Bundesebene Geistlicher Impuls

Ich darf rufen. Jesus hört mein Schreien.

Geistlicher Impuls zum Sonntagsevangelium (Mk 10,46-52) von Rosalia Walter, Geistliche Leiterin des Kolpingwerkes Deutschland

Die Heilung des blinden Bartimäus umfasst in wenigen Versen viel Beachtens- und Bedenkenswertes.

Ein Bettler sitzt am Weg, als Jesus mit einer großen Menschenmenge Jericho verlässt. Er hört, Jesus käme vorbei, und ruft laut: Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir! Viele wollen den Blinden auch noch mundtot machen. Sie bitten ihn nicht, ruhig zu sein, sondern sie befehlen ihm zu schweigen. Doch der Bettler schreit noch lauter. Er verstummt nicht, er frisst seine Not nicht in sich hinein. Nein, er schreit sie hinaus. Wer leidet, darf schreien. Er hat ein Recht, dies offen zu sagen. Bartimäus lässt sich den Mund nicht verbieten, weil er genau weiß: jetzt ist meine Chance, jetzt und zu keinem anderen Zeitpunkt, denn jetzt kommt Jesus, der Messias, an mir vorbei. Das Vorbeikommen Jesu ist für Bartimäus die Chance seines Lebens, der Kairos – wie die Griechen sagen –, die günstige, ja einmalige Gelegenheit, der rechte Zeitpunkt, der eben jetzt ist, nicht früher und nicht später. Es ist für Bartimäus die einzige Chance, dass seine Existenz am Rand – am Straßenrand – ein Ende findet.

Jesus bleibt stehen und sagt: Ruft ihn her! Jesus fühlt sich offenbar nicht gestört oder belästigt von dem Schreien. Er ärgert sich auch nicht darüber. Im Gegenteil: Er hört Bartimäus, der Schrei bewegt ihn sichtlich, und er interessiert sich für ihn. Jesus bleibt stehen und lässt den Blinden zu sich rufen. Der Schreiende darf zu ihm kommen.

„Sei guten Mutes“ sagen jene zu Bartimäus, die ihn vorher noch zum Schweigen bringen wollten. Die Reaktion Jesu hat sie bereits verändert. Indem sie dem Blinden Mut zusprechen, zeigen sie, dass nun auch sie glauben, dass Jesus sich seiner erbarmen wird.

Vor Aufregung springt Bartimäus augenblicklich auf. Er wirft seinen Mantel weg. Dabei wird nicht nur der Glaube, sondern auch der Enthusiasmus deutlich, mit dem sich Bartimäus Jesus nähert. Er schüttelt quasi seine alte Existenz ab und geht auf Jesus zu.

Jesus bezieht sich auf das vorherige Rufen des Bittstellers und fragt direkt nach der Erwartung, die dieser an ihn hat. Bartimäus spricht Jesus ehrfurchtsvoll mit „Rabbuni“ an und äußert seinen Wunsch „sehen“ zu können. Jesus entlässt Bartimäus daraufhin mit dem Zuspruch, dass sein Glaube die Rettung, die Heilung bewirkt habe. Als wieder Sehender schließt sich Bartimäus Jesus an und bezeugt seinen Glauben und seine Rettung in der Nachfolge.

Der Glaube motivierte Bartimäus zu rufen. Mit seinem Rufen bezeugte er seine Beziehung, sein Vertrauen auf Jesus. Eine Lebenssituation mit Gott, mit Jesus in Verbindung zu bringen, einen Bezug zu Gott, zu Jesus herzustellen, ist nur dem gläubigen Menschen möglich. Denn Glauben lässt im Menschen eine Perspektive entstehen, in der er nicht nur mit den Augen sieht. Deshalb sieht, erfährt und erlebt Bartimäus, was auch für uns gilt. Ich darf rufen. Jesus hört mein Schreien. Er wendet sich mir zu und heilt.

„Menschen, die ausder Hoffnung leben, sehen weiter.

Menschen, die ausder Liebe leben, sehen tiefer.

Menschen, die ausdem Glauben leben, sehen alles in einem anderen Licht.“
(Lothar Zenetti)

 

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Bild: Andrea Don auf pixabay.com

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