Geistlicher Impuls

Sinn, Antrieb und Hoffnung

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Die Erzählung über Bartimäus gibt uns beim ersten Hören einige Fragen auf: Warum muss dieser Mann so schreien, so bitten, bis er gehört wird? Wie lässt sich dies mit der Aussage vereinbaren, Jesus habe sich allen Menschen offen zugewendet? Und schließlich: Was bekümmert uns heute diese Geschichte eines Bettlers von Jericho damals?

In der Tat: Diese Blindenheilung ist keine alltägliche Wundererzählung nach der Art der vielen anderen Heilungsberichte, die uns aus den Evangelien bekannt sind. Sie klingt ungewöhnlich und ist in vielen Punkten atypisch. Und gerade deswegen erfordert sie unsere besondere Aufmerksamkeit. Denn was hier erzählt wird, soll ja die Proklamation des Jesus von Nazareth als Gottes Sohn sein – wie es eingangs im Evangeliums ausdrücklich heißt. Dies gilt zunächst für die Gemeinde des Markus, letzten Endes gilt es aber für uns alle!

Zunächst fesselt uns der Ablauf der Erzählung. Da ist ein blinder Mensch in einer ganz erbärmlichen Situation: ein Bettler auf der Straße von Jericho, der da – wohl im Staub – sitzt. Das ist Grund genug für Resignation und Verzweiflung; denn diesem Menschen geht es schlecht, und seine Erblindung gibt keinen Anlass zur Hoffnung. Und doch: Schreiend wendet Bartimäus sich an Jesus, von dem er hörte, dass er vorübergeht. Er lässt sich nicht zurückweisen, er ist beharrlich, er versucht es ein zweites Mal. Als er zu Jesus gerufen wird, vergisst er sich selbst und seine Situation: Er wirft alles von sich, das ihm bisher Schutz geboten hat – Sitzen ist für einen Blinden sicherer als Aufspringen und Gehen; der Mantel ist das Zuhause eines Bettlers. Bartimäus drängt nur auf das eine: Hin zu Jesus. Seine Bitte ist nicht kleinlich, er erhofft keine milde Gabe, sondern er will das scheinbar Unmögliche: Er will sehen können.

Dieser Mann aus Jericho ist kein Zauderer. Er versucht, aus seinem Leid einen Weg zu finden; er wartet – aber nicht auf die Zuwendung anderer, sondern bis er selbst eine Chance erkennt. Seine Hoffnung heißt Jesus. Für ihn gibt es kein Zögern mehr – trotz seiner Behinderung, trotz des Einspruchs der Menge, die nicht gestört werden will. Bartimäus beginnt auf seine Weise zu handeln: Er schreit.

Aber das Handeln dieses Menschen ist nicht so blind, wie er äußerlich scheint. „Jesus, der Nazarener“ – das lässt ihn wohl aufhorchen. Er weiß, wer dieser ist, er hat es – glaubend – begriffen, und er formuliert es in seinem Schrei: „Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!" Bartimäus formuliert einen ausgesprochen jüdischen Titel, mit dem der biblische Mensch eine Fülle von Hoffnung verbindet; denn dem Sohn aus dem Hause Davids ist die messianische Würde zugesprochen, für ihn wird sie erwartet, und so werden von ihm messianischer Zuspruch und messianische Hilfe erhofft. Diese Identifizierung des Davidsohns mit Jesus setzt eine bestimmte Haltung, einen Zugang zur Person Jesu voraus – nur so kann der Mann mehr erbitten als Trost; nur gegenüber dem Davidsohn ist es sinnvoll, vom Sehen zu sprechen.

Der Evangelist hat den Glauben des Bartimäus durch die Art seiner Darstellung sehr markant zum Ausdruck gebracht. Das wiederholte Rufen, die Zurückweisung durch die Volksmenge, das verzögerte Reagieren Jesu erhöhen die Spannung und die Dramatik. Das alles zielt auf die Vorbereitung der Begegnung Jesu mit dem Blinden.

Jesus hört die Bitten des Mannes, und er greift seinen Glauben auf. „Was willst du?“ und „Dein Glaube hat dich gerettet“. So wird deutlich, wohin hoffendes Vertrauen auf den Davidsohn führen kann, wenn es existentiell ausgedrückt wird. Für Jesus geht es nicht um einen mirakulösen Schaueffekt. In der Begegnung mit ihm erfährt der Mensch Gottes Zuwendung und Heil in einer nicht menschlichen, sondern in einer übermenschlichen Fülle. Begegnung setzt jedoch Offenheit voraus – seitens Jesu und seitens des Menschen. Das letztere wird in der vorliegenden Erzählung dramatisch entfaltet. Bartimäus zeigt sich bereit, Gottes Wirken anzunehmen, sich treffen zu lassen von Gottes Liebe. In Jesu machtvollem Tun geschieht dies in außergewöhnlicher Weise.

Jesus greift den Glauben des Mannes auf, ausdrücklich wird darauf verwiesen. Die Heilung, die Bartimäus erfährt, geht über das Augenlicht hinaus. Sein Drängen hin auf Jesus, der der Davidsohn ist, erfährt in der Begegnung eine zusätzliche Vertiefung. So geht der Geheilte nicht in die Stadt zurück, sondern folgt Jesus nach auf seinem Weg. Er lebt seinen Glauben in der Jesusgemeinschaft als einer, der in der Begegnung mit Jesus sehend geworden ist. Er folgt Jesus. Aus dem Erzählzusammenhang wissen wir das Ziel des Weges Jesu: Es ist die Stadt Jerusalem, die Passion, das Kreuz und die Auferstehung.

Aus einer solchen Erzählung sind Lehren zu ziehen. Uns ist eine gelebte Jesusbeziehung vor Augen gestellt. Sie ist bestimmt durch den Ruf des (notleidenden) Menschen in Beharrlichkeit; Ziel dieses Rufes ist der Davidsohn; Voraussetzung ist die Bereitschaft, hinzugehen und aus der Begegnung mit Jesus die Konsequenz zu ziehen und Jesu nachzufolgen. Entscheidend dabei ist, auf den Weg zu kommen und unterwegs zu bleiben. Das Sitzen am Wegrand kennzeichnet eine Notsituation. Um aufzustehen braucht es Sinn, Antrieb und Hoffnung. Das Wirken Jesu ist auch uns zugesagt. Es bedarf unseres Glaubens.


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