Bundesebene Geistlicher Impuls

Fürchtet euch nicht!

Geistlicher Impuls des Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Christlicher Glaube ist in der Geschichte nicht selten verbunden gewesen mit der Erfahrung von Verfolgung und Bedrängnis. Die Worte aus dem Matthäusevangelium scheinen denn auch eine Situation widerzuspiegeln, die von schwierigsten Lebens- und Glaubensbedingungen geprägt ist. Aus einer solchen Erfahrung der früh-christlichen Gemeinde formuliert der Evangelist die schroffen Sätze vom Bekenntnis der Christen, von Rettung oder Verderben. In vielen Teilen der Welt erleben Christinnen und Christen auch heute Verfolgung und Bedrängnis.

Unsere gesellschaftliche und kirchliche Situation ist freilich eine ganz andere. Wir werden nicht verfolgt, wenn wir den Glauben bezeugen; wir sind keinen Anfeindungen ausgesetzt, wenn wir Prinzipien zu vertreten versuchen, die das Evangelium an die Hand gibt. Keinem von uns wird ein Haar gekrümmt, wenn wir uns kirchlich engagieren oder uns kritisch zur Politik äußern. Zwar wird mitunter der Eindruck erweckt, als sei die Kirche heute in einer Art „Verfolgungssituation“, wenn sie unzeitgemäße Positionen vertrete; die wirkliche Situation ist aber doch eine ganz andere. Bekenntnisse sind in einer pluralen Gesellschaft, wie es die unsere ist, offensichtlich kein Reizthema. Eine Gesellschaft, die im Prinzip tolerant gegenüber religiösen Ideen ist, sieht in Glaubensüberzeugungen keine Gefahr.

Was ist das für ein Bekenntnis, von dem das Evangelium spricht? Will Matthäus seine Gemeinde dazu drängen, an unbequemen überlieferten Glaubenssätzen festzuhalten und diese besonders dann zu betonen, wenn sie dem Geist der Zeit widersprechen? Mir scheint, dass es dem Evangelisten gar nicht um die Bejahung formaler Glaubenssätze geht, sondern um etwas anderes.

In unserem Text ist auffallend, dass Jesus mehrfach sehr eindringlich seinen Jüngern zuruft: „Fürchtet euch nicht!“ Offenbar gehört die Furchtlosigkeit zu dem, was Jesus mit „Glauben“ verbindet. Es ist also nicht so sehr ein Glaubensbekenntnis im Sinne einer Katechismuswahrheit, die der Christ zuerst bejahen muss, um vor Gott bestehen zu können; der Evangelist will vielmehr die Gemeinde dazu ermutigen, auf den zu vertrauen, der sie aussendet. Aber – um das nicht misszuverstehen – Vertrauen im Sinne des „Fürchtet euch nicht!“ ist kein Allerweltswort. Es ist die Frage nach der grundsätzlichen Lebenseinstellung. Es ist eine Grundentscheidung, woher wir unser Leben verstehen.

Wir können uns von uns selbst her verstehen; wir können uns als „Zufall“ betrachten, möglicherweise sogar als einen unglücklichen Zufall. Dann werden wir nicht im Vertrauen leben können, weil wir uns dem willkürlichen Spiel der Mächte ausgeliefert sehen. Wir können auch den Versuch machen, auf uns selber, unsere Selbstständigkeit, unsere Leistungen zu bauen, aber auch und gerade dann werden wir scheitern. Die Ohnmacht, in der wir uns immer wieder vorfinden, ist dann das letzte Wort. Perspektivlosigkeit greift gerade dann um sich, wenn der Mensch keine Lebensgrundlage sieht, die ihn tragen kann. Sein Dasein ist abgrundtiefe Angst.

Das Evangelium will von uns, dass wir Gott nicht verschweigen. Es will es aber so, dass wir den Menschen Mut machen, sich auf Gott zu verlassen. Wir sollen unserer Zeit einsichtig machen, dass es uns in den Widersprüchen unserer Existenz aufhilft, in Gott den tragfähigen Grund unseres Lebens zu sehen. Es geht nicht darum, in der „bösen“ Zeit „Flagge“ zu zeigen, sondern dem denkenden Menschen von heute, der auf der Suche ist und oft an sich selbst verzweifelt, erfahrbar zu machen, dass er von Gott gehalten wird.

Diese Auseinandersetzung ist nicht immer einfach, aber sie hilft uns, unser eigenes Leben immer wieder vom Glauben her zu befragen. Der Glaube ist dann befreiend, wenn er einen Gott verkündet, der den Menschen über den Tag hinaus für sich gewinnen will.

Jesus will uns sagen, was er uns zutraut, für wen er uns hält, was wir von Gott aus immer schon sind. Unser Leben hat Sinn, wenn es auch manchmal sinnlos erscheint, was wir tun. Wir müssen uns aber auf den Weg machen, um zu erleben, was Gott mit uns vorhat. So gesehen ist der Versuch, das „Fürchtet euch nicht!“ Jesu zu leben, tatsächlich ein Glaubensbekenntnis. Darauf will Jesus mit uns hinaus. Er will, dass wir das Ja Gottes in unserer Welt wirken lassen.


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Bild: Aaron Burden on unsplash.com