Geistlicher Impuls Bundesebene

Beginn der Fastenzeit

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum heutigen Aschermittwoch

Am Aschermittwoch schlägt die Stunde der Wahrheit! Die Musik der närrischen Tage ist verweht. Die Masken sind gefallen. Das Leben zeigt sich wieder ungeschminkt. Wir tragen vielleicht lieber die Masken der Fastnacht als das Staubkreuz des Aschermittwochs. Trotzdem braucht es diesen Tag, braucht es Abschnitte wie die Fastenzeit. In dieser österlichen Bußzeit stellen wir uns als Christen der ungeschminkten Wirklichkeit unseres Lebens. Der bewegende Ritus des Aschenkreuzes, der an uns vollzogen wird, ist eine dreifache Geste der Wahrheit: Er zeigt uns die Asche der Vergänglichkeit, das Kreuz der Nachfolge Jesu Christi und das Siegel des ewigen Lebens.

Wohl jeden von uns rühren die Worte bei der Austeilung der Asche an: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst." Die Asche auf meiner Stirn ruft mir die Wahrheit in Erinnerung, dass ich meine Stirn nicht immer hoch tragen werde. Meinem Leben ist ein Halt gesetzt. Mein Lebenslicht wird einmal still verflackern und dahingehen. Ich werde einmal in die Erde gesenkt, aus der ich genommen bin. Das Zeichen der Asche und das bohrende Wort „Bedenke, Mensch, ... " lassen die Frage in mir hochsteigen: Was bleibt? Was bleibt am Ende? Angesichts der unausweichlichen Sicherheit meines Todes frage ich: Was kann ich aus meinem Leben machen, so dass es Wert und Würde hat über den Tod hinaus?

Jesus sagt: „Wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen." Wir dürfen nicht nur in Egoismus fragen: Was bringt das? Was habe ich davon? Wir müssen fragen: Wo ist mein Bruder? Wo ist meine Schwester? Wie kann ich das Leben meines Ehepartners, meiner Kinder, meiner Eltern, meiner Mitschüler oder Mitstudenten, meiner Arbeitskollegen, meiner hungernden Brüder und Schwestern heller, froher, reicher machen? Vor meinem inneren Auge müssen sich die Gesichter meiner Brüder und Schwestern gelegentlich verwandeln in die Züge des Antlitzes Jesu Christi. Dann kann ich sicher sein: Jede Minute der Zeit, jedes Gramm der Lebenskraft, jeder Funke an Substanz, die ich an andere verschenkt habe, zählen einmal zum Reichtum meines Lebens, das nicht zerstört werden kann. Die Asche der Vergänglichkeit stellt uns die Frage: Was bleibt? Werde ich in dieser Fastenzeit eine konsequente Antwort geben? Habe ich den Mut, einen neuen Anfang zu machen?

Die Asche der Vergänglichkeit wird uns im Zeichen des Kreuzes auf die Stirn gezeichnet. Wir bezeugen damit, dass das Kreuz seinen Platz in unserem Leben hat - so wie es seinen unverrückbaren Platz im Lebensweg Jesu Christi besaß. Vielleicht ist Ihnen schon einmal eine eigenartige Spannung im Bild Jesu aufgefallen, wie es die Evangelisten zeichnen. Einerseits war er weder der Einladung zu einem Festmahl abgeneigt. Andererseits ging Jesus selbstverständlich in die Wüste und legte sich ein schweres Fasten auf. Er betete ganze Nächte hindurch auf dem Berg. Er erklärte hart und unmissverständlich, dass jeder sein Kreuz annehmen müsse. Einerseits die frohe, gelöste, liebenswerte Menschlichkeit, andererseits der selbstverständliche, harte Verzicht, das Ja zum Kreuz.

Vielleicht ist es so, dass Jeder das Kreuz trägt, das genau auf ihn passt, das Kreuz, dem er nicht entfliehen kann, das Kreuz, an dem er sich wie angenagelt fühlt. Wir wissen alle, welche Aufschriften dazu gehören: Krankheit, Unglück, beruflicher oder schulischer Misserfolg, Verlust eines geliebten Menschen, bittere Enttäuschungen mit Menschen, mit denen wir zu tun haben. Werden wir dann mit unserem Kreuz ungeduldig und wütend sein? Oder werden wir es annehmen - mit dem Wissen darum, dass Gottes Wille immer Gottes Liebe ist? Der Härte, den scharfen Kanten unseres Kreuzes werden wir nicht gewachsen sein, wenn wir nicht auch in den ruhigeren Zeiten Kontakt behalten mit den Herausforderungen und dem Leid.

Die Fastenzeit erhält so ihre Bedeutung: Im freiwillig gewählten Verzicht, in der Betrachtung des Kreuzweges, im Beten, in der Teilnahme an einem Bußgottesdienst können wir uns einüben auf das Kreuz, das mit Sicherheit auch auf unser Leben seinen Schatten wirft. Werden wir uns in dieser Fastenzeit der Wahrheit des Kreuzes stellen? Werden wir uns einüben in das Kreuz der Nachfolge Jesu?

Das Kreuz wäre ein brutaler und sinnloser Galgen, wenn es nicht in das Licht des Ostermorgens getaucht wäre. Das Aschenkreuz erinnert uns nicht nur an die Wahrheit von der Vergänglichkeit des Lebens und der Kreuzesnachfolge Jesu, es ruft uns auch ein großartiges Bild aus der Geheimen Offenbarung in den Sinn: Die Erwählten des Lammes tragen auf ihrer Stirn das leuchtende Siegel des ewigen Lebens. Wer das Zeichen des Aschenkreuzes trägt, ist nicht einfach Staub, der im sinnlosen Abgrund des Nichts vergehen wird. Er lebt aus der Wahrheit, dass er „Asche zur Auferstehung" ist, bereit zur „Fahrt ins Staublose", wie die Dichterin Nelly Sachs einmal sagt. Auch unter der Asche von Vergänglichkeit, Schuld, Kleinmut, Angst oder Resignation ist die Glut des Lebens Jesu Christi am Werk.

Diese österliche Kraft ist seit der Taufe in uns hineingesenkt.  Das österliche Leben Jesu Christi reift in uns heran und es wird am Ende unseres Lebens in uns durchbrechen, so wie eine Knospe aufspringt und sich zu ihrer eigentlichen Vollendung, zur Blüte entfaltet. „Uns allen blüht der Tod" - aber es ist der Tod, in dem Gott für immer die Asche unserer Vergänglichkeit wegfegt, der Tod, der uns in das eigentliche Leben führt - in das Leben, für das es sich lohnt, zu sterben.

Wir spüren, dass wir das Aschenkreuz nicht nur als äußeres Zeichen auf der Stirn tragen dürfen. Wir spüren, dass wir es in unseren Herzen als Siegel des ewigen Lebens durch unser irdisches Leben tragen sollen. Wir spüren, dass wir auch in dieser Fastenzeit kein finsteres Gesicht zu machen brauchen, sondern dass sich die österliche Freude in unserem Gesicht spiegeln darf.

Am Aschermittwoch schlägt uns die Stunde der Wahrheit! Stellen wir uns der dreifachen Wahrheit des Aschenkreuzes: der Asche der Vergänglichkeit, dem Kreuz der Nachfolge Jesu, dem Siegel des ewigen Lebens. Gestalten wir diese Fastenzeit so, dass wir uns einüben und bereit machen für die entscheidende Stunde der Wahrheit! Einmal werden wir Auge in Auge vor IHM stehen, der von sich sagt: „Ich bin die Wahrheit" und „Ich bin das Leben - das ewige Leben!" Werden wir bereit sein?


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Bild: Céline Martin auf pixabay.com