbeiten ehrenamtlich. "Wir kommen so zu einem Nebenjob, der richtig viel Spaß macht", sagt Renate, die am heutigen Donnerstag mit Hannelore und Susanne im Laden steht. "Manche Kunden umarmen uns, weil sie einfach froh sind, dass wir das hier anbieten." Die meisten seien Stammkunden und würden auch aus den umliegenden Dörfern hierherfahren, um einzukaufen.

In Regale einsortiert sind T-Shirts und Hosen für Frauen, Männer, Kinder, an Kleiderständern hängen Blusen, Jeansjacken, Sommer- undAbendkleider. Alles sind Spenden aus Privathaushalten. Jedes Kleidungsstück kostet ein Euro, pro Kunde ist der Einkauf auf 15 Teile beschränkt. Das sei, so Renate, anfangs nicht so gewesen. Doch als mehrere Damen dreißig, vierzig Teile mitnahmen, Damen, die "ganz gewiss nicht bedürftig sind", habe man sich entschieden, ein Limit zu setzen. Das erwirtschaftete Geld, bisher rund 15.000 Euro, ging unter anderem an den Hospizverein in der Region, aber auch internationale Projekte werden unterstützt wie etwa das Kolpingwerk Uganda. Weil die Verbandsgemeinde die monatliche Miete übernimmt und alle ehrenamtlich mithelfen, auch Flüchtlinge, muss nichts von den Einnahmen abgezwackt werden. Präses Erich Schmitt sieht in der Kleiderstube eine, wie er sagt, "ganz konkrete Verwirklichung von Glauben" und verweist auf eine Stelle im Matthäusevangelium: "Ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet."

Kinder tun was Eltern vorleben

Bereits die Jüngsten in der Kolpingsfamilie setzen den Gedanken der Nächstenliebe in die Tat um. Da ist beispielsweise der Junge, der nie ein Pausenbrot dabei hatte. Doch er muss nicht mehr hungrig im Unterricht sitzen, denn es gibt einige Mädchen, Zweitklässlerinnen, die ihre Brote mit ihm teilen. "Meine Tochter hat mir das erzählt, sie hat gesagt, Mama, es gibt einen Jungen aus unserer Klasse, der hat nichts zu essen, da müssen wir ihm doch helfen", berichtet Karin Reisel. Kinder tun, was Eltern vorleben. Karin Reisel und ihr Mann Harald Reisel, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Dahn, sind oft unterwegs, sind dort, wohin sie gerufen werden. Gertrud Ruppert beispielsweise gehört zu den älteren Menschen, die sich regelmäßig bei der Kolpingsfamilie melden, weil sie ihre Einkäufe nicht mehr selbst erledigen können. "Unser Einkaufsservice wird gut genutzt, in manchen Zeiten können wir uns vor Anfragen kaum retten", sagt Harald.

Die Idee dazu entstand vor gut acht Jahren. "Für ältere Menschen, die kein Auto mehr fahren wollen oder können, ist es ein echtes Problem, zum Supermarkt zu kommen, die Entfernungen können ein, zwei oder weit mehr Kilometer betragen", berichtet Harald weiter. Einen Stadtbus gibt es nicht, die Orte rund um Dahn haben zwar Anschluss an einen Bus, der aber nur drei Mal täglich fährt. Harald kennt inzwischen sämtliche Supermärkte in Dahn und Umgebung. "Alleine für einen älteren Herrn musste ich in drei verschiedene Supermärkte fahren, weil es in einem nicht alles gab, was auf seiner Liste stand." Harald habe den Einkauf dann in die Wohnung des Herrn, die in einem oberen Stockwerk lag, getragen, habe mit ihm die Dosen, Tuben und Packungen in Regale und Kühlschrank einsortiert und dann die Abrechnung gemacht. "Er hat mir das Geld immer in einem Umschlag mit ausschließlich Fünf-Euro-Scheinen gegeben." Nicht immer bekommt Harald einen Einkaufszettel in die Hand gedrückt. "Manchmal fahre ich mit den älteren Leuten auch gemeinsam zum Einkaufen." Der Service ist kostenlos, einige geben dennoch den einen oder anderen Euro. "Damit können wir einen Teil der Benzin- und Versicherungskosten decken."

Helfen und zuhören

Zuzugeben, dass man auf Hilfe angewiesen ist, fällt den meisten nicht leicht. Während der Einkaufsservice etabliert ist, werden andere Hilfsangebote der Kolpingsfamilie Dahn nur zögerlich angenommen. Karin berichtet von den Hintergründen. "Es gibt bei uns viel Armut, deshalb haben wir uns entschlossen, dass wir in finanziellen Notlagen unbürokratisch aushelfen", erzählt sie. Doch obwohl auch in der Zeitung darüber berichtet wurde, dass die Kolpingsfamilie aus einem ersten Etat von 1.000 Euro Gelder zur Verfügung stellen kann, meldete sich: niemand. "Wir haben erkennen müssen, dass die, die betroffen sind, sich in der Regel dafür schämen", so Karin weiter. Das Geld ging deshalb erstmal an eine Kindertagesstätte, um einigen Kindern am Monatsende das Mittagessen zu bezahlen. "Die Leiterin hatte uns anvertraut, dass es Kinder gab, die immer am Ende des Monats in der Kita fehlten, weil die Eltern das Essensgeld nicht mehr aufbringen konnten."

Die Hemmschwelle sank erst nach und nach. "Aber immer noch befürchtet der ein oder andere, dass wir ihre Probleme weiter erzählen könnten, ein typisches Problem auf dem Land ist ja das Gerede, oder dass sie einen Gehaltsnachweis vorlegen müssen oder dass wir eine Rückzahlung inklusive Zinsen verlangen", sagt Harald. "All das trifft natürlich nicht zu." Wenn jemand anruft, dann vertraue man darauf, dass derjenige auch wirklich die Hilfe brauche, um die er anfrage. Neulich habe sich beispielsweise eine Mutter gemeldet, völlig in Tränen aufgelöst, weil sie nicht wisse, was sie ihrem Kind am nächsten Tag zu essen geben solle. Das Geld übergeben die Kolpinger persönlich. Vor Ort bleiben sie oft länger als die paar Minuten, die es bräuchte, um die Übergabe zu machen. "Vielen ist es ein Bedürfnis zu reden, jemanden zu haben, der zuhört und der sagt, ich verstehe, wie es Ihnen geht", sagt Karin. Manchmal würden Menschen auch deshalb anrufen, einfach nur, um sich das von der Seele zu reden, was sie belastet.

Auffangstation für Kolpinger

Dann wären da noch die "Gestrandeten". So nennt Harald die benachbarten Kolpingschwestern und -brüder, die heimatlos geworden sind, weil sich ihre Kolpingsfamilien aufgelöst haben. Ihnen wollen die Dahner ein neues Zuhause geben. "Die Dahner Kolpingsfamilie gilt im Diözesanverband Speyer längst als Auffangstation für Kolpingmitglieder, die vor Ort keine Kolpingsfamilie mehr haben", sagt Harald. Beginnend mit der Fusion mit der Kolpingsfamilie Pirmasens im Jahr 2013 beherbergen die Dahner inzwischen unter anderem Mitglieder aus Hinterweidenthal, Lemberg, Trulben, Zweibrücken und sieben weiteren Gemeinden. Mindestens einmal im Jahr finden in fast allen Ortschaften, in denen Mitglieder wohnen, Veranstaltungen statt, etwa Andachten in der Wendelinuskapelle bei Trulben, Vorträge in Pirmasens, Begegnungstreffen in Hauenstein. "Es gibt Orte, da haben wir zehn Mitglieder, aber auch Orte, an denen nur ein Mitglied lebt, doch auch da fahren wir hin", fährt Harald fort. An Pfarreigrenzen halte man sich dabei nicht. "Wir gehen dorthin, wo die Kolpinger sind." Die Kolpingsfamilie setzt damit schon um, was auf Pfarreiebene angestrebt wird, Zusammenarbeit im kirchlichen Bereich über die Ortsgrenze hinaus.

Die Kolpingsfamilie Dahn e.V. hat 120 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Speyer. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 50 Kolpingsfamilien an, in denen es 5.447 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Dahn


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.