Geistlicher Impuls

Gott denkt in großen Maßstäben.

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Von dem Bauplan eines Hauses, von einer Straßenkarte, von der Modellskizze in einem Fachbuch erwarten wir, dass sie maßstabsgetreu ausfallen. Zwar muss der Gegenstand, um überhaupt darstellbar zu sein, verkleinert werden oder auch vergrößert, wenn es sich etwa um winzige Details einer Konstruktion handelt.

Aber dabei müssen die Relationen erhalten bleiben, die Linienführung und die Winkel müssen stimmen. Eine verzerrte Wiedergabe wirkt verwirrend. Sie führt den Betrachter in die Irre, was schlimme Folgen haben kann.

Maßstäbe wenden wir auch an, wenn wir Menschen beurteilen, uns selbst und andere. Hier sollte der ideale Maßstab eigentlich 1:1 lauten. Originaltreue ist gefragt. Nur so werden wir dem Objekt unserer Fremd- und Selbsteinschätzung gerecht. Aber wir neigen zum Verkleinern oder zum Vergrößern.

Mit diesem Blickwinkel schaue ich auf die heutige Lesung aus dem 2. Korintherbrief.

Echte Größe können wir nicht gut vertragen. Wir mäkeln so lange daran herum, bis wir sie kleingekriegt haben. Kleine Fehler nehmen wir unbarmherzig unter das Vergrößerungsglas. Wir blähen sie auf, bis sie die ganze Bildfläche ausfüllen. Was aus dieser Verzerrung der Realitäts-wahrnehmung resultiert, sind weitreichende Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Das falsche Bild, das wir voneinander haben, die Vorurteile, die wir hegen und pflegen, sie blockieren ein offenes und unbefangenes Miteinander.

Auch Paulus ringt mit dem Problem des richtigen Maßstabs. Früher habe er Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt. Jetzt aber wende er menschliche Maßstäbe nicht mehr an, auf Christus nicht und auf niemand sonst.

Die Einschätzung Christi nach menschlichen Maßstäben, die Paulus früher selbst geübt hat, bezieht sich auf eine dunkle Phase im Leben des Völkerapostels. Paulus blickt auf seine Tätigkeit als Christenverfolger zurück. Er ließ sich von seinem ungebrochenen Gesetzeseifer leiten. Sein falsches Jesusbild wurde erst bei seiner Berufung und Bekehrung vor Damaskus überwunden. Ihm wird eine neue Christuserkenntnis geschenkt.

Paulus fand durch seine Bekehrung nicht nur zu einem neuen Christusbild, sondern auch zu einem neuen Menschenbild. Nicht nur, dass er Christus nicht länger nach menschlichen Maßstäben einschätzt, keinen Menschen, überhaupt niemand mehr, schätzt er fortan so ein. Andere Menschen nach menschlichen Maßstäben einschätzen, das äußert sich konkret zum Beispiel darin, dass ich im anderen nur den lästigen Konkurrenten sehe, der meiner Selbstentfaltung hinderlich im Wege steht. Der tief verwurzelte Egoismus, die übermächtigen heimlichen Wünsche verzerren die Wahrnehmung des Nächsten.

Diese verbreitete Haltung wird überwunden durch das Sein für andere in der Nachfolge Christi. Wer für Christus lebt, wird in jedem Menschen den Bruder und die Schwester sehen, für die Christus starb.

Gott denkt in großen Maßstäben. Er hat eine neue Schöpfung im Sinn. Paulus selbst ist mit seinem Weg vom Christusverfolger zum Völkermissionar ein Beispiel für eine neue Schöpfung. Ein weiteres Beispiel bietet die Christengemeinde von Korinth, die mitten in der heidnischen Großstadt wie aus dem Nichts entstanden ist. Neue Schöpfung vollzieht sich bei der Bekehrung, bei der Taufe, beim Eintritt in die Gemeinde. Neue Schöpfung geschieht überall da, wo Menschen nicht mehr nach menschlichen Maßstäben urteilen und handeln, sondern sich von der gottgeschenkten Christuserkenntnis ihre Maßstäbe vorgeben lassen und für die anderen leben statt für sich selbst. Überall da wird die alte Welt verwandelt, wird der Neuentwurf sichtbar, den Gott schon beschlossen hat. Daran lohnt es sich mitzubauen.

-----------------------------------------------------------------------------------------------------

Weitere Impulse zum Nachlesen und Stöbern gibt es hier.

Bild: andreas160578 auf pixabay.com