Bundesebene Geistlicher Impuls

Er ist als Gottessohn groß,weil er menschlich bleibt!

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

Es geht heute nicht um irgendeine Versuchung im Leben Jesu; es geht um die Versuchung im Leben Jesu schlechthin. Jesus trifft als Gottessohn die Grundentscheidung für seinen Weg: Er ist als Gottessohn groß, weil er menschlich bleibt!

Wir hören heute im Evangelium eine sehr vertraute Erzählung. Und dennoch wird sie vielen auch fremdartig vorkommen, wirklich und unwirklich zugleich. Woher mag das kommen?

Nun, diese Erzählung ist natürlich keine Reportage. Und doch will sie eine Wirklichkeit des Lebens Jesu erzählen, die dem Evangelisten sehr wichtig ist. Darum verlegt er die Handlung in die Wüste. Das ist ein Ort, der auf das Wesentliche konzentriert, ein Ort für bedeutsame Entscheidungen. In den drei bekannten Episoden entfaltet Matthäus ein inneres Ringen Jesu, bei dem am Ende ein eindeutiges „Ja" zu seiner von Gott gegebenen Berufung steht. Er wird als Gottessohn den Weg des Menschen menschlich zu Ende gehen, ohne Zuhilfenahme übermenschlicher Kräfte. Der Sohn Gottes will ganz und gar Mensch sein, um auf diese Weise die zu erlösen, die oft doch mehr als Mensch sein wollen. Wäre Jesus den Versuchungen erlegen, dann hätte der Evangelist hier abbrechen müssen. Dann hätte er Jesus noch als tüchtigen Handwerker mit einigen magischen Fähigkeiten schildern können. Aber das wäre es dann auch gewesen. So aber kann Jesus den Weg des Menschen solidarisch zu Ende gehen und zeigen, dass Solidarität einer der Namen Gottes ist.

Was ist denn so verführerisch an den Versuchungen, dass sie zu einer solchen Gefährdung werden können? Die Versuchungen setzen bei den Ur-Wünschen des Menschen an:

….. Brot - das ist ein Bild für das Bedürfnis des Menschen nach Besitz. Aus Steinen Brot machen, das heißt: Besitz, Reichtum in großen Mengen. Und wer möchte das nicht? Einmal wirklich reich sein ... das wär's. Das Teuflische an diesem wirklich redlichen Bedürfnis ist jedoch, dass es sich so schwer beherrschen lässt. Aus Hunger nach Besitz wird leicht Unersättlichkeit, dann Habgier und Habsucht. Wenn Besitz meinen Verstand besetzt, ist er Sucht. Dann spätestens habe ich einen wesentlichen Teil meines Menschseins verfehlt.

….. Der Engel, der im Evangelium einen in die Arme schließt und trägt, der einen auffängt – das ist ein Bild für das Bedürfnis des Menschen nach Geborgenheit, gelingender Partnerschaft und Liebe. Jemanden haben, bei dem man sich einfach fallen lassen kann, wer möchte das nicht?

„Du bist mein ein und alles", sagen manche. Wenn ein Mensch vom anderen „alles" erwartet, wenn er ihm alles bedeuten und jeden Lebenssinn vermitteln soll, dann wird er überfordert. Alles ist vielleicht zu viel.

….. Alle Reiche der Welt besitzen – dieses Bild im Evangelium ist ein Bild für das Bedürfnis des Menschen nach Geltung und Macht. Es gibt eine tiefsitzende Angst im Menschen, nichts zu gelten und kein Ansehen bei den Menschen zu haben. Das kann bei manchen zu einer übersteigerten Aktivität führen: Sie suchen Ansehen und Autorität um jeden Preis. Wer nicht absolut an der Spitze ist, ist noch nicht am Ziel. Wer trunken ist von Macht, hat den Kopf längst nicht mehr frei. Alles wollen! Das geht nicht, weil der Mensch eben Mensch ist und nicht Gott.

Jesus hat dieser Tendenz zum Maßlosen nicht nachgegeben; nicht aus Bescheidenheit, sondern weil er dem Menschsein dienen wollte. Er weiß, wer sein Gott ist. Auf diesen Gott ist Verlass, dauerhaft – nicht auf die „Götter", die mehr versprechen, als sie halten. Die können kurzfristig das Denken vernebeln; aber wenn das Leben ernst wird, bleiben sei nicht greifbar.

Die Fastenzeit lädt ein, aus der Distanz zu mir selbst – wie in der Wüste –  falsche Götter in meinen Fluchten aufzuspüren und sie notfalls rauszuwerfen, damit ich auf einem gesunden menschlichen Weg bleiben kann. Dem Weg mit Gott – mit Jesus, der mich begleitet – auch durch diese österliche Bußzeit und durch mein ganzes Leben.


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Photo: Rubén Bagüés on Unsplash