Bundesebene Geistlicher Impuls

Christus bleibt die Mitte.

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Was für eine Erzählung begegnet uns im heutigen Evangelium.

Da leidet eine Frau. Sie hat eine Tochter, die mit starrem Blick in der Ecke sitzt, umgetrieben von dämonischen Mächten. Die Frau ist hilflos, setzt ihre letzte Hoffnung auf Jesus, schreit ihn verzweifelt an: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids!“ So hören wir im heutigen Evangelium. Jesus aber sagt kein Wort. Als seine Jünger nachhaken und ihn bitten, der Frau zu helfen, damit sie nicht mehr so schreit, da bekommen sie zur Antwort: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Und als die Frau voller Not noch einmal sagt: „Herr, hilf mir!“, weist Jesus sie schroff zurück. Er sagt nämlich: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen!“ Jesus also weiß sich in seinem Selbstverständnis allein zu seinem eigenen Volk gesandt. Israel ist der Adressat seiner Botschaft. Das Zwölf-Stämme-Volk soll zu Gott umkehren. Die anderen Völker, womöglich eine weltumspannende Gemeinschaft des Glaubens, sind zunächst nicht im Blick Jesu.

Versuchen wir nicht, diese etwas ernüchternde Einsicht zu relativieren nach dem Motto: Jesus hat das ja alles nicht so gemeint, er hat den Glauben der Frau erst prüfen wollen. Oder: Der Evangelist Matthäus hat die Geschichte in seiner großen Wertschätzung des Judentums ein wenig übertrieben. Nein, gerade die Sperrigkeit des Textes und die Tatsache, dass der Evangelist Markus ihn ebenfalls überliefert, spricht dafür, dass hier eine Szene aus dem Leben Jesu ganz echt und unverfälscht überliefert wurde. Andere Völker sind zunächst nicht im Blick Jesu.

Allerdings geht die Geschichte zum Glück noch weiter. Weiter geht sie dadurch, dass sich die Kanaanäerin als eine starke Frau erweist und sich nicht abwimmeln lässt. Schlagfertig und provozierend und sehr wirkungsvoll weist sie darauf hin, wenigstens einige Reste und Krümel abzubekommen, die vom Tisch fallen.

Jesus ist wohl verblüfft gewesen. Mit einer solchen Antwort hat er nicht gerechnet. Aber er lässt sich überzeugen. Er lernt dazu. Jesus, der uns in den Evangelien meist als ein Lehrender begegnet – hier ist er ein Lernender. Von dieser uns namentlich nicht bekannten Frau aus der Gegend von Tyrus und Sidon lernt er: Es gibt kein Heil für ein Volk allein. Israel ist erwählt – nicht, um das Heil exklusiv für sich zu behalten, sondern um es weiterzutragen in die Völkerwelt hinein. Die Sendung Jesu lässt sich letztlich nicht beschränken. Sie ist ihrem Wesen nach eine universale Sendung, die jedem Menschen gilt.

Der kurze Dialog zwischen Jesus und der Frau hat Weltgeschichte gemacht. Er hat mit dazu beigetragen, Jesus, die Jünger und später die ganze Kirche lernen zu lassen: Kirche soll nach Gottes Willen eine alle Nationen umgreifende Gemeinschaft sein, das Evangelium soll Grenzen überschreiten und Kulturen verbinden. Aber das musste Jesus, das musste die Kirche erst lernen.

Die Kirche ist eben nicht nur eine Lehrgemeinschaft. Sie ist auch eine Lerngemeinschaft. Die Kirche muss auch bereit sein zu lernen – von innen her wie von außen. Sie muss immer neu lernen, wie die an sich zeitlose Botschaft in die Zeit hinein transportiert werden kann. Sie muss auch bereit sein, sich von außen, von der Welt, von Kritikern, von anderen Kirchen und Konfessionen etwas sagen zu lassen – so wie die heidnische Frau von außen her das Denken und die Praxis Jesu in Frage gestellt hat.

Christus bleibt die Mitte. Er allein ist der Herr. Die Kirche und wir selbst, jeder Glaubende, muss an ihm ausgerichtet bleiben. Er ist der Grund für unsere Hoffnung und unseren Glauben. Er allein.

 

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Bild: floyd99 auf pixabay.com