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Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes

Durch Sprache wird das Denken bestimmt, aus dem Denken schafft der Mensch seine Realität. Die Bundesversammlung hatte im November 2021 bereits einen entsprechenden Orientierungsbeschluss des Bundesvorstandes zur geschlechtersensiblen Sprache zur Kenntnis genommen.

Der Orientierungsbeschluss des Bundesvorstandes greift damit ein Anliegen der Kolpingjugend auf, im Kolpingwerk Deutschland u.a. das Bewusstsein für die Verwendung einer geschlechtersensiblen Sprache zu fördern. Dieser Beschluss versteht sich als Grundlage für einen innerverbandlichen Diskussions- und Sensibilisierungsprozess zum Thema „Geschlechtergerechtigkeit“.

Der Bundesvorstand hat in seiner Sitzung am 10./11. Dezember 2021 den jetzt vorliegenden Orientierungsbeschluss überarbeitet.  Mit dem jetzt vorliegenden und nachfolgend publizierten Orientierungsbeschluss unter dem Titel „Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes – Geschlechtergerechtigkeit im Kolpingwerk Deutschland fördern und verankern“ werden alle Mitglieder sowie Gliederungen unseres Verbandes eingeladen, sich mit auf den Weg zu mehr Geschlechtersensibilität und -gerechtigkeit zu machen.

 

Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes – Geschlechtergerechtigkeit im Kolpingwerk Deutschland fördern und verankern
(Ein Orientierungsbeschluss)

„Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich: denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28)

Nach biblischem Verständnis ist der Mensch als Mann und Frau geschaffen: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.“ (Gen 1, 27). Humanwissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte zeigen jedoch sehr deutlich, dass diese binäre Vorstellung nicht der biologischen Wirklichkeit entspricht. Der Mensch und seine Geschlechtlichkeit sind vielfältiger. Es gibt Menschen, die auf Grund von hormonellen, anatomischen oder genetischen Gründen nicht in die beiden Kategorien weiblich und männlich einzuordnen sind, zum Beispiel intersexuelle Menschen.

Von dem biologischen Geschlecht eines Menschen (engl. „Sex“) unterscheidet sich das soziale Geschlecht (engl. „Gender“). Damit wird die eigene Geschlechtsidentität und die damit verbundene Selbstwahrnehmung beschrieben. In diese fließen auch die an das Individuum gestellten stereotypischen Erwartungen an das bei der Geburt zugeschriebene biologische Geschlecht ein, welche das eigene Verhalten und Handeln beeinflussen. Diese persönliche Wahrnehmung des sozialen Geschlechts kann sich aber durchaus vom biologischen Geschlecht unterscheiden. Sex und Gender sind demnach nicht dasselbe und auch nicht immer binär eindeutig. Genauso wie das biologische Geschlecht vielfältig ist, ist auch das soziale Geschlecht nicht auf zugeschriebene Rollenbilder und gesellschaftliche Erwartungen an ein „typisches“ Verhalten von Mann und Frau begrenzt. Es soll deshalb allen Menschen möglich sein, ihr soziales Geschlecht selbst zu bestimmen. Das Bewusstsein der eigenen Identität sollte dabei nicht in Frage gestellt werden.

In der katholischen Kirche sind diese wissenschaftlichen Erkenntnisse teilweise immer noch strittig und werden als Gegensatz zur kirchlichen Lehre gesehen. Das Kolpingwerk erwartet vom Lehramt der katholischen Kirche, sich den Erkenntnissen der Geschlechterforschung zu stellen, sie anzuerkennen und zur Grundlage einer allen Menschen zugewandten Pastoral zu machen. Denn: Alle Menschen sind Ebenbilder Gottes. Allen Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, muss die gleiche Wertschätzung zuteilwerden.

Der Mensch im Mittelpunkt

„Die Prinzipien Personalität, Subsidiarität und Solidarität der katholischen Soziallehre geben Orientierung für eine soziale Ordnung, die dem christlichen Menschenbild entspricht.“ (Leitbild des Kolpingwerkes Deutschland, (30))

Adolph Kolping war in seinem Handeln Seelsorger und Sozialreformer zugleich. Wie er nehmen wir die heutige Lebenswirklichkeit von Menschen wahr. Gerade in den letzten Jahrzehnten haben sich die Rollenbilder von Mann und Frau und die Lebensentwürfe der Menschen in unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft tiefgreifend verändert. Als katholischer Verband setzen wir uns ganz im Sinne Adolph Kolpings und dem christlichen Menschenbild entsprechend für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung ein. Dies hat immer auch genderbezogene Aspekte. Unsere Wertschätzung für alle Menschen wollen wir dabei zukünftig noch stärker in unseren Worten und unserem Handeln ausdrücken. Dabei ist uns wichtig, unbegründete Ängste abzubauen, zu sensibilisieren und aufzuklären und keine ideologisch aufgeladenen Debatten zu führen. Wir heißen deshalb in unserer familienhaften Gemeinschaft Menschen mit allen Geschlechtsidentitäten willkommen und stellen uns bewusst gegen bestehende Diskriminierungen in Gesellschaft und Kirche.

Das Kolpingwerk wird Bewusstseinswandel aktiv gestalten

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ (Ludwig Wittgenstein, Philosoph (1889-1951), Tractatus logico-philosophicus, Satz 5.6)

Durch Sprache wird das Denken bestimmt, aus dem Denken schafft der Mensch seine Realität. Wir möchten einen sensiblen Sprachgebrauch etablieren, damit eine Haltung wachsen kann, die alle Geschlechter gleichermaßen wertschätzt. Ein binäres Sprachsystem, das nach typisch männlich und typisch weiblich kategorisiert, baut Blockaden auf, durch die Menschen, die sich nicht in das binäre Geschlechtersystem einordnen können und wollen, nicht erfasst und somit ausgeschlossen werden. Wie wir kommunizieren, ist deshalb ein wichtiger Aspekt. Sich für Geschlechtergerechtigkeit einzusetzen bedeutet jedoch mehr. Geschlechtergerechtigkeit zu fördern und umzusetzen betrifft alle Bereiche des Kolpingwerkes Deutschland: Verbandliches Miteinander und Wirken, Programmatik und Satzungen, Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit, bis hin zu Personalfragen. Zur Erreichung dieser Ziele wird das Kolpingwerk Deutschland:

  • Im Verband ein Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit fördern und weiterentwickeln sowie in unserem Handeln verankern. Dafür werden wir Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung und Orientierung entwickeln und anbieten.
  • Im Verband einen geschlechtersensiblen Sprachgebrauch in Wort und Bild etablieren, der Ausdruck von Gleichberechtigung und von einer wertschätzenden, integrativen, sozialen und offenen Haltung gegenüber allen Menschen ist.
  • Im Verband auf eine geschlechtergerechte Besetzung von Ämtern und Stellen zu achten.

Empfehlungen zur Umsetzung:

Die vorliegenden Empfehlungen dienen als Orientierung für eine mögliche Umsetzung:

  • Bewusstseinsförderung: Um im Verband ein Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit zu fördern, wird das Kolpingwerk Deutschland themenorientierte Fachtagungen durchführen und eine Handreichung zur Verfügung stellen.
  • Bildsprache: Die Verwendung von Bildern in Publikationen und Präsentationen kann Aussagen verstärken und Texte verständlicher machen. Sie kann aber auch Klischees reproduzieren und Menschen ausgrenzen. Wir wollen die Vielfalt unseres Verbandes deshalb auch in unserer Bildsprache abbilden. Deshalb achten wir darauf, dass diese frei von Diskriminierungen und Stereotypen ist, indem wir
    o stereotype Darstellungen durchbrechen (z.B. Männer auch mit Kindern darstellen und Frauen in erklärenden Rollen)
    o Vielfalt sichtbar machen
    o Hierarchien vermeiden: Die Positionierung der Personen im Bild kann darüber entscheiden, ob jemand kleiner wirkt oder in den Hintergrund rückt.
  • Schreibweise im Schriftverkehr sowie in allen verbandlichen Medien: Unserem Anliegen, Geschlechtergerechtigkeit im Kolpingwerk zu fördern und zu verankern, können wir auch durch unsere Schreibweise Ausdruck verleihen. Um dies umzusetzen und gleichzeitig die Lesbarkeit und Lebendigkeit unserer Texte zu erhalten, können wir auf verschiedene und flexible Formen für eine wertschätzende und gerechte Sprache zurückgreifen. Hierzu können gehören:
    o geschlechtsneutrale Formulierungen (z.B. „Feuerwehrleute“, „Lehrkräfte“),
    o substantivierte Partizipien (z.B. „Mitarbeitende“ statt „Mitarbeiter“),
    o syntaktische Lösungen (z.B. „Es haben 25 Personen teilgenommen“ statt „Es gab 25 Teilnehmer“)
    o alternative Formulierungen („alle, die“ statt „jeder, der“)
    o Verben oder Adjektive statt Substantive verwenden (z.B. „ärztlicher Rat“ statt „Rat eines Arztes“)
    o direkte Anrede („Bitte melden Sie sich an“ statt „Besucher müssen sich anmelden“)
    o Relativsätze („Wer Fahrrad fährt, sollte einen Helm tragen“ statt „Fahrradfahrer sollten einen Helm tragen“)
    o Alternativ und in Fällen, in denen eine Umformulierung nicht möglich ist, können Sonderzeichen verwendet werden, z.B. ein Doppelpunkt, das Gender-Sternchen, oder der Unterstrich. Das Binnen-I gehört nicht zu den entsprechenden Sonderzeichen.

Alle Verantwortlichen bemühen sich in allen verbandlichen Medien / Publikationen im Kolpingwerk Deutschland um eine geschlechtergerechte Sprache. Auch weiterhin besteht ein besonders hoher Anspruch an die Lesbarkeit und Verständlichkeit der Texte.


Bild: Maria Zalfen-Lenz