Geistlicher Impuls

Ein Ahnen und Fühlen

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zu Allerheiligen

Wenn wir auf den Friedhöfen unserer Toten gedenken und die Segnung der Gräber vollziehen, beschäftigen mich immer zwei Gedanken; erstens die Erinnerung an die Verstorbenen, an deren Grab ich gebetet und den Angehörigen mein Beileid ausgesprochen habe. Zweitens: Einst wird auch dein sterblicher Leib der Erde übergeben. Auch du bist, wie alle anderen, sterblich und vergänglich.

Beim Gedanken an die eigene Sterblichkeit habe ich dann mit einer Schwierigkeit zu kämpfen. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass ich eines Tages nicht mehr existieren sollte. Irgendetwas sträubt sich in meinem Inneren. Ein Gefühl wird in mir wach, welches mir sagt, dass ich mich nicht so einfach ins Nichts auflöse, als hätte es mich nie gegeben. Dieses Gefühl hat nichts mit meinem christlichen Glauben oder mit meiner Erziehung zu tun. Es ist viel ursprünglicher und elementarer.

Diese tiefe Überzeugung des Lebens in mir, vielleicht das, was wir Seele nennen, war vom Beginn der menschlichen Geschichte an ein diffuses Ahnen, dass eben mit dem Tod nicht alles aus ist. Dies wurde zur Triebkraft, die die ägyptischen Pharaonen dazu brachte, riesige Pyramiden zu bauen. Hier haben wir den Grund für den Bau der Steingräber bei Kelten und Germanen, der Mausoleen und Grabbauten bei Griechen und Römern. Fast alle Kenntnisse, die wir aus der menschlichen Frühzeit und von den alten Kulturen gewonnen haben, verdanken wir den Gräbern und dem, was die überlebenden den Toten mitgegeben haben.

Der aufgeklärte Materialist der Neuzeit mag solches Ahnen und Fühlen belächeln und mir mit Hilfe von Logik und Wissenschaft „beweisen“, dass mit dem Tod alles aus ist. Er hat die erdrückende Mehrheit der Menschen gegen sich. Er kann mir auch nicht jenes Fühlen und Ahnen aus dem Herzen reißen. Ich werde ihm im Gegenteil erwidern, dass das Licht des menschlichen Wissens sicherlich weit leuchtet, aber von der dunklen Wand des Todes verschluckt wird. Was jenseits der Schwelle des Todes ist, kann menschliche Vernunft nicht fassen.

Das für mich Entscheidende aber ist, dass Jesus Christus auf meiner Seite steht und dem Hoffen und Ahnen meines Geistes Recht gibt, allerdings auf eine Weise, die ich mir selber nie hätte ausdenken können.

Jesus sagt vom Vater im Himmel, dass dieser nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebenden ist. Jesus spricht von den vielen Wohnungen im Hause seines Vaters; er spricht vom ewigen Gastmahl, vom Hochzeitsmahl im Reich Gottes. Jesus spricht davon, dass Gott einst alle Tränen vom Antlitz der Schöpfung abwischen wird; er verheißt einen neuen Himmel und eine neue Erde. Einst wird der Tod getötet und das Leben neu geschaffen werden. Jesus sagt, dass kein Auge gesehen, kein Ohr gehört, keines Menschen Herz jemals gefühlt hat, was Gott denen bereitet, die ihn lieben. Jesus sagt, dass unser Herz keine Angst zu haben braucht, weil Gott größer ist als unser Herz.

Was der Mensch von Anfang an geahnt hat, was die Philosophen in Formeln gegossen haben, wird von der göttlichen Offenbarung zugleich bestätigt und überstiegen. Diese Offenbarung ist der eigentliche Grund unserer Hoffnung. Daher ist das christliche Totengedenken an Allerheiligen und Allerseelen mehr als die schmerzliche Erinnerung an jene, die der Tod uns genommen hat. Im Glauben und im Gebet setzen wir unsere Hoffnung darauf, dass Gott ihnen und uns Anteil an Tod und Auferstehung seines Sohnes und am ewigen Leben geben wird. Das ist meine Überzeugung. Daran glaube ich. 


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