So sind wir

"70 Prozent unserer Gäste kommen regelmäßig"

Das "Café Miteinand" der Kolpingsfamilie Waldershof bietet eine Begegnungsstätte für Jung und Alt. Generationen treffen auf andere Generationen, erfahren sich als Weggemeinschaft. Das Motto lautet: "Keinen ausschließen, alle zusammenbringen."

Sechs Biertische, 40 Leute, zig Luftballons. Auch Petra und Günther und Ulli und Julianne sind ins "Café Miteinand" gekommen, zwei ältere Ehepaare, die nicht zum ersten Mal da sind. Weil's hier immer so schön ist, sagen sie. Und so gemütlich. Und weil das Essen so gut schmeckt. "Alles ist selbstgemacht", sagt Petra, die aus einem Glas löffelt, das mit Obazda gefüllt ist, einer bayerischen Käsecreme. "Wir lesen vorher immer in der Zeitung nach, was es zu essen gibt", erzählt Julianne. Vor einigen Monaten habe es Mujaddara und Hummus mit Fladenbrot gegeben, ein anderes Mal Waffeln "mit allem Möglichen drauf", wieder ein anderes Mal griechische Spezialitäten. "So was wie hier, das ist schon einmalig", sind sich die vier einig. Viele Möglichkeiten, woanders essen zu gehen, gibt es im oberpfälzischen Waldershof mit seinen gut 4.700 Einwohnern, inklusive der eingemeindeten Dörfer, ohnehin nicht. "Einer der letzten Wirte am Ort hatte neulich einen Herzinfarkt", berichtet Christian Kastner, Vorsitzender der Kolpingsfamilie Waldershof, die das "Café Miteinand" betreibt und auch am heutigen Spätjunitag ihre treuen Besucher hat. "70 Prozent unserer Gäste kommen regelmäßig.

Geöffnet ist alle vier Wochen, immer am letzten Freitag im Monat, von 15 bis 19 Uhr, je nach Stimmung der Gäste auch länger, mitunter bis 23 Uhr. Viele sagen, warum bietet ihr das nicht öfter an, zwei oder drei Mal pro Monat, das wäre toll. Entlang der Hauptstraße, die durch das Städtchen führt, weist ein selbst gemaltes Schild auf das Café hin, das man nicht so ohne Weiteres finden würde, denn es liegt versteckt, im Hinterhof des Alten Rathauses. Der Zugang führt über eine Auffahrt, die sonst die Anwohner nutzen, um in die Garagen zu fahren. "Wenn Cafébetrieb ist, dann lassen sie ihre Autos an der Straße stehen", sagt Christian. Auch das zeige: "Wir sind willkommen." Die Kolpinger erleben ohnehin selten, dass sie auf Ablehnung stoßen. "Man könnte sagen, dass wir so etwas wie der Motor der Stadt sind", so Christian. Mehr als 50 Veranstaltungen würde man pro Jahr etwa anbieten. "Manchen sind wir vielleicht zu aktiv", räumt er ein. Aber jedem könne man es sowieso nicht recht machen.

Sicher vieles richtig gemacht hat man, wenn man aus einer Idee plus viel, viel Engagement einen Ort schafft, der, wie es Christian nennt "eine Begegnungsstätte für Jung und Alt" ist. Getreu eines Leitbildes der Kolpingsfamilie: Generationen treffen auf andere Generationen, erfahren sich als Weggemeinschaft. "Keinen ausschließen, alle zusammenbringen", formuliertes Christian. Am Anfang stand die Frage: Wie können wir diesen Gedanken umsetzen? Um die Jugendarbeit weiterzuentwickeln, wurden Jugendliche zwischen 12 und 18 mit dieser Aufgabe betraut. Zunächst musste überlegt werden: Wo treffen? Schnell war klar: Die Mehrzweckhalle des Alten Rathauses, gefragt auch als Partyraum, wäre geeignet. Allerdings müsste man, auch das war klar, ordentlich anpacken, um die Location auf Vordermann zu bringen. Düster, abgenutzt sah damals aus, was heute ein helles, sauberes, atmosphärisches Café ist.

700 Stunden investiert

In drei Arbeitsgruppen aufgeteilt machten sich um die 20 Jugendliche Gedanken, wie der Raum gestaltet wird, wie das Programm aussieht und wie der Café-Betrieb ablaufen sollte – denn dass es ein gastronomisches Projekt werden sollte, stand schnell fest. Für die Renovierungsarbeiten wurden sämtliche Ärmel hochgekrempelt. Tische, Stühle und Barhocker wurden in Einzelteilen geliefert und mussten geschraubt und verleimt werden. Eine Theke wurde eingerichtet, die Wände mit Holz verkleidet, orangefarbene Akzente gesetzt. Und immer wieder hieß es: putzen, putzen, putzen. Inklusive aller weiteren Arbeiten investierten alle Beteiligten um die 700 Stunden in Vorbereitung und Aufbau – und verewigten sich am Schluss an einer weißen Wand mit einem bunten Händeabruck. Die benötigten Gelder in Höhe von 7.500 Euro kamen mit 6.000 Euro von der Stadt, der Rest aus der Kolpingkasse. Der laufende Betrieb soll, so das Konzept bis heute, lediglich die Kosten decken und keine Gewinne erwirtschaften, die Preise sind "jugendfreundlich" gehalten. Auch anderswo konnte man mit der Umsetzung der Idee bereits überzeugen: seit seiner Eröffnung im Mai 2010 hat das "Café Miteinand" einige Preise gewonnen, unter anderem den Kolping-Preis des Diözesanverbandes Regensburg.

Miriam und Katharina, beide 16 Jahre alt, beide in orangefarbenen T-Shirts, begrüßen lächelnd die Gäste, die draußen an den Biertischen sitzen. An diesem spielfreien Tag sind die meisten, trotz frühen Ausscheidens der deutschen Fußballnationalmannschaft, weiterhin in WM-Laune. "Jetzt erst recht", steht auf der Speisekarte, wer Kuchenhunger hat, kann wählen zwischen Trikotkäsesahne, Fußballzupfkuchen und Schlandobstkuchen. Die Nationalfahnen der mitwirkenden Länder sind an einer Schnur befestigt, die quer über den Hinterhof gespannt ist, und bewegen sich im leichten Wind.

Dinos nur im Hintergrund

Buben und Mädchen schießen auf eine aufgestellte Torwand, Eltern und Großeltern trinken Kaffee und Cappuccino. Am Buffet wird bereits das Fingerfood vorbereitet, das ab 17 Uhr angeboten wird, noch bedecken es Folien. Hinter der Theke stehen unter anderem Inge und Werner Greger und geben die Getränke aus. "Wir sind die Dinos", sagen sie lachend. Und erklären: "Die Verantwortung liegt bei den Jugendlichen, wir werkeln nur im Hintergrund." Über eine Treppe geht es in den früheren Partyraum, der Innenraum des Cafés, der an einem Tag wie heute, mit viel Sonne an einem fast wolkenlosen Himmel, so gut wie leer steht. Nur zwei Mädchen, die elfjährige Lilia und ihre Freundin Leni haben sich auf das Podest zurückgezogen und ordnen und legen Plättchen, um "Das verrückte Labyrinth" spielen zu können.

Miriam holt einige Getränke von der Theke ab, um sie nach draußen zu bringen. Es geht auf den Abend zu, ihre Schicht könnte heute länger dauern, wie so oft im Sommer, auf den Bierbänken rücken die Gäste immer mehr zusammen, damit auch die Neuankömmlinge Platz haben. Wenn Miriam und Katharina, die seit etwa fünf Jahren im "Café Miteinand" kellnern, am Ende ihrer Schicht das Geld zusammenrechnen, sind immer ein paar Euro Trinkgeld übrig. "Es macht Riesenspaß, hier zu arbeiten, und es ist toll, ein bisschen Geld dafür zu bekommen", sagen sie. Eigentlich sollten, so hatte es sich Christian vorgestellt, die Jugendlichen rein ehrenamtlich arbeiten. Doch das habe die Motivation nicht unbedingt erhöht. "Nach zwei Jahren haben wir dann gesagt, okay, das Trinkgeld dürft ihr behalten", erzählt er. Das sei eine gute Entscheidung gewesen. "So ganz ohne Kohle, das zieht einfach nicht", fasst er zusammen. Auch sonst habe er viel dazugelernt. "Ich wusste anfangs nicht, worauf ich mich da eigentlich einlasse." Denn auch die Bürokratie war nicht ohne, eine Gaststättenlizenz musste erworben werden, außerdem reden Berufsgenossenschaft und Gesundheitsamt mit und das Finanzamt kommt mit seinen Forderungen.

Dass sich all die Mühen gelohnt haben, steht außer Frage. "Das Team ist eingespielt, auf jeden ist Verlass, die einen kochen und backen, andere helfen im Café mit, man muss niemandem nachrennen", sagt Carolin Kellner. Pro Monat gebe es eine Gruppe von Verantwortlichen, die sich bei der Planung das Thema überlegt haben und es umsetzen, wenn sie dran sind. So erwartet die Gäste beispielsweise im Oktober unter dem Motto "Wald & Wild" ein Nachmittag mit Kuchen und Gebäck mit heimischen Beeren und am Abend Wild- und Waldspezialitäten. Dazu werden Spiele angeboten, Holzspiele, Waldspiele. Weil es vor allem die Jugendlichen sind, die mitanpacken, hat die Jugendarbeit der Kolpingsfamilie Waldershof eine entsprechende Außenwirkung, die auch neue, junge Mitglieder anzieht. "Um den Job als Kellner reißen sich inzwischen bereits Siebenjährige", berichtet Carolin. Und auch die, die mit Kolping nicht so vertraut sind, ob jung, ob alt, würden über das "Café Miteinand" mit Kolping in Berührung kommen. "Wobei es am Ende für die meisten zählt, hier einfach Gemeinschaft zu erleben."

Die Kolpingsfamilie Waldershof hat 114 Mitglieder. Sie gehört zum Diözesanverband Regensburg. Dem Diözesanverband gehören insgesamt 150 Kolpingsfamilien an, in denen es 18.752 Mitglieder gibt.

Text: Sylvie-Sophie Schindler
Fotos: Kolpingsfamilie Waldershof


Dieser Beitrag ist auch erschienen im Bildband "So sind wir! 27 Einblicke in Kolpingsfamilien vor Ort", 192 Seiten, Format: 19 x 25,5 cm, Artikel-Nr: 1027, Preis: 12,95 EUR.