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Wenn du vergibst, statt zu richten!

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum 5. Fastensonntag

Am Bronzeportal der Beichtkapelle von Kevelaer findet sich die dramatische Szene des heutigen Evangeliums im Bild festgehalten. Die verzweifelte, hilflose Frau mit aufgelösten Haaren, die Hände erhoben zur Abwehr der zu erwartenden Steine, zum Schutz ihres Gesichtes, das schon vom drohenden Tod überschattet ist. Vor ihr Jesus, er beugt sich zur Erde nieder und schreibt in den Staub. Er wendet sich ab von den hinter seinem Rücken sichtbaren, wutentbrannten Menschen, die schon Steine in ihren Händen haben, bereit zum Wurf auf die Frau. Geballte Faust, verzerrte Gesichter, hämische Blicke, verurteilende, ausgestreckte Finger: Die da, die haben wir erwischt! Was sagst du nun dazu?!„

Er aber sagt nichts, sondern schreibt in den Sand. Weder schaut er die Frau an, noch würdigt er die Menge eines Blickes. Was schreibt er da eigentlich in den Staub? Eine Anklageschrift gegen die des Ehebruchs überführte Frau? Schreibt er ihre Schuld in den Sand, damit die Schrift vom nächsten Windstoß verweht werden soll? Schreibt er ein Wort für die Schriftgelehrten und Pharisäer? Sie müssten den Spruch kennen: „Wer einen Stein hochwälzt, auf den rollt er zurück“ (Spr 26, 27 ). Manche Künstler lassen Jesus die Worte schreiben: „Terra terram accusat - Die Erde klagt die Erde an“ oder „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mt7, l ) oder „Darum bist du unentschuldbar - wer du auch bist, Mensch - wenn du richtest“. Denn worin du den andern richtest, darin verurteilst du dich selbst, weil du, der Richtende, dasselbe tust“ (Röm 2, l ).  

Die offiziellen Vertreter von Religion und Moral wollen Jesus eine Falle stellen. Sie meinen, ihn in ein unentrinnbares Dilemma geführt zu haben mit ihrer Frage: „Das Gesetz ist so, was sagst du dazu?“

Wenn er für die Frau eintritt, stellt er sich gegen das Gesetz. Wenn er das Gesetz bestätigt, verleugnet er seine Liebe zu den Sündern. So oder so würde er Gründe liefern, dass sich die Menschen von ihm abwenden. Aber seine Antwort ist eine Frage, die alle trifft, bis ins Herz trifft: „Wer von euch ist ohne Sünde?“ Keiner wagt eine Antwort darauf, denn niemand ist perfekt. Keiner hat eine absolut weiße Weste vorzuweisen. So bleibt nur das Abtreten vom Podest der hohen Moral. Bleich oder rot geworden, betroffen von der plötzlichen und unerwarteten Berührung der eigenen Schwachstellen, machen die Ankläger sich davon, die Ältesten mit der größten Schuldenlast zuerst. Sie wollten einem schuldiggewordenen Menschen das Etikett „Sünder" aufkleben, ihn brandmarken, abstempeln und der Vernichtung preisgeben. Sie müssen aber nun erkennen, dass sie selbst nicht besser sind.  

Jesus verurteilt jede menschliche Selbstgerechtigkeit, selbst wenn sie den Schutz und das Einhalten der Gebote Gottes vorgibt. Niemand dürfte das Vaterunser beten mit der Bitte „Vergib uns, wie auch wir vergeben“, wenn er es nicht ehrlich damit meint. Das Urteil und erst recht das Verurteilen stehen allein Gott zu. Nicht einmal Jesus verurteilt die Frau, wohl kennzeichnet er ihre Taten als schweres Vergehen vor Gott und den Menschen, als Sünde.  

Die Ehebrecherin damals wollte niemand verstehen, aufgebracht wollte man ihren Tod. Aber Jesus stellt sich diesem drängenden Vorhaben mit ruhiger Macht entgegen. Er will nicht den Tod des sündigen, schuldig gewordenen Menschen, sondern seine Bekehrung und sein Leben. Er befreit die Frau von allem Druck, von aller Schuldenlast, so groß sie auch sein mag, mit seinem erlösenden Wort: „Ich verurteile dich nicht!“ Mit dieser Lossprechung aber ist untrennbar seine Aufforderung verbunden: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" „Ändere dein Leben, damit es wieder Leben wird!“ Gottes Erbarmen ist beim einsichtigen, reumütigen Menschen grenzenlos, es übersteigt die Fassungskraft des Menschen. Deshalb darf kein Mensch der Barmherzigkeit Gottes Grenzen setzen.  

Das ist hineingesagt in diese Fastenzeit. „Fasten“ bedeutet „Festhalten“, festhalten an Gottes Erbarmen. „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe“, spricht Gott, „wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst!" (vgl. Jes 58, 6). Wenn du dich mit dem Urteil, erst recht mit dem Verurteilen, zurückhältst. Wenn du aufbaust, statt abzubrechen! Wenn du vergibst, statt zu richten! Das könnte auch unser Fasten sein.


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Bild: Achim Schoety auf pixabay.com