Bundesebene Geistlicher Impuls

So erschließen sich Leiden und Tod im Glauben.

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Das heutige Evangelium fordert uns heraus. Jesus kündigt an, dass sein Weg ins Leiden und in den Tod führen wird, und nicht nur das: Er ruft uns dazu auf, ihm nachzufolgen und uns dabei selbst dem Leiden zu stellen.

Leiden aushalten – das tun wir naturgemäß nur sehr ungern. Dem Leiden anderer zusehen zu müssen, die uns nahestehen, schmerzt und macht uns manchmal ohnmächtig. Viele kostet es Überwindung, Besuche im Krankenhaus zu machen und den Anblick der Wunden, der Krankheiten und der Hilflosigkeit zu ertragen. Vielleicht können wir deshalb Petrus gut verstehen, wenn es hier von ihm heißt: „Er nahm Jesus beiseite und machte ihm Vorwürfe; er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr!“ Der Messias, der leidet, passt nicht zu seinen Hoffnungen und Erwartungen. Er will einen strahlenden, einen siegenden Erlöser. Der aber ist Jesus nicht. Jesus ist der Erlöser – aber als Leidender.

Jesus wendet seinen Blick von Galiläa weg hin nach Jerusalem. Auf die Verkündigung der Freude, den Anbruch der Befreiung folgt nun der Weg ins Leid und in den Tod. In einem kurzen Wort zeichnet der Evangelist hier die ganze Passionsgeschichte vor: Jesus weiß, was ihn in der Hauptstadt erwartet. Der ihm aus Galiläa vorauseilende Jubel wird sich nach dem triumphalen Einzug schon bald ins Gegenteil verkehren: Er muss viel leiden, er wird getötet werden und am dritten Tage auferstehen.

Wir haben uns angewöhnt, vor allem das Letztere ganz laut und klar zu hören. Die Geschichte hat ein Happy End, Jesus ist am Ende der Lebendige. Petrus schaudert vor der Perspektive des Leidens, die sich ihm bietet. Er kann noch nichts ahnen von der Wende der Geschichte Jesu, von der Auferweckung, die alles menschliche Denken, alle Logik übersteigt. Petrus will seinen geliebten Meister nicht leiden sehen. Er will nicht, dass er stirbt. Er begreift nicht, wie Jesu Weg so zum Ziel kommen soll.

Es ist das Geheimnis dieses Sohnes Gottes, dass da neben seiner Vollmacht auch die Ohnmacht ist. Diese Ohnmacht wählt er selbst aus freien Stücken. Dies ist nicht leicht zu verstehen. Und hier, als Jesus versucht, seine Jünger auf das Kommende vorzubereiten, erlebt er, dass dieses Unverständnis selbst bei seinen engsten Weggefährten zum Widerstand führt – so sehr, dass verletzende Worte fallen zwischen Jesus und Petrus.

Jesus weiß und sieht mehr als die, die bei ihm sind. Er weiß, dass sein Einsatz für die Menschen ihn in den Konflikt mit den Wortführern der Gesellschaft bringen wird, und er weiß auch, dass er diesen Konflikt in den Augen der Welt verlieren wird. Die Verkehrung dieser vor ihm liegenden Niederlage in einen Sieg durch die Auferweckung am dritten Tag ist nur im Glauben zu erfassen. Gottes Macht hüllt sich in seine Ohnmacht. Jesus ist so Mensch, wie wir es eigentlich sein sollten: Er ist stets für die anderen da, er teilt mit ihnen alles, was er hat, er tröstet sie, heilt sie, er liebt die Menschen um ihn herum so sehr, dass er für sie sein Leben aufs Spiel setzt.

Dieser Jesus ist zugleich Gottes eingeborener Sohn. Das bedeutet: Unser Gott ist keiner, der unbewegt und unendlich fern über allem Leiden steht. Im Gegenteil – Gott gibt sich in Jesus ganz tief in unser menschliches Sein hinein. Gott selbst wird in Jesus ein Leidender.

„Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ So fragt Jesus. Es geht ihm darum, dass wir unseren Blickwinkel ändern. Unser Streben soll bestimmt sein durch die Liebe, durch den wachen Blick, den wir für unsere Nächsten haben.

„Sein Kreuz auf sich nehmen“ – das meint nicht schicksalhafte Ergebung in das persönlich zu ertragende Leid. Es geht um den Kampf gegen die Kreuze, an die Menschen ihre Mitmenschen immer wieder neu heften. Nachfolge Jesu heißt Mitleidenschaft für die Menschen um uns, deren Leben sich verbessern lässt. Wer so leidenschaftlich lebt, wird nicht nur verzichten und verlieren, er wird auch etwas finden: Wahres Leben an Jesu Seite.

So erschließen sich Leid und Tod im Glauben. So findet sich ein Zugang zur Annahme des eigenen Leides, des eigenen Kreuzes. Christus, der Menschensohn, ist mitten unter uns. Der Leidende und der Auferstandene, der Herr und der Bruder – unser Gott.

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Bild: marinas32 pixbay.com