Geistlicher Impuls

Aus den Augen, aus dem Sinn

Geistlicher Impuls des Kolping-Bundespräses Josef Holtkotte zum Sonntag

 Viele unter uns haben in diesen Tagen Urlaub oder Ferien. Alle, die jetzt oder später „freie Zeit" haben, machen eine ganz wichtige Erfahrung: Diese Zeit ist wie ein wertvolles Geschenk; auf diese Zeit wird gewartet, diese Zeit wird mit vielen guten Plänen gefüllt, sie wird gestaltet. Deshalb kann für viele diese Zeit zum Heil werden, zu einem Lebensabschnitt, der die kommenden Tage und Monate positiv prägt. Umgekehrt gilt Ähnliches: Wer Zeit verschwendet, totschlägt, einfach nur „vertreibt“, der bleibt innerlich leer, der wird wohl kaum positive Impulse für sein Leben aus einer bewusst gestalteten Zeit bekommen.

Jedem von uns ist für sein Leben Zeit anvertraut. Zeit als Möglichkeit und Aufgabe. Wir können Zeit füllen oder vertun. Unser Leben kann gelingen oder missraten. Es liegt viel an uns selbst, wie wir das Geschenk der Zeit nutzen. Doch dieses Geschenk ist niemals nur für uns selbst bestimmt. Zeit ist nämlich auch immer Aufruf zum Dienst am Nächsten, zum Gestalten der Welt im eigenen Lebensbereich. Hieran erinnert uns das heutige Evangelium, das uns zugleich auch mahnt, die Zeit wach zu gestalten.

Wir kennen die Erfahrung, die folgendes Sprichwort ausdrückt: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Diese Erfahrung kennt auch der Herr. Er weiß, dass wir Menschen immer wieder in der Gefahr stehen, seine Worte und seine Ermutigungen zu vergessen. Er weiß, dass wir immer in der Gefahr stehen, müde und gleichgültig zu werden. Deshalb ermutigt er uns zur Wachsamkeit mit unserer Zeit und für unsere Zeit. Wir sind nicht nur zum Arbeiten geboren. Unser Leben soll sich erst recht nicht darin erschöpfen, dass wir Geld zusammenraffen und dieses Tun auch noch als höchstes Lebensziel ansehen. Die Welt und die Dinge dieser Welt sind für uns Menschen geschaffen. Wir haben die Freiheit, über die Dinge des alltäglichen Lebens zu bestimmen oder uns von ihnen bestimmen zu lassen.

Was ist uns wirklich wichtig im Leben? Was bestimmt unser Leben? Dazu sagt das Evangelium sehr deutlich: Setzt alle Hoffnungen auf den Herrn! Es geht im Leben wirklich nicht nur darum, Grundbedürfnisse zu befriedigen. Wir sollen vielmehr das Reich Gottes suchen und Spuren dieses Reiches im eigenen Leben verwirklichen. Deshalb gilt es, wach zu sein, damit unser Leben stets in enger Bindung mit Gott verläuft. Er muss in uns einen Platz haben, wo er wirken kann, damit Stille und Gebet Orte der „hellwachen“ Begegnung mit ihm sind und bleiben.

Wer so lebt, der ist auch „hellwach“ für seine Umwelt. Vielleicht kann uns in diesem Punkt folgende Erfahrung etwas weiterhelfen. Wenn in diesen Tagen Kinder und Jugendliche zum Zeltlager unterwegs sind, dann gibt es dort immer eine Nachtwache. Dabei geht es nicht nur um das „Wachsein", sondern viel mehr noch um das Sorgen, Schützen, Achtgeben, Bewachen, Sich-Kümmern um die Gemeinschaft. Dieses Bild will uns verdeutlichen: Wir als wache Christinnen und Christen tragen mit all unseren Kräften und Fähigkeiten Mitverantwortung an und in dieser Welt. Außerdem will es uns deutlich machen, dass wir in besonderem Maße Verantwortung tragen für den Menschen neben uns. Diese im Evangelium angesprochene Wachsamkeit ist eine Art Fürsorge, die einen Blick dafür hat, was Welt und Mensch im eigenen Umfeld brauchen.

Der Herr traut uns zu, dass wir unsere Talente und Fähigkeiten für die Welt und für die Menschen in dieser Welt einsetzen. Wie ist es mit unserer Verantwortung und unserem Da-Sein für Andere? Der Herr traut uns zu, dass wir wachen Herzens und Sinnes durch die Zeit gehen. Wer in dieser Haltung etwas von sich hergibt, etwas von sich verschenkt, der verliert nichts, sondern gewinnt vieles.

Wir leben als Christinnen und Christen in dieser Welt. Uns allen ist für unser Leben das hohe Gut "Zeit" anvertraut, mit dem wir "Wach" umgehen sollen. Wir haben für unser Leben ein Ziel und dürfen diesem Ziel wachen Herzens entgegengehen. Dieses Ziel ist der Herr, er ist mit uns auf dem Weg. Er ist der Motor für unser Wachsein in der Welt für die Menschen. Weil er um der Menschen willen zu uns gekommen ist, sollen wir als Christinnen und Christen es ihm gleichtun. So gewinnen und schenken wir Leben und haben Zukunft in Gott.


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Bild: von stocksnap auf pixabay.com