Bundesebene Geistlicher Impuls

Ein Osterfest am Beginn der dunklen Jahreszeit

Gedanken zu den Feiertagen Allerheiligen und Allerseelen von Rosalia Walter, Geistliche Leiterin des Kolpingwerkes Deutschland

An Allerheiligen richtet sich unser Blick auf alle Heiligen der Kirche. Kirchliche Heilige dürfen öffentlich verehrt werden, denn sie sind durch Gottes vielfältige Gnade zur Vollkommenheit geführt, haben nach Meinung der Kirche das ewige Heil erlangt und legen Fürsprache für uns ein. Allerheiligen ruft den Gläubigen auch ins Bewusstsein, dass wir alle zur Heiligkeit berufen sind.

Allerseelen ist der Gedenktag der anonymen Heiligen, von denen wir hoffen, dass Gott, der sie in der Taufe angenommen hat, ihnen in der Freude des Himmels das verheißene Erbe schenken wird.

Beide Feste sind liturgisch weniger von Trauer als von österlicher Auferstehungshoffnung geprägt. Sie sind zwar nicht gleich, stehen aber in enger Beziehung zueinander. Die Verbindung von Allerheiligen und Allerseelen macht den Novemberbeginn zu einem Fest der Auferstehung: zu einem Osterfest am Beginn der dunklen Jahreszeit. So dokumentieren Allerheiligen und Allerseelen in der christlichen Überzeugung, dass durch Jesus Christus eine Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten besteht. Der Blick weitet sich vom irdischen Leben hin zur himmlischen Vollendung.

Adolph Kolping beschreibt diese Verbindung in einem Brief an seinen Freund Ernst Mittweg, als dessen Frau Antonie gestorben war:

„Dann bete ich für Antonie – jetzt mehr als jemals, und wäre es nur darum, um ihr auch in jenem besseren Leben, zu dem sie der liebe Gott gewiss aufgenommen hat, die Freude zu machen, dass wir ihrer mit Gott und in Gott in heiliger Liebe gedenken.

Und das Gebet lindert das Leid; das Gebet tröstet und versöhnt, das Gebet belebt die Hoffnung des einstigen Wiedersehens. Aber gerade dieses Gebet für die teure Seele unserer Heimgegangenen stärkt auch wieder für die Erfüllung unserer Pflichten.

Und das letztere ist auch ein Trost für die Verstorbene ... Oder glaubst du nicht auch, mein Freund, dass Antonie auch jetzt noch – und mehr und besser, als sie auf Erden vermochte – Teil an unseren Leiden und Freuden nimmt? Oder sollte solche Liebe, wie sie ihr Herz auf Erden erfüllte ... mit dem Leibe ersterben? …

Und Wiedersehen, mein Bruder, Wiedersehen ist das süße Trosteswort am Grabe unserer Geliebten.“

Mit diesen Worten drückt Adolph Kolping seine tiefe Überzeugung von der Verbindung zwischen den Lebenden und Toten aus. Die Verstorbenen sind im Reiche Gottes aktiv eingesetzte Kräfte für uns. Das ist auch die Sicht des Evangeliums von den Verstorbenen. Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Thessalonich (4,13-14): „Brüder und Schwestern, wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.“

Unser Umgang mit den Verstorbenen sollte deshalb ihr Lebendig-sein bedenken.

Im Gebet: „O Herr gib ihnen die ewige Ruhe, lass sie ruhen in Frieden“, bekennen wir, dass die Verstorbenen im Licht des Herrn leben in Frieden, und hier auf Erden für uns da und uns nahe sind.

Dieses Bewusstsein ist die Grundlage dafür, dass wir die Heiligen als Fürsprecher bei Gott bezeichnen. Im Lied „Ihr Freunde Gottes allzu gleich“ singen wir: „Helft uns in diesem Erdental“, und wir beten auch gern: Auf die Fürsprache des seligen Adolph Kolping bitten wir …

Ich befürchte allerdings, dass diese Gebetsworte oft nur Floskeln sind, denn Karl Rahner sagt:

„Die meisten Christen von heute haben schon kein waches Verhältnis mehr zu ihren eigenen Toten, zu den Toten der Sippe und Familie. Sie sind gegangen und – Ausnahmen zugegeben – aus dem Leben verschwunden. Man vergisst sie, und wenn man an sie denkt, geht der Blick auf ihr Leben, das sie mit uns führten, nicht auf sie, die Lebenden. Man bestreitet nicht, dass sie beim Gott der Lebendigen an sich leben. Aber für uns selbst leben sie nicht, sie sind gleichsam ohne Rest aus unserem Dasein ausgeschieden.“

Aufgrund dieser Tatsache stellt Karl Rahner die Frage: „Wie sollte aber der Mensch, dem seine eigenen Nächsten in die Finsternis des Todes verschwinden, die die kleine Helle unseres Daseins wie schweigende Unendlichkeit umgibt, dann die Fähigkeit bewahren, bloß darum andere in sein Leben verehrend aufzunehmen, weil sie heiliger waren?“

Allerheiligen und Allerseelen ermutigen uns zu einem wachen Verhältnis zu unseren eigenen Toten. Wir gedenken dabei nicht nur der Heiligen, Adolph Kolping und der Freunde Gottes, indem wir für sie beten, sondern wir bitten sie auch für uns um Hilfe, weil wir glauben, dass unsere Verstorbenen leben. Dies stärkt unser Bewusstsein und unsere Hoffnung, denn „wir sind nur Gast auf Erden, und wandern ohne Ruh der ewigen Heimat zu“.


Foto: Marian Hamacher

Weitere Impulse zum Nachlesen und Stöbern findest Du hier.