Geistlicher Impuls Bundesebene

Wir sehen und sehen doch nicht

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Die Worte Jesu im Evangelium setzen an bei dem Urbedürfnis von uns allen: erwachsen und reif zu sein, etwas gelernt und erlebt zu haben, um mit diesem Erfahrungsvorsprung helfen zu können. Das spricht Jesus an. Und dass es darum geht, wer wen wohin führt, wird erläutert: “Der Jünger steht nicht über seinem Meister.”

Allerdings, mit dem Führen und dem Geführtwerden ist es so ein Problem. Nicht, dass wir das Geführtwerden nicht bräuchten. Wer weiß nicht davon zu reden, hilflos und ratlos vor großen Aufgaben und Entscheidungen zu stehen.

Geraten wir nicht immer wieder in Situationen, in denen wir uns wie "blind" vorkommen, in denen wir uns wünschen, dass da einer ist, der mit seinem Wissen und seiner Einsicht uns Sicherheit und Vertrauen schenkt? Der Wunsch ist da, Hilfe zu empfangen, und natürlich auch umgekehrt: helfen zu können, weil wir spüren, da steht jemand an einem Punkt, an dem wir auch einmal standen. Wir entdecken die Ähnlichkeit fremder Lebenssituationen mit jenen aus unserem früheren Leben. Was an uns geschehen ist, was wir gelernt haben, wie wir die Krise bestanden haben, das wollen wir weitergeben!

In dieses Geschehen fällt die Frage Jesu: Kann ein Blinder einen Blinden führen? Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht?

Die Frage ist so treffend, weil sich mit einem Male beide gleichen: der Helfende und der, dem geholfen werden soll. Dabei bleiben beide gleich bedürftig. Beide können sich nicht weiterhelfen, sondern enden miteinander in der Grube, also genau dort, wovor sie sich ursprünglich gegenseitig bewahren wollten.

Und nun? Nicht das Helfen wird kritisiert, sondern der bisherige Blick wird eingeschränkt. Jesus kritisiert nicht, dass wir die Mängel und Fehler der Mitmenschen sehen und beachten. Das gehört zum Zusammenleben. Das ist ein Gesetz unseres Menschseins, dem wir nicht entrinnen und vor dem wir die Augen nicht verschließen können. Aber wie gehen wir damit um? Wie fühlen wir uns, wenn wir uns an den Schwächen unseres Nachbarn, unseres Ehepartners oder Freundes stoßen und reiben? Für Jesus ist dies weniger ein Moment, um vor Anderen aufzutrumpfen oder uns besser zu fühlen, sondern er bietet vielmehr die einmalige Chance, zu einer tieferen Selbsterkenntnis zu gelangen. Der Arbeitskollege oder Nachbar wird so zum Spiegel meines inneren und verborgenen Lebens.

Im Blick weg von mir, über den Anderen und durch  den Anderen hindurch finde ich zu mir selbst, trete ich in mein eigenes und persönliches Herz ein. Denn das, was mich beim Anderen so sehr aufregt und belastet, das hat vor allem mit  mir zu tun. Wo ich mich beim Anderen wundreibe, das ist betont mein wunder Nerv. Was ich beim Anderen spüre, ist nur die Spitze des Eisberges von dem, was mich bewegt und beschäftigt, was oft tief drinnen, in den untersten Schichten unbemerkt wirkt und  lebt. Im  Anderen steckt  lediglich der kleine Splitter. Er hinterlässt eine kleine Verwundung, anders als der Balken bei mir.

Die Fehler des Anderen als Heilmittel für uns selber? Ist dies das neue Rezept Jesu? Die fremden Fehler, sind sie die Dornen, die unsere Haut aufritzen, die Stachel, die das bloßlegen, was unter der Kosmetik, hinter unserer oft so schönen Fassade versteckt liegt? Gerade dieser Konflikt soll und will das Verborgene in uns bloßlegen. Deshalb können wir aus dem Wort Jesu noch mehr herauslesen.

»Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders ...?" Nicht das Sehen ist das Verkehrte – davor können wir uns nicht bewahren, wenn wir nicht geschlossenen Auges durch die Welt gehen wollen. Nicht um das Hinsehen auf den Bruder geht es, sondern um die Blindheit vor uns selber. Wir sehen und sehen doch nicht. Wir schauen hin und entdecken doch nicht. Denn das Eigentliche, das es zu sehen gibt, die eigentliche Welt, erschließt sich allein durch die Begegnung in uns selbst.

»Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders?« Können wir diese Frage nicht noch weiter auslegen? Gilt es nicht, das zu entdecken, was uns eint? Gilt es nicht so hinzusehen, dass wir das Bindende und Tröstende zwischen uns Menschen erspüren und daran glauben – glauben trotz allen Mißtrauens und trotz aller Enttäuschung?

Der Zorn über den Splitter im Anderen verrät den Balken im eigene Auge. Aber der andere, trotz seiner eventuellen Mängel, Charakterfehler und  Schwächen, wird zum Anruf,  in uns hineinzuschauen und uns selber zu prüfen, wie es um uns steht. Erst dann und nur dann gilt die Aufforderung, zu retten, zu verbinden, das herzuschenken, was Gott in unser Herz eingepflanzt hat.


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