Bundesebene Geistlicher Impuls

Lebendiges Wasser – Leben in Fülle

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Ein Mann und eine Frau am Brunnen. Sie unterhalten sich, nachdem er sie um Wasser gebeten hat.

Interessiert uns eine solche Alltagsbegebenheit überhaupt?

Warum wird uns diese Geschichte, die noch dazu nicht von heute oder gestern, sondern 2000 Jahre alt ist, erzählt? Weil es Jesus ist, der mit der Frau spricht?

Was aber, wenn unter der sparsamen Ausstattung dieser Szene „Mann-Frau-Gespräch am Brunnen" etwas geschehen wäre, das diese Begebenheit nicht nur für die Beteiligten zu einer kostbaren Erfahrung in ihrer einmaligen Lebensgeschichte macht? Wenn sie es vielmehr wirklich verdient, weitergegeben, von immer neuen Frauen und Männern gehört, verstanden und in das eigene Handeln integriert zu werden? Was, wenn diese Geschichte zu den Beziehungen zwischen den Geschlechtern, der Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern etwas zu sagen hätte? Und nicht nur etwas, sondern Gewichtiges, das uns anzufragen, zu kritisieren und zu verändern imstande wäre?

Ein Mann und eine Frau am Brunnen ...

Jesus kommt nach Samarien, setzt sich müde von der Wanderung in der Mittagshitze an einen Brunnen; er sitzt allein. — Johannes malt ein Bild, das fast wie das Bühnenbild für ein Schauspiel wirkt: Müdigkeit und Erschöpfung, Mittagshitze und ein Brunnen, Wasser, Erfrischung und Abkühlung — Leben. Alles ist vorbereitet für die Begegnung und das Gespräch zwischen Jesus und der Frau.

Sie kommt, um Wasser zu schöpfen; Jesus bittet sie um Wasser, und sie empfindet diese Bitte als ganz und gar ungewöhnlich. Dabei: Was liegt näher, als bei Durst andere zu bitten, die ein Schöpfgefäß dabei haben, einem etwas zu trinken zu geben?

Ein Jude aber bittet einen Samariter nicht um einen Gefallen  — wie umgekehrt auch nicht!

Juden und Samariter verkehrten nicht miteinander; sie waren zwar nicht gerade verfeindet, aber es herrschte so etwas wie kalter Krieg zwischen ihnen — und der hatte durchaus mit ihrem Glauben zu tun. Juden wie Samariter sind Jahwe-Gläubige, aber sie hatten unterschiedliche Auffassungen von der richtigen Verehrung des Gottes Israels. Neben der religiösen gab es auch eine politische Auseinandersetzung zwischen ihnen.

Erst recht spricht kein jüdischer Mann mit einer samaritischen Frau. Dass ein Mann ein Gespräch mit einer Frau anfängt, ist durchaus eine berichtenswerte, weil anstößige Situation.

Auch wenn im Alltag wohl nicht immer an solche Weisung gehalten worden ist: Frauen sind keine Partnerinnen in einer patriarchalischen Gesellschaft! Erst recht sind sie keine Gesprächspartnerinnen für einen Rabbi; an religiösen Gesprächen nahmen sie gewöhnlich nicht teil. Genau ein solches aber beginnt Jesus mit ihr: Sie führen ein Gespräch, das durch Missverständnisse hindurch, schrittweise, ja stufenweise zum Verstehen Jesu führt.

Wie ein Drama läuft der Dialog zwischen den beiden auf den Höhepunkt zu: Jesus offenbart sich seiner Gesprächspartnerin als der Messias. Jesus, also der jüdische Mann, der sich ganz anders verhält als die anderen, der die alltägliche Diskriminierung der Frau durchbricht? „Man redet nicht mit einer Frau in der Öffentlichkeit!" — Er schon. „Man redet nicht mit Frauen über religiöse Fragen!" — Er schon. Lässt Johannes Jesus hier als den „neuen Mann" auftreten, dessen frohe Botschaft, das Evangelium für Frauen ist? Manche lesen die Jesus-Frauengeschichten gern so — und das mit Recht. Nicht nur Frauen, die die Erfahrung ihrer Zweitrangigkeit keineswegs nur aus den Erzählungen früherer Tage kennen, sondern als alltägliche Wahrnehmung in der Gesellschaft und in der Kirche, sondern auch Männer, denen an gerechten Beziehungen zwischen Frauen und Männern gelegen ist.

Aber das Gespräch zwischen Jesus und der Samariterin, deren Namen wir nicht kennen, wie so viele Frauen der biblischen Tradition namenlose Schwestern bleiben, auf eine letztlich unverbindliche Frauenfreundlichkeit Jesu zu reduzieren, hieße, seine wirkliche Dynamik zu übersehen. Das hieße auch, den Lernprozess verharmlosend zu überspringen, den es braucht, damit aus unverbindlicher

„Frauenfreundlichkeit" wirkliches Verstehen wird— mit wechselseitiger, gleicher und gerechter Anerkennung des oder der anderen.

Bei den beiden jedenfalls werden im Gespräch nicht harmlose Freundlichkeit, sondern Missverständnisse noch und noch deutlich: Jesus spricht symbolisch vom lebendigen Wasser — die Frau denkt an Brunnenwasser. Er spricht vom Wasser, das ewiges Leben schenkt — sie denkt ganz praktisch, dass sie dann nicht mehr zum Wasserholen kommen muss. Die Frau also als diejenige, die Jesus nicht versteht, die mit dem Gespräch überfordert ist? Vielleicht hätte er doch besser daran getan, sich mit einem in solchen komplizierten theologischen Diskussionen geübteren

Mann zu unterhalten? Nein. Die Samariterin zeigt sich als eine großartige Gesprächspartnerin, weil sie ihn zu verstehen sucht und ihm soweit folgt, wie es angesichts der Überforderung durch das, was Jesus ihr von sich sagt, überhaupt möglich ist!

Jesus sagt, er könne ihr lebendiges Wasser geben. Sie denkt an das Brunnenwasser, aber damit zugleich an den Spender des Brunnens, Jakob, der damit den Menschen in seiner Umgebung gegeben hat, was sie am nötigsten brauchen: Wasser, das Lebenselement schlechthin. Wasser, besonders „lebendiges Wasser" — Quellwasser — gehört zur Heilszeit, ist Sinnbild für die Fülle des Lebens. Viele Psalmen und prophetische Texte zeugen davon. Jakob hat den Brunnen gegraben und daraus getrunken, das weiß die Frau, sie kennt ihre Tradition, und sie nennt Jakob „unseren Vater", bekennt sich damit als Jahwe-Gläubige. Aber zugleich will sie den Mann, ihr Gegenüber, verstehen: „Bist du größer als unser Vater Jakob?"

Dass sie seine Antwort nicht versteht — sein Wasser lösche für immer den Durst; es werde zur Quelle des ewigen Lebens  — wer könnte ihr das verdenken?

Das Bild vom Lebenswasser, mit dem Jesus sich ihr offenbart und das seine Gabe für sie ist, spricht die Sehnsucht nach der Fülle des Lebens aus, nach geglücktem Leben, das kein Tod vernichtet. Wer kann angesichts der Realität, in der es Hitze, Müdigkeit und Durst gibt, tatsächlich verstehen, was er sagt? Jesus selbst nimmt ja an dieser Wirklichkeit teil: Seine Bitte um Wasser ist nicht nur ein katechetischer Trick, um mit der Frau ins Gespräch zu kommen. Und wer kann ihn nicht verstehen, wenn wir an die vielen Situationen im Leben von Menschen denken, in denen Durst gelitten wird: nach Zuwendung und Anerkennung, Achtung und Angesehenwerden, nach Freiheit und Sinn … Die Frau am Brunnen könnte sicher sagen, wonach sie dürstet, was ihr fehlt zu dem Leben in Fülle, das Jesus ihr im Symbol des Wassers anbietet. Und jede und jeder von uns kann es auch. Aber genauso wären wir überfordert gewesen; mit dem Ungeheuerlichen, das er sagt, hätten wir an ihrer Stelle am Brunnen gesessen.

Und trotzdem: Die Frau muss nicht, achselzuckend über ihr unverständliches Gegenüber, nach Hause gehen. Sie macht eine Erfahrung mit ihm, die ihr hautnah zeigt, dass er lebendiges Wasser für sie ist. Er deckt ihr auf, wie ihr Leben gelaufen ist und wie ihre jetzige Situation aussieht: Fünf Männer hast du gehabt ... Eine Frau mit Vergangenheit. Jesus nennt die Fakten ihrer Biographie — und dabei bleibt es. Offen, aber nicht peinlich; keine moralinhaltige Bemerkung, keine Anspielung, keine neugierig-bohrende Rückfrage, wie es denn dazu kommen konnte …

Und hier verstehen sie einander: Die Frau nennt ihn einen Propheten. Ein Prophet, das ist hier einer, der das Verborgene sieht, der die Geheimnisse eines Menschen kennt. Jesus kennt ihre Lebens-geschichte, und mit dieser Geschichte ist sie die von ihm erwünschte Gesprächspartnerin. Für ihn ist sie nicht „die Frau mit den fünf Männern", sondern die Frau, die ihn als das lebendige Wasser, den Messias kennenlernen soll.

Es geht nicht um Moral, es geht um Glauben! Für diesen Glauben zählen die alten Grenzen nicht mehr. Nicht mehr die Grenze zwischen Juden und Samaritern: Der alte Streit zwischen ihnen, ob der Tempel der Juden in Jerusalem oder der Berg Garizim der Samariter der richtige Ort des Gebets und des Gottesdienstes ist, ist erledigt. Der wahre Gottesdienst ist dort, wo an den Messias geglaubt wird: In der Gemeinde der aus dem Geist Glaubenden, wo auch immer sie sich zusammenfindet. Für diesen Glauben zählt auch die Grenze zwischen Männern und Frauen nicht mehr: Die Frau, die am Brunnen eingeladen wird, ihn kennenzulernen und ihm „im Geist und in der Wahrheit" zu glauben, erfährt dies Schritt für Schritt und wird letztendlich zur Missionarin ihres Dorfes. Etwas später heißt es: „Viele Samariter aus jenem Ort kamen zum Glauben an Jesus auf das Wort der Frau hin" (V. 39).

Ein Mann und eine Frau am Brunnen . . .

Tatsächlich eine umstürzende Geschichte, wenn Jesus und diese wache, aufmerksame Frau davon sprechen, was uns von Gott zugedacht ist: Lebendiges Wasser — Leben in Fülle.


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Bild: Peter H auf pixabay.com