Bundesebene Geistlicher Impuls

Gott liebt den Menschen

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Christus hat den Menschen zur Freiheit erlöst. Er ist gekommen, um den Menschen frei zu machen. Dieser soll seine Freiheit nicht missbrauchen, sondern sie sinnvoll einsetzen. Der Mensch, der heute die Freiheit entdeckt hat, spürt tagtäglich, wie schwer es ist, welche Kraft es kostet, ein freier Mensch unter freien Menschen zu sein. Er fühlt sich schnell an den Grenzen seiner Möglichkeiten. Er weiß sich zwangsläufig auf letzte Instanzen verwiesen. Bevor wir nämlich die Freiheit leben können, verantwortlich und weitsichtig, muss die Kraft dazu erbeten sein, und zwar von dem, der den Menschen auf eine große Zukunft hin entworfen hat, frei zu werden.

Gott bitten heißt, seine eigene Freiheit einsetzen, seinem Leben eine neue Richtung zuteilen lassen. Gott beharrlich bitten, „Tag und Nacht“, wie es in unserem Evangelium heißt, bedeutet nicht, „irdische Zwänge“ der ständigen Bedrohnisse und Manipulationen einzutauschen gegen den „Zwang Gottes", gegen eine neue Abhängigkeit. Da liegt ein Unterschied, ein großer Unterschied. Das zeigt das Gleichnis des heutigen Evangeliums.

In dieser Schilderung stehen sich zwei Welten gegenüber. Der Richter, der Gott nicht kennt und nicht anerkennt, und Gott, der seinen Auserwählten Recht verschafft. Eine Witwe, so heißt es, bittet nachdrücklich um Rechtsbeistand. Aber der Richter lehnt ihn ab. Ein Grund dafür wird nicht angegeben. Er, der Liberale und Unabhängige, fühlt sich frei und ungebunden. Er lehnt letzte Bindungen ab. Wenn er schließlich dennoch hilft, notgedrungen und situationsbedingt, dann nicht um des bittenden Menschen willen. Er sieht vielmehr letztendlich seinen Vorteil. Er handelt aus dem kalten Kalkül, dass er im Aufgeben von wenig Freiheit die größere Freiheit erhalten kann. Ein Proporzdenken bestimmt sein Helfen. Er zieht sich aus der Affäre, ohne Emotion, ohne die persönliche Bewegtheit darüber, eine alleinstehende, wehrlose Frau beschützen zu können. Er sucht einfach den leichtesten Weg. Er will im Grunde seine Ruhe haben.

Ihm steht Gott gegenüber. Gott fühlt sich betroffen und durch die beharrliche Bitte des Menschen gebunden. Aber seine Bindung ist von besonderer Qualität. Er engagiert sich, aber nicht, weil ihm dies Nutzen bringt. Er hält sich offen und stellt sich zur Verfügung, weil sich persönliche Beziehungen auftun; denn er begegnet, so heißt es in bezeichnender Weise in unserem Text, „Auserwählten".

Hier liegt der entscheidende Unterschied in unserer Geschichte. Gott hat den Menschen erwählt. Gott liebt den Menschen. Seine freie Bindung an den Menschen ist eine von Liebe getragene Bindung. Darum nutzt er den Menschen nicht aus, hört nicht nur mit halbem Ohr hin, sondern bleibt wirklich von innen her offen. Darum lässt er ihm auch weiterhin die Wahl, lässt ihm die Freiheit, auch wenn sie dem zur Sünde neigenden Geschöpf zunächst Unheil bringt. Und mitten in den Katastrophen und scheinbaren Untergängen hört er auf die Bitte des Menschen, ihn doch zu retten. Gott ist im Spiel bei jeder menschlichen Bitte, selbstlos und ohne Rückbezug auf den eigenen Vorteil. Gott hat nun einmal den Menschen hineingenommen in seine ewige Liebe.

Darum sollten wir beharrlich bitten. Gott bitten heißt nicht, einen Einsatz im Lotto wagen, auf den wir heute hoffen und den wir morgen als vergeblich schon verwerfen. Gott will freie Beständigkeit, weil er auch selbst seine Liebe beständig anbietet.

Eines darf nicht außer Acht bleiben. Seitdem Gott uns Menschen nachgeht und unsere Gemeinschaft sucht, seitdem darf der Mensch nicht zu Gott gehen, ohne bittend einzutreten für alle anderen Menschen. Es gibt vor Gott keinen Menschen ohne den anderen Menschen, den Nachbarn, den Freund, den Nächsten in der Gemeinschaft der Familie. Gott liebt jeden und alle. Jeden persönlich und alle gemeinsam. So ist Gott.


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