Bundesebene Geistlicher Impuls

Er lässt sich nicht beirren und hält an uns fest

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Palmsonntag

Wir erleben Menschen, die in Leid geraten, ganz mit sich selbst beschäftigt und den Blick für andere verlieren. Es gibt aber auch die Erfahrung, dass Menschen mitten in ihrem Leid um ihre Familie oder um Außenstehende in großer Sorge sind. Manche können gerade in eigener Not anderen ganz nahekommen; sie können wie ein Geschenk für Mitmenschen sein.  

Gehen wir der Leidensgeschichte nach Lukas entlang, so können wir Ähnliches bei Jesus beobachten. Sicher ist damit nicht alles über das Leiden Jesu gesagt, aber wir lernen Jesus besser kennen und lernen verstehen, wer er für uns ist. Jesus kennt seine Jünger, und er sieht, in welche Gefahr Petrus geraten wird. Er mahnt ihn, aber nicht überheblich, sondern in vorsorgender Liebe: "Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder" (22, 32). Petrus wird nicht als unzuverlässig abgeschoben.

Selbst beim unmittelbaren Eintreten in die Leidensnacht wirkt Jesu Aufforderung an die Jünger, "die vor Kummer erschöpft waren" (22, 45) auf mich nicht wie ein Vorwurf, sondern eher wie eine freundschaftlich-besorgte Bitte: "Betet darum, dass ihr nicht in Versuchung geratet" und: "Wie könnt ihr schlafen? Steht auf und betet, damit ihr nicht in Versuchung geratet" (22, 40.46). Wie der feine Strich eines Gemäldes erscheint mir die Bemerkung des Evangelisten, nachdem einem Diener des Hohenpriesters das Ohr abgeschlagen war: "Er berührte das Ohr und heilte den Mann" (22, 51). Ein angeschlagener Gegner entgeht nicht seiner Aufmerksamkeit, seiner Hilfe, in einer Lage, in der sonst Menschen retten, was zu retten ist.

Und noch einmal Petrus! Ich frage mich immer wieder, wie Jesus ihn angeschaut hat. Sicher nicht verachtend oder gehässig oder versteinert. Für Petrus wird entscheidend, dass Jesus sich nicht abwendet, sondern "der Herr wandte sich um und blickte Petrus an" (22, 61). Petrus geht weinend weg, aber er kann wieder zurückkommen, und er kommt auch.

Wie sehr es Jesus um uns Menschen, um unser Leben geht, wird auch in der Begegnung mit den Frauen deutlich: "Weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!" (23, 28). Das Mitleid der Frauen ist wohl gut gemeint. Man könnte denken, es würde Jesus guttun. Nein, seine Güte ist keine Schwäche. Er ließ sich stärken am Ölberg in seiner Bedrängnis, aber er bleibt stark genug, um dieses prophetische Wort an die Frauen zu richten. Er ist stark, und deshalb kann er auch in der Not gut sein.

So hören wir von ihm, als er am Kreuz hingerichtet ist, das Wort: "Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun" (23, 34). Und der eine mitgekreuzigte Verbrecher hört das befreiende und tröstende Wort: "Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (23, 43). Obwohl Jesus voll von Leid ist, zieht er sich nicht auf sich zurück, sondern behält den Blick für diese Menschen. Der Hauptmann kommt zu dem Schluss: "Das war wirklich ein gerechter Mensch" (23, 47). Lukas hält dieses Urteil nicht nur für die persönliche Meinung des Hauptmanns. Darin spricht er zu uns über Jesus: Er ist der Gerechte Gottes, also der Mensch, der nach dem Herzen Gottes und der wie kein anderer in Übereinstimmung mit Gott lebt. Jesus ist im eigentlichen Sinn der Zeuge Gottes; denn er bezeugt uns, wer Gott ist. In ihm erfahren wir, wie sehr Gott an unserem Leben interessiert ist, wieviel ihm daran liegt. Er lässt sich nicht beirren und hält an uns fest. Jesus hält diese Treue Gottes durch bis zum Kreuz. Sein Sterben bedeutet für ihn kein blindes Schicksal, das er nichtstuend über sich ergehen lässt, sondern er bezeugt darin die ganze Zuwendung Gottes.  

Das Hören der Leidensgeschichte und unser Nachdenken darüber könnten dazu führen, dass wir uns als Zuschauende verstehen, die von der Bühne gebührenden Abstand halten. Wir sind wie die weinenden Frauen versucht; Jesus zu bemitleiden und die "schlimmen Menschen", die Jesus ans Kreuz gebracht haben, offen oder auch unbewusst zu beschuldigen. Aber wir sind Beteiligte, Akteure, und können uns unter der einen oder anderen Person oder Gruppe des Geschehens wiederfinden. Wir halten es sicher für schlimm, dass die Menge sich "mit ihrem Geschrei durchsetzte" (23, 23); aber sind wir nicht auch versucht, mit den Wölfen zu heulen und lautstark oder auch kleinlaut in das Urteil oder auch Vorurteil über Menschen einzustimmen?

Bieten sich nicht in unserem Leben viele Beispiele, uns wie Pilatus halb draußen zu halten, also zuerst an uns selbst zu denken? Versuche ich nicht, mein Gesicht zu wahren und lasse einen Menschen allein und schutzlos dastehen? Bremse ich Menschen, die der Sache auf den Grund gehen und die deshalb anders denken und sogar handeln? Meine ich nicht auch, man könne es "übertreiben" mit der Gerechtigkeit oder Güte? Mein eigenes Gewissen könnte ja in Unruhe geraten darüber. Dann denke oder sage ich: Der andere übertreibt es - ähnlich dem Vorwurf gegen Jesus.  

Jesus stellt diesen offenen und versteckten Urteilen seine kraftvolle Güte entgegen. Er offenbart darin Gott, der an uns festhält. Die Leidensgeschichte wird uns nicht verkündet, damit wir das Leid suchen, sondern damit wir uns als Jünger Jesu von Gottes Güte anstecken lassen.  

Es ist Palmsonntag. Wir gehen in die Karwoche hinein. Mit meinem eigenen Leben folge ich Jesus. Heute.


Weitere geistliche Impulse zum Nachlesen und Stöbern hier

Bild: pixabay.com