Bundesebene Geistlicher Impuls

Christsein heißt, leben mit einem, der lebt.

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag.

Es wird berichtet, Goethe habe als eine letzte Bitte vorgetragen: „Mehr Licht". Wahrscheinlich war es der bescheidene Wunsch eines Sterbenden, das verdunkelte Zimmer mit den Strahlen des Tageslichtes zu erhellen. Wer sich aber dem Dichter nähert, erkennt, wie er mit bohrenden Fragen hinter die Geheimnisse des Lebens kommen wollte. Dann darf man diese letzte Bitte auch tiefer verstehen.

Eigentlich begleitet uns die Bitte „mehr Licht" bis ins hohe Alter; alle Erkenntnisse, die wir durch Erfahrung, Wissenschaft und Technik gewonnen haben, stellen uns noch immer nicht zufrieden. Der Wunsch nach mehr Licht geht sogar über die Grenzen des Todes hinaus: Was kommt dann? “Darauf öffnete er ihren Sinn“ (Lk 24, 45), heißt es im heutigen Evangelium von Jesus. Weiß er vielleicht mehr? Kann er unseren geistigen Horizont erweitern? Ist er in der Lage, in das Dunkel das über unserem Leben liegt, Licht zu bringen?

So beschäftigt uns heute die Frage aller Fragen: Werden wir auferstehen? Diese Frage kann uns nicht in Ruhe lassen; sie war immer mit Zweifeln verbunden. Jesus begegnet ihr als Auferstandener, als Wiedergekommener mit aller Klarheit: „Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift ... Habt ihr etwas zu essen hier? [Er] aß es vor ihren Augen." (Lk 24,39-43) Jesus ist aus dem Tode erstanden; er bekennt dies in aller Deutlichkeit und gibt uns eine Antwort auf die Frage nach unserer Auferstehung. Er bringt mehr Licht in unsere Welt, als jeder andere Mensch. Er öffnet die Tore zu einem Leben ohne Grenzen. Das ist Auferstehung.

Gott sei Dank hatten sie Angst und kannten sie Zweifel: die Jünger. Das bringt sie uns menschlich näher und macht ihr Zeugnis glaubwürdig. Da heißt es von den Jüngern: "Sie erschraken und hatten große Angst." (Lk 24, 37) Und da steht die Frage Jesu: "Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen?" (Lk 24, 38) Eine Auferstehung ist nicht selbstverständlich. Angst und Zweifel bedrängen auch uns immer wieder, was Ostern betrifft. Wie kann das sein? Wer tot ist, bleibt tot. Und dazu die anderen Ängste unseres Lebens mit und ohne Namen. Gestehen wir sie uns ruhig ein: unsere Angst vor der Zukunft, vor dem Altwerden, vor der Ausweglosigkeit einer unheilbaren Krankheit, vor der Einsamkeit; unsere Angst vor dem Tod mit der bangen Frage: Was kommt danach? Das Osterlicht fällt in unsere Ängste und Zweifel. Das Evangelium zeigt uns, wie die Jünger Angst und Zweifel überwanden, wie sie zum Glauben an den Auferstandenen und an die Auferstehung fanden. Das ist beispielhaft für uns.

Die Jünger waren nach dem Kreuzestod Jesu wie am Boden zerstört. Die Begegnung mit dem Auferstandenen besiegt ihre Ängste und Zweifel und weckt in ihnen den Glauben an die Auferstehung. Im Hören auf sein Wort und im gemeinsamen Mahl dürfen sie ihn als Lebendigen erfahren.

Dem auferstandenen Christus begegnen wir, wenn wir uns hörend einlassen auf das Zeugnis der Augen- und Ohrenzeugen in der Heiligen Schrift. Dem auferstandenen Christus begegnen wir, wenn wir liebend mit ihm Mahl halten in der Feier der Eucharistie. So ist auch für uns Ostererfahrung möglich. Der Auferstandene schickt seine Jünger als Zeugen seiner Auferstehung in die Welt. Damit beginnt die weltweite Verkündigung der Osterbotschaft.

Das neue Leben, das Leben des auferstandenen Christus, ist uns geschenkt worden in unserer Taufe. Jetzt kommt es darauf an, als Ostermenschen zu leben. Das ist unser Zeugnis. Es besteht nicht in vielen Worten, sondern in einem österlichen Leben. Christsein heißt, leben mit einem, der lebt. Das heißt: das Gespräch mit ihm pflegen. Wir dürfen Christus als gegenwärtig erfahren in der betenden, singenden, feiernden Gemeinde. Leben mit einem der lebt, heißt: ihn suchen in den Schwestern und Brüdern. Der lebendige Herr ist nicht irgendwo zu finden, sondern neben uns: Er ist die alte Frau, die junge Mutter, der Arme. Leben mit einem, der lebt, lässt unser Leben zu einem, beständigen Fest werden, selbst dann noch, wenn uns Leiden und Schmerzen heimsuchen. So wollen wir Ostern in der Osterzeit feiern. Als erlöste Menschen, als Menschen, die Gott lieben. "Mehr Licht" soll Goethe als letzte Bitte gesagt haben. Wer glaubt, hat mehr Licht, weil er das Licht Gottes erwartet. Christus ist mitten unter uns, und wir gehen auf ihn zu. Christus lebt und auch wir werden leben.

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Bild: kytalpa auf pixabay.com