Bundesebene Geistlicher Impuls

„Wo bist du?“, so fragt Gott.

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Die heutige Lesung aus dem Buch Genesis wurde als Geschichte mit dem Apfel oft belächelt. Doch ist sie ein Text, der in seinen Bildern beladen ist mit vielen Erfahrungen und Reflexionen, die hier konfrontiert sind mit dem Licht und der Wirklichkeit Gottes. Es kann uns nur guttun, die Erzählung als Spiegel zu sehen, die Frage Gottes zu hören und die Praxis der Menschen (und unsere eigene) darin zu betrachten.

Vor uns stehen, wie immer, Menschen, die versuchen, in der anvertrauten Welt, im „Gottesgarten“, in Eigenregie zu schalten und zu walten, autonom "gut und böse" abzuschätzen und zu bestimmen; Menschen, die dabei ihr Scheitern, ihre Armut und Hilflosigkeit, ihre Nacktheit erfahren haben und sich nun mit diesem ihrem Scheitern angstvoll zu verstecken suchen - vor dem Herrn des Gartens, vor sich selber, nicht wissend wohin!

Die Frage Gottes an den Menschen: „Wo bist du?“ rührt an den Grund. Sie trifft ins Herz. Die Frage nach dem „Ort“ Adams in dieser Situation ist Chance und Angebot. Sie möchte aus dem Versteck holen, die Flucht unterbrechen, einladen stehenzubleiben, vor Gott, dem Herrn des Gartens und seinen Ort zu finden. Die Frage nach der Tat des Ungehorsams, die ein Vertrauensverhältnis zerbrochen hat, ist auch eine Frage, die die Verantwortung des Menschen für sein Tun ganz ernst nimmt. Diese Verantwortung ist eingefordert. Die Frage: „Was hast du getan?“ lässt auch dem Schuldiggewordenen seine Würde, weil sie von ihm etwas erwartet.

Doch Menschen pflegen - so erleben wir in Genesis - die Chance der Frage: innezuhalten und sich seinem Tun und seinem Gott zu stellen, erfahrungsgemäß zu ignorieren. Was passiert, ist immer wieder diegroße Entschuldigungsgeschichte Adams, der Menschen, das Weiterspielen der Frage Gottes an andere, die Suche nach Sündenböcken: die Frau ... die Schlange ... Dieses Spiel gibt es auf allen Ebenen: in Kirche und Gesellschaft, aber auch bei jedem von uns höchst privat. Es ist gewiss schwierig, den Fragen Gottes standzuhalten; allein dieses Standhalten könnte aber auch dem Prozess gegenseitigen Beschuldigens, dem fortschreitenden Zerfall menschlichen Miteinanders Einhalt gebieten. Denn Gottes Wirklichkeit wäre der Ort, wo man Schuld hintragen und auch abladen kann, wo neuer Anfang geschenkt wird.

Gott bestätigt in diesen Versen aus Genesis keine der Entschuldigungen von Mann und Frau. Er macht vielmehr nochmals und unmissverständlich deutlich, dass die gebrochene Wirklichkeit im Gottesgarten der Welt mit dem Tun des Menschen - vor allem mit seinem Verhalten mangelnden Vertrauens - zu tun hat. Die Feindschaft mit der Schlange, einem Geschöpf, das mit dem Schuldigwerden des Menschen zu tun hat, reicht hier weit über die instinktive Angst des Menschen vor Schlangen hinaus. Es geht um die Auseinandersetzung mit dem Bösen in vielen Formen und Gestalten, die hier noch keineswegs festgelegt oder geklärt sind, um eine Auseinandersetzung, die ernst ist; über der aber auch wenigstens verhalten und von ferne für den schuldigen Menschen ein Wort der Hoffnung steht. Es ist die Verheißung, dass der Kampf nicht aussichtslos ist, dass den Nachkommen die endgültige Überwindung des Bösen, der tödliche Tritt nach dem Kopf der Schlange gelingen wird. Die Hoffnung auf eine Geschichte des Segens klingt an, die mit Abraham einsetzt und von der wir glauben, dass sie in Jesus Christus, in seinem Sieg über das Böse, die große Erfüllung gefunden hat.

„Wo bist du?“, so fragt Gott. Unsere Bereitschaft, auf diese Frage Gottes an Adam zu hören, ist der entscheidende Schritt, die Kette der Schuld und der Beschuldigungen zu unterbrechen, das Böse aus der Welt zu schaffen und Gottes Macht und Güte in dieser Welt neu Raum zu geben. Fangen wir doch damit an.

 

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Bild: jeffcacobs1990 auf pixabay.com