Geistlicher Impuls Bundesebene

Wozu brauche ich Gott?

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Weihnachtsfest

Gott geht diesen Weg: Er wählt die kleinen Leute. Maria und Josef werden durch Gott in sein Heilsgeschehen einbezogen. Deswegen die Geburt unterwegs, wie es eben bei den kleinen Leuten so ist, die von den Mächtigen umhergetrieben werden. Die Steuerlisten sind wichtiger als die Rücksicht auf eine schwangere Frau. Deswegen die Krippe und der Stall und nicht der Königsthron und der Palast. Deswegen die Hirten, die armen Leute, die mit ihren Herden den Stall und das Umherziehen teilen, und nicht die Schriftgelehrten und die Frommen in Jerusalem.

Gott weiß, wohin er gehört: auf die Seite derer, die sonst keine Chance haben, es sei denn durch ihn. Gott ist unterwegs zu Hause, nicht erst am Ziel. Gott ist unterwegs, inmitten dieser Welt, an jedem Ort, bei allen Menschen – ohne Macht und Einfluss ist er unterwegs und doch mit größter Wirkung.

Eine Frage an Weihnachten könnte lauten: Wozu brauche ich Gott?

Vielleicht können wir diese Frage so beantworten: Gott braucht mich für die Welt, für die Menschen, für seine Botschaft der Liebe, der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, die durch uns Hände und Füße in der Welt bekommen kann. Dazu mutet uns Gott einiges zu für diese Welt! Was erkenne ich an diesem Jesus, um dessentwillen ich mich ihm anschließe? Was ist mir so wichtig an ihm? Was ist meine Überzeugung, mein Glaube?

Die Krippe stellt uns also die eigentliche Weihnachtsfrage: Was bedeutet mir der Glaube?

Ich antworte: Glaube ist ein Verhältnis, ein Verhältnis zwischen Gott und Mensch, zwischen Jesus Christus und mir! Glaube ist eine Beziehung, ein Dialog, eine Lebensentscheidung. Wird unser Glaube langsam und schleichend zu einem verschämt ausgeübten Hobby einiger weniger, aber öffentlich und gesellschaftlich immer unbedeutender? Kann endloser Konsum Bedürfnisse stillen? Kann die Beschäftigung mit allem – nur nicht mit Gott – wirklich Ängste vertreiben? Ein Lebensmodell ohne Religion erzeugt geistige Leere! Der Populismus verstärkt entstehende Ängste und nutzt sie aus. Wer von Angst geprägt wird, greift zu Gier, Lüge, Gewalt. Feindbilder dienen der Abgrenzung und der Verkleisterung eigener inhaltlicher Leere.

Wenn Jesus sich auf die Seite der Armen und Unterdrückten stellt, der Ohnmächtigen und Gefangenen, auf die Seite derer, die keinen Namen in dieser Welt haben, keine Macht und kein Ansehen, dann will er nicht deren Elend beschönigen, sondern es aufbrechen. Er stellt sich an die Seite der kleinen Leute. Der kleinen Leute? Wer ist das? Vielleicht – auch ich selbst? Menschen, die ihre Probleme haben, Menschen, die leiden, aber es sind auch diejenigen, die suchend und fragend sind. Menschen, die verfolgt, verletzt, missbraucht werden ... jeder von uns kann das sein ... mit meinem Leben ... hinter meinen aufgebauten Fassaden ...

An der Seite dieser Menschen ist der bevorzugte Platz Gottes.

Wir brauchen keine autoritären Führer in der Welt, die Menschen vereinnahmen oder Religion für ihre Zwecke instrumentalisieren. Wir brauchen keine Fundamentalisten, die Gewalt im Namen der Religion ausüben und dies noch mit einem Wertesystem begründen.

Die Krippe ist ein Bild für wirkliche Moral, für die Würde eines jeden Menschen, ein Zeichen für den so notwendigen Frieden.

Ja, Religion wird weniger. Dieser säkulare Trend wird, zumindest in West-Europa, wohl nicht zu stoppen sein. Und doch bleibt Religion eine starke und konstruktive Kraft für jede Gesellschaft. Eine Gesellschaft ohne Gott trägt kaum zur Sinnstiftung bei. Woher kommen Werte und Überzeugungen? Der säkulare Staat braucht die Werte, für die Religion steht.

Was ist mein Glaube an diesem Weihnachtsfest?

Der Glaube erfüllt und trägt, auch durch Lebenskrisen hindurch. Er gibt Hoffnung im Leid. Weil der Glaubende immer eine Zukunft sieht, befreit ihn der Glaube vom Druck, auf Erden in knapper Zeit nur genießen zu müssen. Durch Vertrauen in einen Sinn des Lebens und in eine vom Menschen unabhängige Wahrheit befreit der Glaube von Ängsten. Wer glaubt, nimmt jeden Menschen an – ohne Ausnahme – und stiftet Gemeinschaft und Sinn. Er praktiziert interkulturellen Austausch, hängt weniger an der Macht und gewährt angstfrei Gastfreundschaft und beteiligt Andere. Der Glaube schafft Symbole und Rituale, die sinnlich ansprechen und zugleich nach oben verweisen, auf Transzendenz, auf Gott. Wer glaubt, hat Identität und braucht sich weniger abzugrenzen: national oder kulturell, sozial oder religiös. Wer glaubt, erkennt die Grundrechte aller Menschen – als Geschöpfe des einen Gottes – an und verteidigt sie.

An Weihnachten muss uns klarwerden:

Es ist ein schwaches Kind, das uns stark macht, ein armes Kind, das uns reicht macht, ein Sklavenkind, das uns freimacht. Deswegen freuen sich die Hirten, denn sie spüren: In dem Reich dieses Kindes sind sie angenommen, sind sie Mensch, wird ihre Sehnsucht erfüllt nach einem menschlichen, reichen Leben. Durch dieses Kind wird ihre Menschenwürde wiederhergestellt. Wir erleben diese Freude der Hirten heute bei allen – auch unter uns – denen der Glaube Halt und Hoffnung gibt. Bei denen, die Jesus als ihren Herrn und Gott feiern. Er gibt uns allen Mut zum Leben; er gibt uns Würde, Kraft und Zuversicht.

Das Weihnachtsfest kann uns wieder neu einladen, die Kraft und den Sinn solchen Glaubens zu entdecken. Jesus ist den Menschen nahe. Das feiern wir.

Wenn wir die Botschaft der Krippe verstehen, kann sich unsere Weihnachtsfreude nicht in den Weihnachtsgeschenken und im Weihnachtsurlaub erschöpfen. Wenn wir Einsicht und Erkenntnis haben, können wir nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Wenn wir ihn finden, wird der Glaube unser Leben und unseren Alltag prägen und bereichern. Der Glaube will gelebt sein, und die Geburt unseres Heilandes verlangt unsere Antwort.

Es ist Weihnachten. Gott ist unterwegs zu Hause, nicht erst am Ziel.

"Wozu brauche ich Gott?" So habe ich am Anfang gefragt. Ich brauche ihn für mein Leben, für mein Handeln in dieser Welt, für meinen Umgang mit den Nächsten, für meine Entscheidungen, für mein Herz, für meine Menschlichkeit. Es ist Weihnachten. Ich glaube diesem Gott. Ich glaube an diesen Gott.

Die Verwandlung der Welt beginnt heute – mit mir. Gott wird Mensch. Gott sei Dank. Es ist Weihnachten.


Bild: Patrick Schneider on Unsplash


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